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Kommentar

Der Wahn der Wichtigtuer: Jagd nach billigem Applaus: Euer erhobener Zeigefinger kotzt mich an!

Heute hat jeder seine ganz eigene Vorstellung davon, was richtig und wichtig ist - zeigt aber keinerlei Verständnis, wenn andere ihr nicht gerecht werden. Der erhobene Zeigefinger ist längst das am häufigsten entblößte Körperteil unserer Generation.

Erhobener Zeigefinger

Haltungsproblem moralischer Zeigefinger: Wir lesen uns ein bisschen gefährliches Halbwissen an und geben dann den Bescheidwisser

Getty Images

Die Moralpolizei hat mal wieder knallhart durchgegriffen: Das angeblich sexistische Gedicht an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin wird übermalt. Der Akademische Senat hat mehrheitlich beschlossen, das Werk durch Zeilen der neuen Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler zu ersetzen.

Es ist die peinliche Pointe einer lächerlichen Debatte, die von der Asta der Hochschule angezettelt wurde. Die Studierendenvertreter hatten sich über die 20 spanischen Worte beschwert, die schon seit sechs Jahren an jener Wand prangen: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Wenn Vorwürfe auf aberwitzige Weise daneben greifen

Es hieß, in Gomringers Gedicht werde nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition reproduziert, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, sondern auch unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind, erinnert.

Insbesondere der Vorwurf der sexuellen Belästigung greift in diesem Zusammenhang auf so aberwitzige Weise daneben, dass er der #metoo-Debatte mehr schadet als hilft, weil er den gesunden Menschenverstand angreift und die immense Bedeutung der aktuellen Diskussion damit konterkariert. Ganz abgesehen davon, dass es sich bei dieser Zensur um einen kunstfeindlichen Vorgang handelt.

Das Schlimmste aber ist: Die Motivation hinter der ganzen Aktion funktioniert als Musterbeispiel für unser heutiges Verständnis von politischer Korrektheit. Dieses Verständnis wird längst mit Furor verbreitet. Da wird dann auch schon mal ein 93-jähriger Dichter an den Pranger gestellt, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht.

Wir haben inzwischen alle unsere ganz eigene Vorstellung davon, was richtig und wichtig ist - zeigen aber keinerlei Verständnis, wenn andere ihr nicht gerecht werden. Das ist ein Haltungsproblem: Der erhobene Zeigefinger ist das am häufigsten entblößte Körperteil einer ganzen Generation. Wir lesen uns ein bisschen gefährliches Halbwissen an und geben dann den Bescheidwisser. Wir vertreten vermeintlich klare moralische Werte, wollen aber unter keinen Umständen über sie diskutieren.

Diese Ignoranz, die so nachhaltig nervt

Leben und leben lassen? Von wegen! Ungefragt erzählt dir heute jeder, was du zu essen hast und was nicht, welche Kleidung moralisch unbedenklich zu tragen ist, welche Ausdrücke du noch in den Mund nehmen darfst und welche nicht. Und wenn du diesen Vorstellungen nicht entsprichst, bist du wahrscheinlich Rassist, Sexist oder Umweltverschmutzer - je nach aktuellem Anlass. 

Es ist genau diese Ignoranz, die so nachhaltig nervt. Indem die selbstlosen Ritter der Rücksichtnahme uns so rigoros belehren, führen sie ihre Anliegen ad absurdum - weil sie die Meinung und Haltung der anderen eben nicht interessiert. Weil sie an ihrem moralischen Monopol nicht rütteln lassen wollen.

Leider merken die Wichtigtuer in ihrem Wahn nicht, dass diese Form der politischen Korrektheit sich damit als Gegenteil von "gut gemeint" entlarvt: Sie ist nicht mehr als die Jagd nach billigem Applaus.

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