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"Der Teufel wohnt nebenan": Doku über Kriegsverbrecher: Netflix hat (k)ein Problem mit der historischen Genauigkeit

Der polnische Ministerpräsident hat dem Chef von Netflix einen Beschwerdebrief geschrieben, weil in der Doku-Serie "Der Teufel wohnt nebenan" historisch falsche Karten gezeigt würden. Aber wie journalistisch müssen Unterhaltungsformate über wahre Begebenheiten eigentlich sein?

John Demjanjuk vor Gericht in Israel

Manchmal wohnt der Teufel nebenan. Manchmal liegt der Teufel im Detail. Und manchmal sind die Details wichtiger als sie scheinen. Genau das stellt für die von der Kritik gefeierte Netflix-Doku "Der Teufel wohnt nebenan" gerade ein Problem dar. Denn offenbar haben es die israelischen Regisseure Yossi Bloch und Daniel Sivan mit der geschichtlichen Genauigkeit nicht allzu genau genommen.

Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki hat sich nun in einem Brief bei Netflix-Chef Reed Hastings über Fehler in der Serie beschwert. Am Montag begründete der nationalkonservative Politiker auf Facebook selbst diesen Schritt: Historische Darstellungsfehler in solchen Filmproduktionen seien "für deren Schöpfer vielleicht nur unwichtige Irrtümer, aber für Polen sind sie sehr schädlich, deshalb ist es unsere Aufgabe entschlossen zu reagieren". Ein Netflix-Sprecher erklärte, man prüfe den Sachverhalt mit Dringlichkeit.

 

Netflix: "Man könnte mehr Genauigkeit erwarten"

In der Dokumentarserie über NS-Konzentrationslager und die Suche nach dem Kriegsverbrecher John Demjanjuk sei insbesondere durch historisch falsche Landkarten der Eindruck entstanden, Polen sei für Konzentrationslager und darin begangene Verbrechen verantwortlich gewesen, kritisierte Morawiecki in seinem Brief, den er auf seiner Facebookseite veröffentlichte. Tatsächlich aber habe Polen während des Zweiten Weltkriegs gar nicht als Staat existiert, sondern habe unter der deutschen Besatzung und Gewaltherrschaft gelitten. Viele polnische Bürger seien ermordet worden, weil sie versucht hatten, ihre jüdischen Nachbarn zu retten.  

Das polnische Außenministerium wendet sich in einem Tweet ebenfalls deutlich an Netflix: "Haltet euch an die historischen Fakten!"

Die polnische Regierung achtet streng darauf, dass beispielsweise deutsche Konzentrationslager auf heute polnischem Gebiet nicht als "polnisch" bezeichnet werden. Dies ist durch ein eigenes Gesetz ausdrücklich verboten.  

Vor allem Vertreter Israels kritisierten in der Vergangenheit wiederholt, das Gesetz könnte auch dazu missbraucht werden, jede Mittäterschaft von Polinnen und Polen an NS-Verbrechen zu leugnen.

Währenddessen haben sich auch die Betreiber der Auschwitz-Gedenkstätte bei Twitter zu Wort gemeldet: "Der Teufel wohnt nebenan" erzähle eine wichtige Geschichte, heißt es dort.

Allerdings würde nicht nur eine Karte Mitteleuropas mit den Grenzen der Nachkriegszeit – und nicht mit den Grenzen der besetzten Gebiete während des Krieges – gezeigt, sondern auch die Vernichtungslager Kulmhof sowie das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek geografisch schlicht falsch verortet: "Man könnte mehr Genauigkeit in einer derartigen Produktion erwarten."

Ein Vorwurf, den die Dokumentationen des Streamingzeitalters mit ihrer atemberaubenden Aufmachung häufiger provozieren. Aber wie journalistisch müssen Unterhaltungsformate über wahre Begebenheiten eigentlich sein? Genauer gefragt: Wie groß ist die entsprechende Verantwortung von Netflix & Co.?

"Die Reflexion des Rezipienten aktivieren"

Prof. Dr. Joan Kristin Bleicher vom Institut für Medien und Kommunikation an der Uni Hamburg sagt auf Nachfrage von NEON: "Wenn Netflix eine Serie als Dokumentarisch ankündigt, sollte auch eine Überprüfung des Realitätsgehalts stattfinden."

Oder liegt es letztlich an uns, den Konsumenten, die Dokus als Denkanstoß zu verstehen, eigenverantwortlich tiefer in die Recherche zum jeweiligen Thema einzusteigen? "Die Reflexion des Rezipienten zu aktivieren, bleibt das idealziel von Dokumentationen", sagt Bleicher, Expertin für serielles Erzählen und Reality-TV. "Jedoch variiert das Interesse an der jeweiligen Thematik und somit auch die Bereitschaft der kritischen Überprüfung."

tim mit DPA-Material