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Interview

Poetry Slammer auf Jesu Spuren: "Jesus würde den Kontakt zu den Wutbürgern nicht scheuen"

Als Poetry Slammer Bleu Broode steht Nils Straatmann normalerweise auf Bühnen. Jetzt ist er zwei Monate durch Israel und Palästina gewandert, um herauszufinden, was Jesus eigentlich für ein Typ war.

Auf Jesu Spuren

Zwei Monate wanderte Nils Straatmann durch Israel und Palästina – auf Jesu Spuren

Du bist Poetry Slammer, Student der Theologie, lebst mit deiner Freundin Anna und eurem gemeinsamen Sohn unverheiratet in einer WG, und willst vielleicht mal Pastor werden. Wie passt dieser Lifestyle zum Gottglauben?

Für norddeutsche Verhältnisse komme ich wahrscheinlich aus einer sehr christlichen Familie. Meine beiden Onkel sind Pastoren. Und durch sie habe ich gelernt, dass man nicht immer dieser heilige Typ im Talar sein muss, sondern dass man auch mal feiern und über den Durst trinken kann. Gleichzeitig war ich selbst früher in einer Gemeinde, die ganz ganz schlimm war. 

Zu heilig?

Genau. So wie man Kirche kennt: langweilig, bieder. Nach der Schule habe ich gesagt: Entweder studiere ich Theologie, um es besser zu machen, oder ich trete aus der Kirche aus.

Du bist nicht ausgetreten, sondern studierst jetzt Theologie. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

Ich hatte immer schon Bock zu erzählen – und auch Geschichten zu schreiben. Das, was ich geschrieben habe, wollte ich Leuten erzählen. So bin ich zum gekommen. 

Und das macht es leichter auf der Kanzel?

Wenn es ums Schreiben, Erzählen und Bewegen auf der Bühne geht, ja. Aber es ist etwas anderes, vor einer Gemeinde zu stehen. Man hat Verantwortung.

Für seine Schäfchen?

Beim Slam muss man unterhalten. In der Kirche glauben die Menschen an das, was du erzählst. Also ja, für sie habe ich Verantwortung und davor habe ich Respekt.

Gott ist allmächtig genug, dass er uns verzeihen kann

Dass du ein uneheliches Kind hast, steht das nicht im Widerspruch zu deinem Glauben? 

Ich bin da nicht so dogmatisch. Und ich glaube, Gott ist allmächtig genug, dass er uns das verzeihen kann.

Du hast die Kinderbibel wie das Sams oder lustige Taschenbücher gelesen. Der christliche Glaube war also fest in dir verankert. Trotzdem hast du nach dem Abitur daran gezweifelt, warum?

Grundsätzlich stehe ich total hinter den christlichen Werten: Nächstenliebe, Feindesliebe, Einstehen für Minderheiten, für Menschen, denen es schlecht geht. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass das in meinem Umfeld, in der Gemeinde, in der ich war, auch gelebt wird. Während der  2015 hätte ich mir beispielsweise viel mehr Engagement und Haltung gewünscht. In meinen Augen sollte die Kirche ein moralisches Korrektiv sein, das ist sie aber in den wenigsten Fällen.

Etwa aus Angst?

Ich denke, die Kirche will vor allem ihre Schäfchen zusammenhalten. Aber man muss eine Meinung, einen Standpunkt haben. Der historische Jesus ist für seine Haltung, für seine Meinung, bis zum Äußersten gegangen, er ist dafür in den Tod gegangen. 

Du hast ein Praktikum bei einem Pastor gemacht, der deinen Blick auf die Kirche verändert hat. Warum?

In meinem Studium hatte ich sehr fromme Kommilitonen, ich bin viel liberaler und zweifelte an meinen Kollegen. Dann habe ich ein Praktikum bei einem schwulen Pastor gemacht, der einen Juden geheiratet und dessen Namen angenommen hat ...

... und die Gemeinde hat rebelliert.

Nein, ganz im Gegenteil: Niemand hatte damit ein Problem. Weder in der Gemeinde, noch von den Oberen. Das war fantastisch. Und der Typ war locker und entspannt, von ihm habe ich sehr viel gelernt: Kirche muss nicht immer heilig sein, und in der Kirche darf es einem auch mal schlecht gehen.

Was für ein Typ wäre Jesus heute eigentlich? Wir würden ihn vermutlich nicht auf Tinder finden, der in seinem Profil schreibt 'Jesus liebt euch alle', oder? 

(lacht) Wahrscheinlich nicht. Jesus war extrem in seiner Haltung, und extreme Menschen sind nicht immer ganz einfach. Aber er war einer, der Problemen nicht aus dem Weg gegangen ist und Kontakt gesucht hat: mit Ausgestoßenen, mit Sündern, mit Prostituierten. Auch heute wäre er bei den Menschen, denen es schlecht geht – auch bei denen, die vielleicht nicht seiner Meinung sind – und würde versuchen, sie abzuholen. Ich glaube, heute würde Jesus den Kontakt zu den Wutbürgern nicht scheuen.

