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Urlaub in der Heimat: Alles Goethe oder was?

Gemütlichkeit im Schatten großer Kultur: Auch wenn fast alle Touristen der Dicher und Denker wegen kommen, präsentiert sich Weimar als Geburtsstätte der Klassik, als liebenswertes thüringisches Idyll.

Am schönsten ist Weimar an einem Sommerabend. Violinen klingen aus der Musikhochschule Franz Liszt, im Park an der Ilm traben Jogger, und hinter fein geputzten Fassaden gehen die Lichter an. Es ist so still in der Stadt, dass man die eigenen Schritte hört und Stimmen von irgendwoher. Vermutlich kommen sie von der Terrasse des Residenz-Cafés, kurz Resi. Dort sitzen die Liebespaare, sitzt jeder, der sich in Weimar für wichtig hält. Und das sind mehr, als in einer Kleinstadt von gerade mal 64.000 Einwohnern vermutet werden darf.Aber Weimar ist ja auch nicht irgendeine Kleinstadt, sondern unser aller Kulturhochburg. Etwa den "Faust" nie gelesen? Im "Bunten Haus" in der Gerberstraße, einst besetzt und längst beschaulich vergammelt, blinzelt der Autonome "Volle" in die Abendsonne. Kaum zu glauben, dass hier mal die Luft brannte und Mülltonnen auf der Straße loderten, vom "Schandfleck" die Rede war und einer "kleinen Hafenstraße" nach revolutionärem Hamburger Vorbild. Tempi passati. In der Küche gibt es heute - ich traue meinen Augen nicht - ein "Menü". Drei Euro für Tomatensüppchen mit Gin, Blätterteig-Spinattarte und Apfelpfannkuchen. Pfeif auf die Szene in Berlin. "Hier muss ich keine Stunde fahren, um eine Wiese zu sehen", sagt Volle. Zum wilden 1. Mai der Kiddies in Kreuzberg reist er nicht mehr. Bei den letzten Wahlen hat die Gerberstraße einen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt und eine U-Bahn gefordert.

Kleiner Scherz - quer durch den Kern der Altstadt sind es 800 Meter. Bustouristen, die Goethe und die deutsche Klassik in 1,9 Tagen - die durchschnittliche Verweildauer - abhaken, können einem leid tun. Sie bekommen nichts mit vom Seelenfrieden eines lieblichen Residenzstädtchens, in dem sich immer mehr Pensionäre niederlassen, sie staunen nur über ein nach der Wende total renoviertes Panorama. Saftige 750 Millionen Mark flossen 1999 in die Pflege der "Kulturhauptstadt Weimar". Aufschwung Ost zum Anfassen.Nach dem Rundgang mit der Stadtführerin Maren Röhlinger stellt sich heraus, dass nahezu die Hälfte der Besucher - fast alle Wessis - zum ersten Mal in Weimar ist. Natürlich sind sie wegen des Dichterfürsten Goethe gekommen, Marketingfaktor Nr. 1 und omnipräsent. Nicht nur mit Museum, Wohn- und Gartenhaus sowie zahlreichen anderen Tatorten -Schloss, Wittumspalais, Haus der Freifrau von Stein -, sondern auch mit Goethe-Weinbrand, -Scherenschnitten, -Barometer und -Lutscher hart an der Schmerzgrenze. Büsten und Inschriften allerorten.Er war der Hüne, die anderen Hühnchen. Ranghöchster Beamter, zuständig für Wegebau, Bibliothek, Parkgestaltung, Schlossbau, Zeichenschule und Intendanz des Hoftheaters. 18.000 Mineralien gesammelt. Italienische Reise. Den Frauen nicht nur zu Füßen gelegen. Täglich zwei Liter Wein gesoffen, meist Madeira. Ach ja, geschrieben hat er auch noch. Am Titan, der auf dem Theaterplatz bronzen über Skateboarder und schon mal Neonazis blickt, auf Augenhöhe mit Freund Schiller, obwohl er einen Kopf kleiner war und wesentlich beleibter als dargestellt, rieben und reiben sich in Weimar große und kleine Geister, Bildungs- wie Spießbürger.

