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Freizeit: »Am besten vor dem Schuss die linke Faust ballen«

Prof. Dr . Jürgen Beckmann, 59, ist Sportpsychologe und lehrt an der TU München. Ab der Saison 2014/2015 berät er eine Mannschaft aus der 1. Bundesliga.

Heute Abend um 21 Uhr tritt die deutsche Mannschaft gegen die argentinische im WM-Finale an. Wir haben den renommierten Sportpsychologen Jürgen Beckmann gefragt, wie die Deutschen gewinnen können – ein Interview über Elfer, Erektionen und den Linke-Faust-Trick.

Herr Beckmann, die meisten Menschen werden schon nervös, wenn ihnen eine Person beim Arbeiten zusieht – ein WM-Finale sehen über700 Millionen Menschen. Wie soll man da cool bleiben?
Beckmann: Die Spieler werden das ausblenden. Ins Maracana-Stadion passen 70 000 Zuschauer – etwa so viele wie in ein Bundesligastadion. Wenn sie erst einmal im Spiel sind, werden sich die Spieler die Millionen Fernsehzuschauer nicht vor Augen führen.

Der berühmte »Tunnelblick«.
Der ist tatsächlich am hilfreichsten. Ich kenne keinen Fußballprofi, der während des Spiels an die Massen denkt, die ihm über das Fernsehen zusehen. Das realisieren die meisten erst im Nachhinein.

Was üben Sie mit den Fußballprofis als Sportpsychologe eigentlich?
Wie diese WM ja auch gezeigt hat: Standardsituationen sind extrem wichtig. Und oft hilft es, von Mustern abzuweichen. Ich versuche zum Beispiel, die Spieler vom stetigen flachen Schuss beim Elfmeterschießen nach links unten oder rechts unten abzubringen. Den muss man schon sehr scharf platzieren, damit der Torwart ihn nicht kriegt.

Was empfehlen Sie?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schuss gehalten wird, der über 1,60 Meter kommt, ist extrem selten.

Dazu braucht man Nerven. Entweder der Ball geht spektakulär in den Nachthimmel. Oder der Torwart bleibt stehen und fängt ihn einfach – es gibt solche Schüsse von Andrea Pirlo.
Nur wenn man in die Mitte schießt, dann ist das natürlich maximal peinlich. Dennoch lohnt es sich, diese Angst vor der Blamage zu überwinden. Es gibt eine Schräglage: Der Torwart kann beim Elfmeterschießen nur gewinnen, die Spieler nur verlieren. Ein immenser nervlicher Druck. Daher empfehle ich den Spielern auch, vor dem Schuss die linke Hand zur Faust zu ballen.

Wie bitte?
Unter Druck dominiert oft die linke Gehirnhälfte: Die Spieler denken an die Schusstechnik, wollen alles richtigmachen, den Ball perfekt treffen. Das ist ungünstig. Eine geballte linke Faust aktiviert die rechte Gehirnhälfte und beseitigt die Dominanz der linken Gehirnhälfte. Rechts sind die räumliche Orientierung und das Ballgefühl lokalisiert. Das Ballgefühl kommt gewissermaßen durch das Ballen der linken Faust zurück, und der Ball landet im Tor.

Lässt sich das beweisen?
Ja, wir haben das in einem Experiment nachgewiesen. Wir simulierten Wettkampfbedingungen und ließen zwei Teams zum Elfmeterschießen antreten, vor 300 Zuschauern, und lobten einen Preis für das Gewinnerteam aus. Beide Teams waren im Wettkampf schlechter als im Training. Dann ließen wir das eine Team je dreißig Sekunden die rechte Faust ballen, das andere die linke Faust. Das Team, das vor jedem Schuss dreißig Sekunden die linke Faust ballte, schoss genauso gut wie im Training. Sie hatten die Nervosität ausgeschaltet.

Ich hoffe, die Nationalmannschaft kennt Ihren Trick.
Das weiß ich nicht. Die Erkenntnisse wurden 2013 im »Journal of Experimental Psychology: General« veröffentlicht. Kurioserweise wurden die Erkenntnisse überall, nur nicht in Deutschland, diskutiert.

Im Finale 1990 hat Rudi Völler den Druck auf den Elfmeterschützen Andi Brehme nur minimal erhöht, indem er ihm zuflüsterte: »So, den machst du jetzt rein, dann sind wir Weltmeister.«
Ja, grausam. Das Sinnvollste, was ein Spieler zum anderen vor einem Elfer sagen kann, ist: »Denk an den letzten, den du verwandelt hast.« Sich auf eine Routine zu konzentrieren, ist das Hilfreichste in so einer Drucksituation. Deshalb trainieren wir Routinen für Standardsituationen.

Im Viertelfinale sah es so aus, als habe Tim Krul eine Erektion, nachdem er zwei Elfmeter gehalten hat…
Das wäre nicht ungewöhnlich. Leistungsmotiv und Sexualität hängen sehr eng zusammen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Getty Images