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Filmstart "Goethe!": Von Weibern, Wein und Werther

Puristen dürfte dieser Film eher verärgern als verzücken: Regisseur Philipp Stölzl hat die Biographie des deutschen Dichterfürsten ordentlich aufgebohrt und einen flotten Film auf die Beine gestellt, der sich um historische Korrektheit einen Dreck schert. Gut so.

Auch Klassiker waren einmal jung, keck und noch gar keine Überflieger. Das trifft auch auf den größten deutschen Dichterfürsten zu, also Johann Wolfgang Goethe. Als Kinoheld war Goethe schon lange nicht mehr zu sehen, umso erfreulicher ist nun der Film mit dem knappen Titel "Goethe!", der am 14. Oktober in die Kinos kommt. Regisseur Philipp Stölzl präsentiert darin einen Jüngling voller Fantasie und Talent, aber noch ohne den ganz großen Welterfolg, den er allerdings bald schon mit seinem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" haben sollte.

Zusammen mit seinen Drehbuchautoren Christoph Müller und Alexander Dydyna zeigt Stölzl, wenngleich sehr frei mit Goethes realer Biografie umgehend, woher der junge Dichter seine Inspiration zum "Werther" bezog und unter welchen Umständen er das Buch schrieb. In den ersten Szenen ist jedoch der etwas leichtsinnige Johann Wolfgang im Straßburg des Jahres 1772 zu sehen. Dort studiert der gebürtige Frankfurter Jura, mehr aber noch Wein, Weib und Gesang. Gerade hat er sein Drama "Götz von Berlichingen" beendet und hofft nun auf schnellen literarischen Ruhm. Doch der nimmt sich noch etwas Zeit, denn das später so berühmt gewordene "Götz"-Drama fand auf Anhieb keine Gnade beim Verleger.

Nun griff Goethes besorgter Vater ein und verschaffte seinem Sohn eine Stellung als Referendar beim Reichskammergericht im hessischen Wetzlar. Für den 22-Jährigen beginnt eine schwierige Zeit in dem öden, von Schmutz und Enge geprägten Provinzstädtchen. Besonders ein strenger Vorgesetzter, der Gerichtsrat Kestner, macht Goethe das Leben und Arbeiten nicht leicht. Doch in Wetzlar lernt der spätere Literaturstar auf einem Ball die hübsche, schlagfertige Lotte Buff kennen. Diese wohnt in dem nahen Dorf Wahlheim zusammen mit dem verwitweten Vater und etlichen kleineren Geschwistern, für die sie die Mutterrolle übernehmen muss.

Ein springlebendiger Klassiker

Natürlich, so jedenfalls im Kino, verlieben sich die beiden jungen Leute ineinander, Briefe werden gewechselt, und in einer malerischen Ruine, in die beide zum Schutz vor einer Regenflut flüchten, kommt es auch zu einer körperlichen Begegnung. Der historischen Wahrheit dürfte gerade Letzteres überhaupt nicht entsprechen. Aber Stölzl wollte ja, wie es im Presseheft zu dem Film formuliert ist, "das verstaubte Bild einer deutschen Legende in neuen Farben leuchten" lassen. Das ist ihm weitgehend gelungen, auch wenn Germanisten und Literaturhistoriker von der Schilderung dieses Lebensabschnitts Goethe nicht begeistert sein dürften.

Alexander Fehling in der Titelrolle spielt den jungen Klassiker unbekümmert, gut aussehend und doch auch sensibel genug, um glauben zu lassen, dieser verbummelte Student könne noch Großes vollbringen. Die Entdeckung des Films als Lotte ist Miriam Stein, ein ebenso frisches wie entzückendes Gesicht, das man öfter auf der Leinwand sehen möchte. Moritz Bleibtreu als Kestner und Burghart Klaußner als Lottes Vater sind schauspielerische Schwergewichte, die ihren Nebenrollen viel Profil geben. Die Außenszenen von "Goethe" wurden allesamt in der vom Krieg verschonten Grenzstadt Görlitz gedreht, einige andere Schauplätze fanden sich in der Umgebung des sächsischen Touristenmagneten.

Auch wenn der Film einige Schwächen hat, ist es doch gut, dass ein junges deutsches Publikum, das dank einiger amerikanischer und britischer Produktionen fast alles über den jungen Shakespeare weiß, nun endlich den großen Goethe ganz lebensnah und springlebendig im Kino erleben kann. Stölzl hat schon mit dem Bergsteigerdrama "Nordwand" bewiesen, wie unmodern, ja verstaubt scheinende Genres regeneriert werden können. Vielleicht hat er ja den Mut, nun auch die legendärste und fruchtbarste Dichterfreundschaft, nämlich die zwischen Goethe und Schiller, auf die Leinwand zu bringen. "Goethe" macht jedenfalls Vorfreude darauf.

Wolfgang Hübner, APN / APN