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Trinken ohne Trend Das Leben ist zu kurz für hippe Bars: Eine Ode an unaufgeregte Kneipen

Trinken ohne Trend: Das Leben ist zu kurz für hippe Bars: Eine Ode an unaufgeregte Kneipen
"Da musst du hin!", heißt es immer wieder über die neueste Trend-Bar. Aber muss man das wirklich? Warum weniger hip manchmal besser ist.

Ich bin für gewöhnlich ein Mensch, der von anderen Menschen eher auf der hippen Seiten des Spektrums zwischen "Spießer" und "Hipster" eingeordnet wird. Okay, ich trage Brille, mache "irgendwas mit Medien", wohne in einem schon fast durchgentrifizierten Viertel einer Großstadt und verwende auffällig viele Anglizismen. I get it. 

Allerdings gibt es immer wieder Dinge, die mich meine vollständige Zugehörigkeit zur Spezies der Hipster anzweifeln lassen. Mein Instagram-Account ist nicht ästhetisch einheitlich weiß, mein Musikgeschmack schließt Pop nicht kategorisch aus und vor allem mag ich keine hippen Bars.

Vielmehr noch vielleicht: Ich verstehe sie nicht. 

Wieso tut man sich das an?

In meiner Nachbarschaft gibt es mehrere dieser Bars, die aus unerfindlichen Gründen immer proppenvoll mit sehr hippen Menschen sind. Und ich meine so voll, dass ein Sitzplatz unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto und Kommunikation dank des Lautstärkepegels nur schreiend möglich wird. Diese Bars sind ausnahmslos immer äußerst geschmackvoll eingerichtet und bieten Drinks zu Preisen an, bei denen man sich fragt, ob in dem Gin Tonic eigentlich auch irgendwo Blattgold schwimmt.

Trinken ohne Trend: Das Leben ist zu kurz für hippe Bars: Eine Ode an unaufgeregte Kneipen

Versteht mich nicht falsch: Ich mag Gin Tonic. Ich mag es auch, mich bei einem gepflegten Drink eher kultiviert als am Rande des Filmrisses zu fühlen. Aber wisst ihr, was ich noch mag? Bei meinem Drink nicht permanent einem klaustrophobischen Anfall nahe zu sein.

Gesehen werden statt Gesellschaft?

Es ist und bleibt mir ein Rätsel, wie das soziale Protokoll beim Besuch einer dieser angesagten Bars funktioniert. Vielleicht habe ich das Memo nicht bekommen, aber für gewöhnlich suche ich Bars und Kneipen in Begleitung mindestens einer anderen Person auf, meistens mehr. Nun wäre es für eine größere Gruppe in einer der Trend-Bars per se quasi unmöglich, überhaupt irgendwo Platz zu finden, sei es nun stehend oder sitzend. Und da Konversation in Gruppen an und für sich schon kein ganz einfaches Unterfangen darstellt, ist die kommunikative Katastrophe in einer lauten, mit hipper Musik beschallten Bar doch vorprogrammiert. 

Trinken ohne Trend: Das Leben ist zu kurz für hippe Bars: Eine Ode an unaufgeregte Kneipen

Date-Desaster? 

Und zu zweit? Nehmen wir einfach mal an, ich möchte ein Date mit meinem guten Geschmack für Lokalitäten, die alkoholische Getränke servieren, beeindrucken. Vielleicht möchte ich das Date dabei gleichzeitig auch noch kennenlernen. Ein wenig zumindest. Letzteres scheidet dank Lautstärke und Ungemütlichkeit durch viel zu viele Menschen auf engem Raum leider von Anfang an aus. Wer fürs erste Date eine hippe Bar wählt, kann auch direkt ins Kino gehen. Kostet auch ähnlich viel. Denn was ist, wenn das Date ganz furchtbar verläuft (sofern man das ohne funktionierende Konversation beurteilen kann)? Dann hat man einen mittelmäßigen Drink in einem hübschen Einmachglas getrunken, für ein Fail-Date aber auch direkt einiges an Schotter geblecht. Im besten Falle führt ein Date in einer hippen Bar vielleicht noch zu (unerwünschtem) Körperkontakt mit den anderen, dicht gedrängten Bar-Besuchern. Meh.

Warum so hip?

Es gibt für mich einfach keinen ersichtlichen Grund, warum diese hippen Lokale den Zulauf bekommen, den sie haben. Trotzdem beschleicht mich ab und an das dumpfe Gefühl, dass ich sie öfter aufsuchen sollte. Warum? Ich weiß es nicht. Irgendetwas scheinen sie den vielen Menschen, die sie bevölkern, ja zu geben. Ich finde nur einfach nicht heraus, was. Seit ich in meine Nachbarschaft gezogen bin, bringe ich Dates, Freunde, Gruppen und meine Mutter in dieselbe Bar: Sie ist 3 Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt, hat halbwegs bezahlbare Preise, eine Dezibel-Anzahl, die Gespräche ohne Stimmverlust erlaubt, leckere Getränke und ein überschaubares Publikum. Es ist nicht die urige, kerndeutsche Eckkneipe mit Gardinen im Fenster und Berufstrinkern an der Theke, aber eben auch nicht das neuste Trendlokal. Und das mag ich sehr. 

Gewohnheitsbar, ich liebe dich

Ich mag den immer gleichen Mann mit Pferdeschanz, der mir ohne viele Fragen Drinks bringt und von dem ich mir einbilde, dass er schon einmal über mich gelacht hat, als ich zwei unterschiedliche Dates in relativ kurzen Abständen in seine Bar brachte. Ich mag die Musikauswahl, die überhaupt nicht trendy, individuell oder hip ist, das aber auch nicht sein muss, weil sie nur die Stille verdrängen, nicht aber Gespräche übertönen soll. Ich mag, dass es den anderen Bargästen scheißegal ist, dass ich hier bin, warum ich hier bin und ob ich hier überhaupt hinpasse. Ich mag, dass der Barmann weiß, dass ich den billigsten Gin in meinem Gin Tonic möchte und ich mag, dass ich nicht so tun muss, als hätte ich total Bock, mit viertausend anderen Menschen in derselben Bar auf Sardinendose zu machen, nur weil irgendjemand beschlossen hat, dass diese Bar jetzt eben der Treffpunkt für hippe Großstadtmenschen ist.

Hip muss nicht

Deswegen habe ich beschlossen, die trendy Bars meiner Stadt trendy sein zu lassen. Jedes Mal, wenn ich mich für sie entscheide, merke ich, wie viel besser es mir in meinen Lieblingsbars gefällt. Weil sie eben nicht so hip sind, dass ich dort die halbe Stadt treffe. Weil ich sie nicht besuche, nur weil sie die mysteriöse Aura einer Trend-Bar verströmen, von der sowieso niemand so richtig weiß, warum eigentlich. Weil ich dort vielleicht nicht die stylishsten Instagram-Fotos mache, aber dafür die besseren Gespräche führe. Weil sie sich im Hintergrund halten, um als Ort für meine Erlebnisse zu dienen. Nicht als Star des Abends, von dem man erzählen kann, dass man ihn endlich auch besucht hat. 

Denn ganz ehrlich: Meistens sind die Begegnungen mit den Stars der Bars doch ein wenig ernüchternd.

neon.de

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