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Interview

Bodyshaming: "Mit Übergewicht starren dich alle an, aber du musst raus aus der Opferrolle"

Wie es sich anfühlt, optisch aus dem Rahmen zu fallen, hat uns Niels verraten. Der Neu-Hamburger war sein Leben lang übergewichtig und hat gelernt, damit umzugehen. Abnehmen will er trotzdem.

Übergewichtiger Mann mit Hantel, unscharf

Niels möchte nicht erkannt werden, deshalb zeigen wir ihn nicht. Der Mann im Bild hat eine vergleichbare Statur wie unser Interviewpartner.

Niels ist 28 Jahre alt, Social Media Manager und wohnt seit kurzer Zeit in . Er ist aus beruflichen Gründen an die Elbe gezogen – und der Liebe wegen, sein Freund lebt schon länger in der Stadt. Die meisten Norddeutschen sind eher groß und schlank, da fällt Niels auf. Er hat Übergewicht. Doch man merkt ihm nicht an, ob ihn das belastet, ob das Thema Figur ihn überhaupt interessiert. Deswegen haben wir mal nachgefragt.

Niels, was hast du für Maße?
Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, ich kann dir meine Größe sagen, 1,87 Meter. Ich habe mich ansonsten noch nie vermessen.

Ich meinte neben der Größe dein Gewicht.
Das möchte ich eigentlich nicht sagen.

Nicht mal ungefähr?
Hm, sowas wie 130, 140 Kilo.

Warst du schon immer ein Schwergewicht?
Joa, das kann man so sagen. Ich hatte früher eine starke Schilddrüsenunterfunktion, die ist dann mit der Pubertät weggegangen. Aber die Kilos nicht.

Du gehst sehr entspannt mit dem Thema um, mit sehr viel Selbstironie. Hast du jemals unter deiner Figur gelitten?
Ja. sind grausam. Man kennt das ja selber. Und so war es früher bei mir auch, in der Pubertät, aber auch davor, in der Schule. Da musste man sich dumme Sprüche anhören und hatte fiese Spitznamen. Irgendwann ist dann bei mir der Punkt erreicht gewesen, an dem ich gesagt habe: Entweder du frisst das alles in dich hinein, im wahrsten Sinne des Wortes, oder du lernst, mit der Situation umzugehen und zu kontern. Und ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Ich habe mir gesagt: Es ist so, du kannst es nicht schönreden, nicht wegreden, dann geh damit um, raus aus der Opferrolle. Und das hat sich über die Jahre gefestigt. Natürlich gibt es immer mal Situationen, wo es ein bisschen unangenehm ist, aber meistens denke ich: Ich definiere mich nicht über mein Gewicht, ich definiere mich über anderes. Es ist halt einfach so, muss man mit leben. Beziehungsweise man kann ja schon was dran tun, mache ich ja auch.

Was machst du denn?
Sport, Schwimmen, Diät. Ich habe knapp 30 Kilo bis jetzt abgenommen. Und es soll mehr werden. Es ist ja nicht so, dass ich sage, ich habe mich mit dem Istzustand abgefunden. Vielmehr akzeptiere ich ihn in der aktuellen Situation. Aber mit der Zukunftsperspektive, dass sich etwas daran ändern muss.

Hast du im Hinterkopf das Ziel, eines Tages schlank zu sein?
Nicht schlank, nein. Das ist für mich ein unrealistisches Ziel. Das Ziel ist, das Gewicht zu reduzieren, sodass es eine Entlastung für den Körper ist, auch für die Gesundheit. Aber ich mache mir nicht vor, dass ich von meiner jetzigen Form auf ein Six-Pack-Model komme, weil ein Personaltrainer mich durchtrainiert hat. Lieber ein realistisches Ziel setzen, das man erreichen kann, als eins, das immer ein Traum bleibt.

