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KZ Buchenwald: Der Tod als letzte Pflicht

Als am 11. April 1945 US-Soldaten in Buchenwald eintrafen, fanden sie neben Überlebenden auch Leichenberge vor. Anschließend mussten Weimarer Bürger das Lager, in dem 56.000 Menschen gestorben waren, besichtigen.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, nur wenige Kilometer von Weimar entfernt, waren zwischen 1937 und 1945 rund eine Viertelmillion Menschen aus über 30 Ländern interniert. 56.000 von ihnen kamen ums Leben: durch Ermordung, Erschöpfung, Hunger, Kälte oder Krankheiten. Am 11. April vor 60 Jahren erlebten rund 21.000 Häftlinge ihre Befreiung durch die US-Armee, nachdem die SS-Männer geflohen und die Häftlinge die Führung übernommen hatten. In den Tagen zuvor hatte die Wachmannschaft Tausende auf "Todesmärsche" in andere Konzentrationslager geschickt. Als die Amerikaner in Buchenwald eintrafen, fanden sie neben den völlig entkräfteten KZ-Insassen auch große Berge von Leichen vor.

KZ-Besichtigung auf US-Befehl

Nach der Befreiung mussten auf Befehl der US-Armee rund 1000 Bewohner Weimars das Lager mit eigenen Augen sehen. Manchem stockte das Herz angesichts der in den Baracken eng zusammengepferchten Häftlinge, die nur noch Haut und Knochen waren. Einige Frauen brachen zusammen beim Anblick der aufgetürmten Leichenberge. Viele beteuerten, nichts von dem Zivilisationsbruch in der Nähe der Stadt Goethes und Schillers gewusst zu haben. Und 60 Jahre später geschieht es noch immer, dass Neonazis durch Weimar marschieren, die zuvor ihren Aufmarsch als "historische Stadtführung" deklariert hatten.

In den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten wurden in ganz Europa über sechs Millionen Juden ermordet. Buchenwald war eines der größten Lager auf deutschem Boden. Es war zwar kein Vernichtungslager wie Auschwitz, und doch wurden hier auch hier auf dem von Stacheldraht eingezäunten Areal Menschen von SS-Wachleuten erniedrigt, gequält, erschossen, erhängt, totgeschlagen oder von gewissenlosen Ärzten vergiftet. Der Schriftsteller Jean Amery schrieb später: "Des Häftlings letzte Pflicht war der Tod." Das KZ auf dem Ettersberg steht im scharfen Kontrast zum Humanitätsideal der Weimarer Klassik, das Dichter wie Johann Wolfgang Goethe oder Friedrich Schiller vertraten.

"Diese vierstöckigen Pritschen, in denen man nicht aufrecht sitzen konnte und in denen man mit angezogenen Beinen im Dreck und im fürchterlichen Gedränge schlafen musste", erinnert sich der ehemalige Häftling Bertrand Herz aus Frankreich an die fensterlosen Pferdeställe, in denen die Häftlinge zusammengepfercht waren. "In den Arrestzellen war es im Winter üblich, einen Häftling mit kaltem Wasser zu überschütten. Die Kleidung sollte am Leib trocknen, während der Häftling am Zementboden schlief", berichtet der ehemalige Häftling Richard Gritz. Und sein Leidensgenosse Zbigniew Fuchs erzählt, wie Kriegsgefangene im Keller des Krematoriums aufgehängt wurden. "Es waren 48 solcher Haken vorhanden. Die Kriegsgefangenen haben sich nur ganz vereinzelt gewehrt. In der Regel waren sie durch Schreck gelähmt."

Separierte "Seuchenträger"

Das so genannte Kleine Lager war durch doppelten Stacheldraht vom übrigen "Großlager" abgegrenzt. Die Häftlinge, die hier interniert waren, galten als die Seuchenträger. "Verdreckt, verlaust und ungewaschen, unrasiert, stinkend vor Kot, von eiternden Wunden geplagt, so lebten die Menschen", schreibt Bruno Apitz, Autor des weltbekannten Romans "Nackt unter Wölfen", 1945 in seinem kurzen Bericht "Das Kleine Lager". "Fleckfieber, Bauchtyphus und Ruhr wüteten mörderisch unter ihnen (...) Tote wurden hinausgeworfen, so wie eine Schaufel Kehricht hinausgeworfen wird." 1945 gingen hier in knapp 100 Tagen über 5000 Menschen elend zu Grunde.