Jesus hat Menschen in die Verantwortung genommen

Etwa auch den zur Pegida-Bewegung oder gar zu AfD-Politikern?

Auf keinen Fall würde er ihre Meinung teilen, aber er würde bestimmt mit ihnen diskutieren. Er würde zu denen, die sagen, uns geht es scheiße hingehen und sagen: Ich höre euch zu. Einerseits haben die wirklich Sorgen und Probleme, die gehört werden müssen. Auf der anderen Seite muss auch jemand kommen und sie in die Verantwortung nehmen. Man kann nicht einfach nur nach oben treten und sagen 'Merkel muss weg', genauso wenig kann man nach unten treten und sagen 'Flüchtlinge müssen weg'. Man muss bei sich selber anfangen. Das hat Jesus gemacht: Er hat Menschen in die Verantwortung genommen.

In einer Vorlesung über das Neue Testament kam dir - leicht verkatert - die Idee, dass du das Christentum nur verstehen könntest, wenn du seine Wurzeln kennen lernen würdest. Also bist du zwei Monate durch Israel und gestiefelt. Wieso nur?

Mehr von Nils Straatmans Wanderung durch Israel und Palästina finden Sie hier: "Auf Jesu Spuren". Piper Verlag. 304 Seiten. 16 Euro.

Mehr von Nils Straatmans Wanderung durch Israel und Palästina finden Sie hier: "Auf Jesu Spuren". Piper Verlag. 304 Seiten. 16 Euro.

Früher kamen die Gläubigen mit Pilgerstab, heute mit Selfie-Stick und am Ende gehen sie alle ganz heilig nach Hause. Ich wollte aber erfahren, welche Kultur Jesus damals geprägt hat und welche ihn heute möglicherweise prägen würde. Deshalb habe ich mich mit meinem Kumpel und Kameramann Sören zwei Monate auf den Weg gemacht. Wir haben Hunderte Kilometer zu Fuß zurückgelegt, oft bei knapp 40 Grad Hitze.

Was wäre aus Jesus denn heute geworden?

Auf meiner Reise habe ich viele Antworten bekommen: Wenn man mit einem Juden spricht, wird immer betont, dass Jesus Jude war - und es heute auch noch wäre. Wenn man mit den Palästinensern spricht, betonen die immer, dass Jesus Palästinenser war, und heute zu den Unterdrückten halten würde. In der Tat war er beides: Ein jüdischer Palästinenser. Aber ich weiß gar nicht, ob es heute überhaupt noch die Chance für eine Figur wie Jesus geben könnte.

Vielleicht hätte er heute für seine Überzeugungen nicht sterben müssen.

Da bin ich mir nicht sicher. Jesus hätte heute ähnlich viel Ärger bekommen, obwohl er gewaltfreie Ansichten vertrat. Eigentlich gibt es ja nichts Realeres als für seine Überzeugungen zu sterben. Leider bräuchte es wahrscheinlich auch heutzutage für eine Figur wie Jesus einen Märtyrertod. Denke an Martin Luther King, der erschossen wurde, oder Nelson Mandela, der jahrelang im Gefängnis saß und erst dort internationale Aufmerksamkeit bekam. Leider bedarf es häufig erst solcher Schockmomente, um die Aufmerksamkeit auf wichtige Themen oder Personen zu lenken.

Gott wird nicht sterben

Zwei Monate durch Israel und Palästina. Verstehst du Jesus und das Christentum jetzt besser?

Ich habe eins verstanden: Wenn wir Angst haben, dass unser "christliches Abendland" untergeht, sind wir eigentlich unsere größte Bedrohung.

Wie das?

Weil wir unsere Wurzeln und Werte vergessen haben. Wir haben ein riesiges Privileg, in einem Land wie Deutschland wohnen zu können. Der absoluten Mehrheit der Menschen geht es gut. Wir haben fließend Wasser, wir haben Geld, wir haben ein fruchtbares Land. Dadurch haben wir aber auch eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die diese Privilegien nicht haben. Man muss diesen Menschen respektvoll entgegentreten und sich im christlichen Sinne für die Armen, für die Schwachen und auch für die Minderheiten einsetzen. Und nicht zuletzt liegt die Wurzel unseres "christlichen Abendlandes" ja im Morgenland.

Mit all den Problemen und Konflikten, mit denen wir konfrontiert werden: Ist es heute denn noch möglich, an eine Kirche, an Jesus und an einen Gott zu glauben?

Ich bin sehr überzeugt vom aktuellen Papst – und das sage ich als Protestant. Probleme und Konflikte gab es schon immer. Gott ist die Projektion unserer innersten Wünsche, sagte einmal der Philosoph Feuerbach. Solange wir Wünsche und Hoffnungen haben, gibt es auch die Möglichkeit für einen Gott. Es liegt aber in der Verantwortung der Oberhäupter der Religionen gemeinsam für Frieden und für Liebe einzustehen. Das passiert leider nicht immer. Aber: Gott wird nicht sterben.

Sehen Sie hier den WDR-Beitrag "Auf Jesu Spuren - Wer kann schon übers Wasser gehen?" von Nils Straatmann und seinem Kamermann Sören Zehle