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Meinung

Kontroverse Comedy: Generation Humorpolizei: Wenn wir so weitermachen, haben wir bald gar nichts mehr zu lachen

Die Debatte um das aktuelle Netflix-Special von Comedian Dave Chapelle ist kein Zeichen gewachsener Sensibilisierung. Sie entlarvt vielmehr ein falsches Verständnis davon, welchen Auftrag guter Humor in diesen Zeiten zu erfüllen hat.

Dave Chapelle: Generation Humorpolizei

Dave Chapelle in "Sticks and Stones": Rassismus, Waffenkultur, die Opioid-Epidemie und #MeToo auf kluge Weise verhandelt

"Dieser Humor ist richtig schlicht", hieß es vor einigen Tagen bei "Spiegel Online". Gemeint war der US-Komiker Dave Chapelle, dessen neues Netflix-Special "Sticks and Stones" gerade hitzig diskutiert wird. Es sei sehr einfach, Chapelles Gags schlecht zu finden, heißt es weiter in einem Text, der es sich streckenweise sehr einfach macht und Chapelles Gags schlecht findet.

Schlecht und schlicht sind aber falsche Bezeichnungen für den vielschichtigen Humor des Dave Chapelle. Schlecht und schlicht ist vielmehr der Vergleich, den "Spiegel Online" zwischen Chapelle und Annegret Kamp-Karrenbauer (die Transgender-Gags!) zieht. Schlecht und schlicht ist auch der Humor eines Chris Tall, der in Deutschland trotzdem Tausende in die König-Pilsener-Arena zu Oberhausen lockt. Aber wir schweifen ab.

Die Humorpolizei jagt Dave Chapelle

Seit "Sticks and Stones" online ist, rast die Humorpolizei mal wieder mit Blaulicht über die Datenautobahn. Und wer die Verrisse liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass inzwischen einer ganzen Generation an Kulturkritikern und professionell empörten Kommentarspaltenvollschreibern komplett das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, was Humor ist, kann, darf und muss. Was insofern ironisch ist, dass heutzutage doch vom Zugbegleiter bis zum Frühstücksfernsehenmoderator noch jeder Hans und Franz versucht, lustig zu sein.

Und dann kommt also Dave Chapelle daher mit einem starken neuen Programm, das aber sicher nicht krass oder radikal ist – und es wird gehasst. Immer mehr linksliberale US-Medien argumentieren dabei mit einer Empfindlichkeit, Engstirnigkeit und Intoleranz, die man früher nur von Rechts kannte. Sie befördern damit bloß das unsägliche "Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen"-Mantra der Konservativen, was zu einer ärgerlichen Verdrehung der moralischen Bewertung führt.

Am Beispiel Chapelle wird zudem deutlich, dass die Kritik dieser Tage immer gleich ins Persönliche abgleitet. Er wird als grantelnder Troll, der jegliche Form des Wandels ablehnt, dargestellt. "Ich hab’s verstanden, Dave Chapelle", schreibt das Kulturmagazin "Vulture": "Es ist hart, ein Komiker Mitte 40 zu sein." Als spiele das Alter hier irgendeine Rolle – abgesehen davon, dass Chapelle auch als Mittvierziger noch progressiver argumentiert als jeder super-woke Großstadthipster, der sich mit Anfang 20 ein Meinungsmonopol anmaßt.

Es ist genau diese Arroganz, die in der einseitigen Debatte besonders bitter aufstößt: Sie lässt sich an Kleinigkeiten festmachen. "Spiegel Online" zitiert am Ende seiner Kritik eine Pointe von Chapelle und setzt ihr dann von oben herab bloß zwei Worte entgegen: "Nun – nein." Besser lässt sich die überhebliche Diskussionskultur der Generation Humorpolizei kaum auf den Punkt bringen.

In ihrer Empörung begehen die Kritiker außerdem immer wieder denselben Anfängerfehler: Sie setzen das Werk mit dem Künstler gleich – als hätte niemand spätestens aus dem Fall Bill Cosby gelernt. Der wurde nach seiner Karriere als mittelfrecher Stand-up-Comedian schließlich mit einer prüden Sitcom weltberühmt, in der das Wort "Sex" nicht einmal ausgesprochen werden durfte. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Guter Humor muss unbequem sein

Nein, niemand sollte vom Programm eines Komikers auf dessen Charakter schließen (Chris Tall ist bestimmt auch nicht so dumm wie seine Witze). Und deshalb sollte auch kein Schlaumeier in seinen Zwanzigern das Alter von Dave Chapelle als Maßstab für dessen Monologe anlegen.

Aber vor allem sollten wir endlich wieder ein Bewusstsein entwickeln für die Kraft des Humors in schwierigen Zeiten wie diesen, sonst haben wir bald gar nichts mehr zu lachen: Gute Gags müssen unbequem sein und Fragen aufwerfen, und nichts anderes tut Chapelle in "Sticks and Stones" auf manchmal filigrane, manchmal brachiale Weise von der ersten bis zur letzten Minute.

Er verhandelt Rassismus, Waffenkultur, die Opioid-Epidemie und #MeToo auf kluge Weise und aus verschiedenen Blickwinkeln. Er maßt sich nicht an, es besser zu wissen oder für jedes Problem die Lösung zu kennen. Im Gegensatz zu den Kritikern überlässt er es uns, sich ein Urteil zu bilden. Das klingt bei ihm dann so: "If I’m wrong, then perhaps we’re wrong. So, figure that shit out for yourselves." Nun – ja.