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Vivienne Westwood: "Kaufen Sie gar nichts!"

Vom ersten Punk zu Großbritanniens erster Adligen der Modewelt - was Vivienne Westwood in 33 Jahren als Designerin erreicht hat, zeigt jetzt eine große Ausstellung. Dem stern verriet sie, wie es für sie weitergehen soll.

Glückwunsch, Frau Westwood, nun hat die Queen Sie also auch noch in den Adelsstand erhoben. Wie fühlt man sich damit als Erfinderin der Punk-Mode, die Slogans wie "Anarchy in the UK" propagierte?

Nun, die Auszeichnung hat mich etwas überrascht. Aber ich fühle mich geehrt. Solche Titel haben etwas Identitätsstiftendes, sie helfen, die Struktur einer Gesellschaft zu festigen. Außerdem mag ich die Queen. Von Präsident Bush hätte ich sicher keinen Orden angenommen.

Als Sie 1992 zum ersten Mal von der Queen geehrt wurden, lüpften Sie den Rock und zeigten der Welt, dass Sie keinen Slip trugen. Offenbar hat man Ihnen diese Provokation nicht verübelt.

Das war keine Provokation, sondern ein Versehen! Ich schwenkte meinen Rock für die Fotografen, um zu demonstrieren, wie toll das Material fällt. Die ermutigten mich, ihn immer höher zu raffen und, nun ja... Ich hörte aber im Nachhinein, dass die Queen sich sehr darüber amüsiert hat.

Besitzt die Queen eigentlich ein Kleidungsstück von Vivienne Westwood?

Sie selbst nicht, aber Sophie, Prinz Edwards Frau. Und natürlich Sarah Ferguson, die Ex von Andrew. Eine tolle Frau! Sie hat zwei so kluge, gut erzogene Kinder. Erst kürzlich rief sie an und fragte mich um Rat bei der Wahl des richtigen Studiengangs für ihre Tochter Eugenie.

Die Royals fragen Sie um Rat - das wäre am Anfang Ihrer Karriere undenkbar gewesen. Die Punk-Bewegung stand für Rebellion, 1975 wurden Sie und Ihr damaliger Partner Malcolm McLaren sogar verhaftet. Wie steht er eigentlich zu Ihrem Sinneswandel?

Keine Ahnung, wir haben kaum Kontakt.

Sie haben fast 15 Jahre zusammengearbeitet und einen gemeinsamen Sohn. Und jetzt sprechen Sie nicht mal mehr miteinander?

Wissen Sie, Malcolm und ich haben einfach das Interesse aneinander verloren. Nach dem Punk-Ding war schnell klar, dass wir eine unterschiedliche Auffassung davon haben, was subversiv und revolutionär ist. Ich bin ein Mensch, der einen sehr genauen Blick auf die Dinge wirft, der liest, studiert, recherchiert. Malcolm ist viel oberflächlicher. Ihm ging und geht es vor allem darum, Ärger zu machen.

Ist Punk für Vivienne Westwood tot?

Absolut. Ich hätte mir ein Denkmal als ewiger Rebell errichten lassen können, aber wie langweilig ist das, bitte? Ich habe Besseres zu tun, als alten Ideen nachzuhängen. Punk war für mich eine reine Fingerübung. Ich wollte herausfinden, inwieweit man die Verhältnisse verändern kann, indem man das System attackiert.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Man ändert gar nichts, zumindest nicht durch T-Shirts mit pauschalen Phrasen. Dadurch schockt man das Establishment nicht, sondern füttert es im Gegenteil noch. Punk wurde verschluckt, vermarktet, und am Ende waren wir die Opfer.

Worum geht es Ihnen heute mit Ihrer Mode?

Ich möchte das Denken der Leute beeinflussen. Ich weiß, dass das anmaßend und womöglich dümmlich klingt, wenn man betrachtet, in welcher Zeit wir leben. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Welt sich bereits ändern würde, wenn nur einer von hundert anfinge, wirklich nachzudenken. Die Menschen müssen endlich wieder lesen, sich mit Geschichte beschäftigen und die Gesellschaft infrage stellen. Die alten Griechen hatten eine viel lebendigere Kultur als wir. Sie waren Vordenker, Visionäre, Skeptiker. Heute wird nur noch konsumiert, was die Propaganda-Industrie den Menschen vorsetzt.