Auf der einen Seite die Traditionsbewahrer, in einem Dutzend Vereinen um einen fest betonierten Kultursockel geschart, auf der anderen Modernisierer wie Bernd Kauffmann, ehemals Chef der Stiftung Weimarer Klassik und 1999 kreativer Intendant der Kulturhauptstadt. Er hat, viel Feind, viel Ehr', Weimar als "Stadt der toten Dichter" geschmäht, in der nur zurückgeschaut werde, und die Weimarer Traditionalisten als "Maikäfer, die ständig nur pumpen und nie anfangen zu fliegen"."Goethe ist das Erbe, davon leben wir alle", hat dagegen Jochen Golz vom Goethe- -und Schiller-Archiv gesagt. Die Klassik sei "kein Spielmaterial für die verkorksten Seelenlagen von Regisseuren". Buttersäure wurde gegen einen von Kauffmann aufgestellten Kubus naheGoethes Gartenhaus geworfen, und das vom französischen Künstler Daniel Buren geplante Projekt, bis zu sieben Meter hohe Betonstelen auf dem Rollplatz, platzte nach 13 000 Unterschriften empörter Bürger ("Panzersperre"). Nun stehen da wieder Autos. Auch Bernd Mende hat den Auftrag, von wem auch immer, die geistige Saturiertheit zu verwalten, und ficht mit seinem Verein Die Grüne Schlange "erhaltend und bewahrend" gegen Kaufhäuser in der Innenstadt und Tenniscenter am Rande des Ilm-Parks. "Auch Coca-Cola muss es vielleicht geben", sagt der Purist Mende. "Ich muss sie aber nicht trinken." "Traditionsbornierte, für die mit Goethe die Geschichte zu Ende ist", sagt der kauzige Konrad Paul vom Goethe-Institut. "Weimarbesucher sollen auf Gebetsteppichen kniend durch die Stadt rutschen."

Als Paul ausgerechnet in seinem Haus ein Buch des italienischen Schriftstellers Ettore Ghibellino vorstellte, in dem behauptet wird, der Titan hätte statt der Freifrau von Stein die Herzogin Anna Amalia flachgelegt, reagierte die konservative Goethe-Gesellschaft muffig. Aufgeregtheiten und Kleinstadt-Gerangel, das den meisten Einheimischen am Arm vorbeigeht. Hinaus also auf den Marktplatz, wo die Bratwurstfahnen wehen.Auch da Hinweise auf Cranach und Bach, die in Weimar lebten. "Ich wohne in einem Haus, wo kein Schild an der Fassade hängt", sagt ein Bürger der Stadt nicht ohne Stolz. Nicht ganz einfach bei Liszt und Nietzsche, Wieland, Herder, Gropius und Feininger. Et cetera. Dagmar Winter, Modedesignerin, genießt das überdimensionale Kulturangebot, findet aber, dass im Stadtbild nun genug poliert und saniert sei. "Das wird zu fertig, zu schön, zu ästhetisch." In ihrem Studio näht sie aus Chiffon, Leder, Seide eine freche Damenmode, die kaum eine Weimarerin tragen würde. Immerhin, gegen die drohende Vergreisung der Stadt und den Bildungsbürger-Tourismus, den Kauffmann mal "eine gerontologische Dauerveranstaltung" genannt hat, setzt sich eine junge Szene durch, auch dank der gut 5000 Studenten der Bauhaus-Uni und der 850 von der Musikhochschule. Im Jugendzentrum "Mon ami" flötet das junge Salonorchester Weimar frei nach dem Vorbild Max Raabe Hits der zwanziger Jahre, und in den Hallen des stillgelegten E-Werks singen Schauspielschüler in dem Stück "Zeit zu lieben Zeit zu sterben" über Jugendliebe und Jugendleid in der verblichenen DDR, ostalgiefern und ganz von heute: Wer hat die schönsten Brüste? Wer kann am meisten vertragen? Nur wenn es zu laut wird, rufen die Nachbarn die Polizei.Wie man sieht, langweilig ist es in Weimar nicht. Gralshüter des Klassizismus und Freigeister Schienbein tretend in schönster deutscher Rechthaberei, dazwischen die Stadtväter, allesamt keine Goethes, gewöhnt ans Handaufhalten - "Wir sind doch Weimar! Wir verdienen das!" -und die Rettung von oben, verständlich angesichts einer Schuldenlast von 101 Millionen Euro. Nur dass sie in Berlin inzwischen grün anlaufen, wenn das Wort Weimar fällt. So pendelt die Stimmung zwischen hochfliegender Erwartung und permanenter Kleinmütigkeit.