"In Buchenwald war ein Teil der Elite Europas", sagt der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora bei Nordhausen, Volkhard Knigge. "Hier sind viele Häftlinge gewesen, die im engsten Sinn des Wortes Widerstandskämpfer waren. Idealisten, die trotz aller Drangsalierungen zu ihren Überzeugungen gestanden haben." Knigge erinnert an Politiker, die noch unter den Lagerbedingungen versuchten, Konzepte für ein künftiges Deutschland und Europa voranzudenken. Er erwähnt Intellektuelle, Künstler und Literaten, die intensiv über die Gesellschaft und über die Verführbarkeit des einzelnen Menschen, auch über seine Aggressivität, nachgedacht haben. Unter den Häftlingen waren der Träger des Nobelpreises für Literatur Imre Kertesz und der ehemalige spanische Kulturminister und Autor Jorge Semprun, der für sein literarisches Schaffen 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

"Befreiung von außen und von innen"

Das Ende des Grauens gestaltete sich nach Ansicht des Historikers Knigge als Befreiung von außen und von innen. "Wären nicht die Amerikaner in der Nähe gewesen, wäre jeder Aufstand mit gut 100 Gewehren Selbstmord gewesen", erklärt Knigge. Zusätzliche Verwirrung sei noch dadurch entstanden, dass zwei amerikanische Einheiten unabhängig voneinander am Vormittag und am Nachmittag hier operiert hätten. "Das ändert jedoch nichts daran, dass wir den Mut der Häftlinge, sich in einer so unübersichtlichen Situation zu erheben, hoch einschätzen."

Bei der Befreiung haben die Häftlinge noch lange nach dem Einmarsch der Amerikaner am Drahtzaun gestanden, "durch die Qualen ihrer Gefangenschaft völlig entmenscht", wie Apitz sagt. Auch den späteren Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der als Kind ins Lager kam und dort seinen Vater verlor, ließen die Augen der amerikanischen Soldaten, die dieses Grauen zuerst sahen, nicht los: "Es war so, als suchtet ihr mit euren Augen die Realität zu ändern (...) Selten habe ich solch einen Zorn gesehen, solch eine zurückgehaltene Wut, Sprachlosigkeit, im Begriff vor Enttäuschung, Erniedrigung und völliger Hilflosigkeit zu bersten".

Tag der Zeitzeugen

Mehr als 500 ehemalige Häftlinge aus 26 Ländern waren am Sonntag (10. April) auf den Ettersberg bei Weimar zum Gedenken an die Opfer gekommen. Sie gaben den nachfolgenden Generationen symbolisch ihr historisches Vermächtnis weiter, für eine Welt des Friedens und der Freiheit zu sorgen. Unter den 1200 Gästen waren auch Veteranen der US-Armee, die vor 60 Jahren zahlreiche KZ in Deutschland befreit hatte. Das demokratische Deutschland werde "nicht zulassen, dass Unrecht und Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder eine Chance bekommen", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der zentralen Gedenkfeier in Weimar. Der Präsident des Buchenwald-Komitees ehemaliger Häftlinge, Bertrand Herz, appellierte vor allem an die Jugend, jede Form der Ausgrenzung zu bekämpfen.

Der Enkel des ehemaligen Häftlings Klaus Trostorff sagte, der Schwur der KZ-Opfer, eine neue Welt in Frieden und Freiheit aufzubauen, sei nicht verwirklicht. "Lasst uns das Vertrauen an die Zukunft bewahren", betonte Steffen Trostorff. Am 19. April 1945 hatten Überlebende bei einer Trauerfeier für die Toten des Lagers den "Schwur von Buchenwald" geleistet. Auch der Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Kurt Julius Goldstein, nannte es beunruhigend, "dass es nicht gelungen ist, die Wurzeln des Nazismus zu vernichten". Semprun verwies darauf, dass es in zehn Jahren bei der nächsten Gedenkfeier kaum noch Zeugen geben werde: "Die Zeugen verstummen. Es wird keine unmittelbare Erinnerung mehr geben. Es wird nur noch Romanciers geben."

Schmerz überwiegt Hass

Manche der inzwischen hochbetagten Ex-Häftlinge trugen Lagerkleider und zeigten ihre Gefangenennummern. Viele hielten weiße oder rote Rosen in den Händen. Der aus Weißrussland stammende Pawel Wassilewskij sagte, er könne bis heute keine Krematorien sehen. "Der Schmerz über die toten Mitgefangenen ist da", sagte er den Tränen nahe. Er empfinde aber heute keinen Hass mehr gegenüber den Deutschen. Ein aus Wolgograd stammender Ex-Häftling beklagte, dass er bislang keinen Cent Entschädigung aus Deutschland erhalten habe.

"Mit den Zeitzeugen geht ein ganz großer Teil an Erfahrungsgeschichte verloren. Es gibt jetzt noch ein knappes Dutzend deutscher 'Buchenwalder'", sagt der Gedenkstättenleiter. Besonders für die Abschnitte zwischen 1937 und Ende 1944 gebe es nur noch sehr wenige Zeitzeugen. Knigge: "Es war auch nicht aufzuholen, das sich die Bundesrepublik bis in die Mitte der 80er Jahre kaum für Zeitzeugen interessiert hat, und für diejenigen, die mit Gedenkstätten in Ostdeutschland verbunden waren, noch weniger. Es war auch nicht gänzlich zu heilen, dass sich die DDR nur für bestimmte Opfergruppen interessierte."

Dusko Vukovic mit Material von AP/DPA / DPA