Und ein realistisches Ziel wäre, unter 100 Kilo zu wiegen?
Ja, zum Beispiel.

Zurzeit ist das Thema Bodyshaming brandaktuell, viele Menschen treten dafür ein, dass alle Körper schön sind. Wie stehst du dazu?
Prinzipiell finde ich das einen guten Ansatz, da es Leute, die weniger Selbstbewusstsein haben, motiviert, zu sich selbst zu stehen. In den Medien wurde und wird auch heute noch ein bestimmtes Idealbild vorgegeben. Deswegen finde ich es ganz schön, wenn gesagt wird, dass jeder Mensch, jeder Körper auf seine Art und Weise schön ist. Das begrüße ich sehr. Es darf aber nicht in die Richtung abgleiten zu sagen, auch dick ist gesund. Das ist halt nicht so.

Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit?
Ja, natürlich. Das ist ja auch der Grund, warum ich sage, dass ich abnehmen möchte. Man ist zwar auch im Alltag in gewissen Punkten eingeschränkt, etwa im Flugzeug merkt man das. Natürlich ist die Gesellschaft inzwischen auch auf übergewichtige Menschen eingestellt, es gibt breitere Sitze und mehr Beinfreiheit, aber man spürt schon, dass man in gewissen Punkten nicht der Norm entspricht. Während manche denken mögen, dass sie so aus der Masse herausstechen, kommen andere damit gar nicht klar. Ich kenne das von einem guten Freund, der ein ähnliches Schicksal teilt, aber vom Charakter her ganz anders ist. Er mag sich selbst nicht, macht sich schlecht, findet sich eklig.

Gibt es außer Flugzeugen noch etwas, wo du dich eingeschränkt fühlst?
Freizeitparks und Achterbahnen. Da ist es zwar nicht so, dass die Angestellten sagen, sie möchten nicht, dass du mitfährst, aber es ist ein Sicherheitsfaktor. Das kann ich auch nachvollziehen. Da merkt man's halt.

Hast du mit deinem Freund mal über das Thema Figur geredet?
Da haben wir so noch nie drüber gesprochen. Unter dem Gesichtspunkt Gesundheit ist es ein Thema. Ich weiß, dass er sich auch um seine eigene Gesundheit Sorgen macht, weil er behauptet, er wäre zu dick. Ist er aber nicht. Ich weiß, dass er sich auch Sorgen um mich macht. Und das finde ich gut, denn es wäre schlimmer, wenn es ihn in keiner Weise interessieren würde. Aber ein Thema, über das man öfter spricht, ist es überhaupt nicht.

Fühlst du dich manchmal unwohl oder nicht begehrenswert?
Es ist wichtig, was man für ein Selbstbild hat, ob es reflektiert ist oder verquer. Auch wenn ich sagen kann, ich fühle mich wohl in meinem Körper, weiß ich trotzdem, dass ich etwas tun muss, damit ich mich noch wohler fühle. Natürlich hat man mal so einen Tag, an dem man sich auch unwohl und noch mal zehn Kilo schwerer fühlt.

Wirst du von Fremden "beäugt"?
Ja, aber das lernt man auszublenden. Noch vor zehn Jahren ist mir das eher aufgefallen, heute habe ich mich daran gewöhnt. Es ist sogar eher so, dass es anderen auffällt. Als ich mit meinem Exfreund mal essen war, hat er gesagt: "Boah, der eine Typ starrt dich immer so komisch an." An mir ist das komplett vorbeigegangen. An welchem Punkt das Ausblenden bei mir eingesetzt hat, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, da helfen Dinge, die Überwindung kosten. Etwa schwimmen gehen. Wenn ich da ein paar Jahre zurückdenke – da habe ich mir immer noch ein Handtuch umgewickelt. Mittlerweile denke ich, ich bin wie ich bin. Und wenn die Leute gucken möchten, dann haben sie eben was zu gucken. Das ist nicht mein Problem.



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