Mit Euphorie und etwas Skepsis sieht die Stadt denn auch dem Kunstfest von August bis September entgegen, für das Nike Wagner als Intendantin gewonnen worden ist. Urenkelin des Bayreuther Genies Richard und Ur-Urenkelin Franz Liszts. Der lebte ja auch mal in Weimar und kam wegen seiner Liaison mit der verheirateten Fürstin Sayn-Wittgenstein ins Gerede -"selbst die celebren Männer litten an Kleinstädterei, die ihren geistigen Wert wie eine Kruste umgibt", hat der Schriftsteller Garlieb Merkel über den Seitensprung geschrieben. In Nike Wagners Büro, Wittumspalais, geht es durch ein Treppenhaus, das aussieht, als wäre hier seit dem Tod der Herzoginwitwe Anna Amalia 1807 nicht mehr gebohnert worden. Kärgliche Büromöbel verraten, dass über der Stadt der Pleitegeier kreist. Hier also tritt der Weltgeist an, um der Weimarer Trägheit den Kampf anzusagen. Nike Wagner hat große Pläne mit dem Kunstfest, das mit seinem neuen Namen "Pèlerinages" unter dem Motto "Heimweh" steht, einfach wird es nicht. "Weimar, zerstückelt in Vereine, zersplittert in seinen Bedürfnissen, kann man es nie recht machen", ahnt sie, obwohl sie sich "aus ästhetischen Gründen" sofort in der Stadt niederlassen würde, "weil hier besonders schön zu wohnen ist". Wie jeder von draußen hat auch sie gespürt, "dass man hier eine ganze Weile fremd bleibt. Man hofft, den Menschen näher zu kommen, aber es ist spärlich. Die gehen nicht auf neue Leute zu". Andererseits ist auch sie fasziniert von der "Imagination der Vergangenheit", die immer mitspuke, "und Reibungspunkte können ja auch reizvoll sein, um diese Stadt herauszufordern und sich zu profilieren. Provokationen gehörten zur Tradition der Moderne. In der Großstadt kann das alles nebeneinander existieren, hier nicht, hier sitzt man aufeinander, stößt das Neue an das Alte, das ist immer ein theatralisches Spannungsverhältnis".

Draußen auf der Flaniermeile Schillerstraße ist vom Spannungsverhältnis nicht mehr viel zu spüren, zum einen, weil der Thüringer - dem Sachsen nicht unähnlich - ein verträglicher Mensch ist, eingelullt ins Feng-Shui seiner Hügellandschaft, zum andern, weil die Hochkultur schon zu Goethes Zeiten ausschließlich höfisches Phänomen war und die Provinz in den Köpfen der Kleinstädter nie erreicht hat, bis heute. Gut so. Schließlich ist Weimar eine ganz normale Stadt, trotz des Bombasts vom Goetheplatz bis hin zum Schloss. "Die Weimarer möchten nicht bestaunt werden wie die Affen im Zoo und auch nicht mit der Kutsche herum- fahren statt mit dem Auto", sagt Petra Streit, Grüne im Stadtrat. Verlassen wir also den Glanz der Palais und Schlösser und spazieren durch die Gässchen rings um die Herderkirche, wo viele Häuser noch an das alte Ackerbürgerdorf erinnern, auch wenn der Verfall während der DDR-Zeit große Lücken gerissen hat. Hier, nahe dem Graben, lange Zeit Hauptstraße und heute von Verödung bedroht, hat auch Christiane Vulpius gewohnt, die ordinäre Langzeitbraut und späte Ehefrau des Dichterfürsten, von Hof und Bildungsbürgertum nie akzeptiert, hier auf dem idyllischen Jakobskirchhof liegt sie auch begraben und nicht in der Fürstengruft neben ihrem Goethe. Ein Teil der Altstadt wurde von den Nazis planiert, um dem Gauforum Platz zu machen, das noch heute so heißt, obwohl der Name in keinem Stadtplan steht. Auch der Führer, kein Geheimnis, hat Weimar geliebt, gern besucht und nicht nur die Protzbauten hinterlassen, sondern auch das KZ Buchenwald, ein schreckliches Erbe, das schwer zu akzeptieren war.

Goethe und die Humanität, Hitler und die Bestialität, Nationalstolz und Größenwahn - alles auf kleinstem Raum. Januskopf Weimar, ein deutsches Schicksal. Aber zu Weimar gehört auch, dass sich Kafka hier zum ersten Mal verliebt hat und eine noch junge Marlene Dietrich ihren Korepetitor verzupfte. Dass der Name Bauhaus in alle Welt ging und 1919 mit der Weimarer Verfassung die erste deutsche Demokratie gegründet wurde. Dass junge Leute nahe dem Schloss nackt in der Ilm baden wie weiland Goethe und sein Herzog Carl August. Dass der Zwiebelmarkt im Oktober die Stadt zu einer einzigen Festwiese macht und Anja Müller, Zwiebelmarktkönigin von 1997, ihre Heimat fast so schön wie die Toskana findet und nicht nur auf die Vergangenheit der Dichter und Denker reduziert sehen will.Mit der haben die Jungen ohnehin nicht viel am Hut. Auf der Schillerstraße weist eine Figur aus Styropor, unverkennbar der Geheimrat G., auf die Multimedia-Show im Weimar Haus, ein modernes Wachsfigurenkabinett. "Wer ist das?", fragt einer aus der Schülertruppe zu Füßen der Titanen in die Runde. Sein Freund blickt nach oben: "Schiller". Es gibt noch viel zu tun.

Wolf Thieme / print

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