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"You – Du wirst mich lieben": Romantisches Stalking: Der neue Netflix-Hit hat ein großes Problem

Das Stalking-Drama "You – Du wirst mich lieben" stellt bei Netflix zurzeit eine alte Frage mit neuen Mitteln: Wie sehr darf ich mit meinem Serienheld sympathisieren? Leider überdrehen die Macher dabei ein wenig.

You: Du wirst mich lieben – Romantisches Stalking: Der neue Netflix-Hit hat ein großes Problem

Es klingt wie der Plot zur neuesten Indie-Romanze: Der junge New Yorker Buchhändler Joe Goldberg verliebt sich in eine seiner Kundinnen, die Studentin Guinevere Beck, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumt. So weit, so gewöhnlich.

Aber ziemlich schnell wird's ziemlich creepy im neuen Netflix-Hit "You – Du wirst mich lieben". Nach verhaltenem Start nimmt die Serie an Fahrt auf und nimmt binnen zehn Episoden so manche psychopathische und sogar mörderische Wendung.

"You – Du wirst mich lieben": Das Böse spricht

Aber mit dem Binge-Vergnügen kommt ein Problem: Der smarte Joe verdeutlicht uns mit seinem obsessiven Verhalten den verdammt schmalen Grat zwischen romantischem Werben und emotionalem Missbrauch. Und "You" macht sich einen Spaß daraus, dem Zuschauer diese Gratwanderung minütlich schwerer zu machen, ohne dabei Partei für das Böse zu ergreifen.

Denn das Böse spricht zu uns: Die gesamte Story wird aus der Perspektive des von Penn Badgley ziemlich vorzüglich gespielten Joe erzählt – und Joe sagt ständig Dinge, die wir alle denken. Ein cleverer Schachzug von Caroline Kepnes, Autorin der Romanvorlage zur Serie, die dazu in einem Interview mit "Refinery29" sagt: "Wir alle fühlen uns manchmal, als wäre die ganze Welt gegen uns. Im Gegensatz zu Joe unternehmen wir aber nichts dagegen."

Der Identifikationsfaktor ist aber nicht nur dank dieses schlichten Kniffs von Anfang an groß, denn die Macher nutzen jeden Moment, um uns mit Joe sympathisieren zu lassen: Natürlich hat der sensible Stalker eine schlimme Kindheit gehabt und kümmert sich deshalb umso rührender um den Nachbarsjungen. Nebenbei verabscheut er Social Media und so manch andere Marotte von uns Millenials, zu denen er zwar selbst gehört, aber nicht nach seiner Zählung. Joe ist ein Typ, der sich über die Herde erhebt und alle(s) durchschaut. Und so selbstvergessen, wie er Beck umgarnt, möchte insgeheim sicher so manche Zuschauerin auch mal erobert werden.

Kurz gesagt: Spitzentyp, dieser Joe. Ist man als naiver Zuschauer geneigt zu sagen. Trotzdem sollte dem gewieften Seriengucker im Jahr 2019 die Transferleistung zugetraut werden, einen zerrissenen Protagonisten moralisch einwandfrei einordnen zu können. Einige der besten Serien aller Zeiten, von "Die Sopranos" bis "Breaking Bad", haben die ambivalente Darstellung ihrer Hauptcharaktere schließlich bereits vor vielen Jahren bis zur Meisterschaft perfektioniert.

Hoher Binge-Faktor, fragwürdige Moral

Einen richtig faden Beigeschmack bekommt "You" jedoch durch die Tatsache, dass parallel zu Joes Verkörperung des ach-so-hoffnungslosen Romantikers das Subjekt seiner Begierde in ein vergleichsweise schlechtes Licht gerückt wird: Guinevere Beck belügt Joe bezüglich ihrer Vergangenheit und betrügt ihn mit ihrem Therapeuten.

Ihre Fehltritte werden interessanterweise dramaturgisch so platziert, dass die dezente Antipathie für die junge Autorin beim Zuschauer im gleichen Tempo wächst wie das Verständnis für den zunehmend durchdrehenden Joe. Das steigert zwar die Spannung und den Binge-Faktor, ist aber moralisch doch eher fragwürdig – Stichwort victim blaming. Das wird spätestens im Finale deutlich, wenn man sich unweigerlich fragt, wer hier jetzt eigentlich bekommt, was er verdient. Und wer nicht.

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