Und deshalb tragen Westwood-T-Shirts jetzt Slogans wie "AP - Against Propaganda"

? Ja, oder "AR", für "Active Resistance To Propaganda". Das ist mein neues Projekt. Ich habe ein Manifest geschrieben, das sich an das anlehnt, was Aldous Huxley bereits in den 20er Jahren formuliert hat: Die drei Grundübel unserer Gesellschaft liegen im Nationalismus, der organisierten Lüge und der ununterbrochenen Ablenkung. Schauen Sie sich doch um, die Leute konsumieren, was man ihnen vorsetzt. Sie blättern in billigen Magazinen, verblöden vor dem Fernseher und lassen sich permanent beschallen. Und je mehr die Leute konsumieren, desto weniger denken sie nach.

Sie halten also alles, was die Populär-Kultur hervorbringt, für Abfall?

Es ist doch so unglaublich langweilig! Die Kinofilme - alt, abgegriffen, billig. Die Musik - so uninspiriert. Das ist keine Kultur, das ist reine Propaganda. Wie kann man sich dafür nur interessieren?

Aber Sie sind mit Ihrer Mode doch genauso Teil unserer Konsumwelt. Was raten Sie denn den Leuten: "Finger weg von Luxusgütern, außer denen von Vivienne Westwood"?

Wenn sie mich fragen, was sie sich als Nächstes kaufen sollen, dann sage ich: Kaufen Sie gar nichts! Auch nichts aus meiner Kollektion. Zumindest nicht einfach so. Oder weil irgendjemand sagt, es sei ein Must-have. Kaufen Sie nur, was Sie wirklich haben möchten. Sicher, ich bin ein Teil der Konsumgüterindustrie, aber ich sehe mich nicht als Teil der massenhaften Verbreitung schlechten Geschmacks. Ich gebe den Menschen die Chance, sich wundervoll zu kleiden.

Wenn sie es sich denn leisten können...

Wir reden doch hier nicht von Leuten, die arm sind und nichts anzuziehen haben. Wir sprechen von privilegierten Menschen, für die Kleidung ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit ist. Denen Mode eine soziale Präsenz verleiht, die wichtig aussehen wollen und dafür gern Geld ausgeben. Ihnen empfehle ich, nicht jede Saison zehn Teile zu kaufen, sondern ein Stück, was sein Geld wirklich wert ist.

Sie haben schon vor einer Weile verkündet, dass Sie sich lieber intellektuelleren Dingen zuwenden würden als der Mode. Denken Sie mit fast 65 allmählich ans Aufhören?

Ich kann mein Geschäft noch nicht aufgeben, ich bin zu tief darin verwurzelt. Ich entwerfe noch jede Kollektion selbst, obwohl mein Ehemann Andreas mir immer mehr abnimmt. Außerdem habe ich zu viele Ideen, die kann ich nicht einfach anderen überlassen. Trotzdem werde ich mich zukünftig noch mehr mit Literatur beschäftigen und auch selbst schreiben.

Was haben Sie konkret vor?

Seit einiger Zeit verfasse ich Essays zu Kunst- und Kulturthemen, und möglicherweise schreibe ich das Buch meines verstorbenen Freundes Gary Ness zu Ende.

Ihr Landsmann Jamie Oliver hat bei seinem Projekt für besseres Schulessen inzwischen die Unterstützung von Tony Blair persönlich. Vielleicht sollten Sie zu Ihren Lehrerwurzeln zurückkehren und sich mal den britischen Kulturbetrieb vornehmen?

Die Idee ist reizvoll, aber das ist nicht so leicht wie Punk-Rock. Da kann man nicht einfach herumrennen, mit Reizwörtern wie "anarchy" oder "destroy" um sich schlagen und hoffen, das sei subversiv genug, um die Verhältnisse zu ändern. Die einzig wahre Subversion liegt darin, den Menschen neue Ideen zu vermitteln. Und auf meine Weise versuche ich bereits, sie zum Nachdenken anzuregen.

Vielleicht könnten Sie zum Schluss die Stilberater unserer Kanzlerin inspirieren. Was empfehlen Sie Frau Merkel in Modefragen?

Ich kenne Frau Merkels Kleidungsstil nicht genug, um darüber urteilen zu können. Ich kann nur sagen, dass ich Margaret Thatcher noch immer für eine der bestgekleideten Personen überhaupt halte. Ihre Politik war grässlich, aber ihr Look hat ihr eine ungeheure Präsenz verliehen. Wenn Frau Merkel Westwood tragen will, kann ich ihr versprechen, dass ich ihr Outfits entwerfen werde, die sie schick, raffiniert und einflussreich erscheinen lassen.

Interview: Mareile Grimm

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