Freizeit Bombenstimmung

Freizeit: Bombenstimmung
Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Dezember 2012 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in derNEON-App.

In einem Büro an der Grenze zwischen Krieg und Spaß, Tränen und Unterhaltung, zwischen Bomben, Blut und Stimmung kommt die Frage auf, ob man den Komödianten Bülent Ceylan über Usbekistan nach Afghanistan einfliegen könnte. Die Usbeken gewähren nicht jeder Nationalität einen Zwischenstopp, also müsste man jetzt wissen, ob Ceylan Türke ist und ob Türken den usbekischen Flughafen Termez passieren dürfen. Ist nur so ein Gedanke von Oberfeldwebel Fesser, 25, Tarnfleckuniform. Dass Ceylan was für die Soldaten wäre, da ist er sicher, er findet ihn lustig. Ceylan könnte den Soldaten im Krieg Witze erzählen. Fesser recherchiert und findet heraus: Egal, ob Türke oder Deutscher, Ceylan dürfte fliegen. Ob so ein »Hochkaräter«, wie Fesser ihn nennt, zusagen würde, ist eine andere Frage. Mario Barth hat abgesagt.

Die Spaßzentrale der Bundeswehr heißt natürlich nicht Spaßzentrale, sondern »EinsFü-Kdo-Bw Dezernat J1/InFü Betreuung/Fürsorge« und befindet sich in einer Kaserne bei Potsdam. In dieser Einheit arbeiten fünf Soldaten, an diesem Vormittag sind sogar nur zwei da: Oberfeldwebel David Fesser und Hauptbootsmann Matthias Behrendt, 34. Die Bilanz ihrer Arbeit liest sich wie die Gästeliste einer nicht optimal besetzten »Wetten, dass..?«-Sendung: Peter Maffay, Til Schweiger, Xavier Naidoo, die Cheerleader von Frankfurt Galaxy, die Schlagergruppe »Die Wiesenfelder«, Kurt Krömer, Paul Kalkbrenner, Wigald Boning und ein Coversänger namens Michael Wurst waren in Afghanistan. Auch gern genommen: Coverbands der Puhdys oder von AC/DC.

Fesser und Behrendt teilen sich das Büro, sie sitzen sich gegenüber. Sie sprechen ein Bundeswehrdeutsch, bei dem ein Konzert vor Soldaten nicht ein Konzert vor Soldaten ist, sondern eine »Truppenbetreuung«. Ihr Zugang zu Musik ist pragmatisch: Ein Musiker oder eine Band muss zwei Stunden spielen können, und wenn sich eine Coverband einen Hilfszettel auf den Boden legen muss, ist das okay, einen Soldaten interessiere das nicht. Fesser geht nicht so oft auf Konzerte, er war mal bei den Ärzten und auf einem Volksfest mit Livemusik in der Bachstadt Köthen in Sachsen-Anhalt.

Fesser und Behrendt duzen einander, und wenn Oberstleutnant Langer, der Pressesprecher für den Afghanistaneinsatz, bei Behrendt anruft, sagt er »Herr Behrendt« zu ihm und nicht »Herr Hauptbootsmann« – für Bundeswehrverhältnisse ist das beinahe hippiehaft. Dabei wirkt Behrendt nicht wie jemand, der Witze macht, auch nicht wie jemand, der über Witze lacht, doch seinen Bart zwischen Unterlippe und Kinn hat er sich blond gefärbt. Seit gut zehn Jahren arbeitet er hier. »Klar, als junger Mensch, der ich damals war, hat man Musikinteressen, man hat Rammstein gehört, Hip-Hop und solche Sachen. Heute merke ich, dass ich vieles nicht mehr kenne.«

Das macht aber auch nichts. Denn die Wahrheit ist, dass sie als militärische Booking-Agentur sowieso keine große Auswahl an Künstlern haben, an die sie rankommen. Das liegt daran, dass die Bundeswehr keine Gage zahlt, sondern nur den Flug, das Essen in der Truppenküche und den Schlafplatz im Gemeinschaftscontainer. So kommt es, dass bei den Amerikanern Robin Williams auftritt und bei den Deutschen Michael Wurst. In einem »Spiegel«-Artikel steht: »Die Amerikaner haben die ›United Service Organisation‹ mit weltweit 160 Büros und einem Budget von über 100 Millionen Dollar. Die Deutschen haben für die Unterhaltung von Soldaten im Einsatz ein Büro in Deutschland und in Afghanistan zwei dafür abgestellte Soldaten.« Fesser und Behrendt macht das offenbar stolz: dass es trotzdem irgendwie klappt. Sie haben sich den Absatz des »Spiegel«-Artikels ausgedruckt und an die Bürowand gehängt.

Es wäre falsch zu denken, dass alles anders laufen würde, wenn hundert Millionen Euro zur Verfügung stünden. Denn es gibt noch ein anderes, ein deutsches Problem: Wer will schon in einem Krieg auftreten, den die deutsche Bevölkerung, der eigene Absatzmarkt, laut Umfragen zu zwei Dritteln schnell beendet haben will? Viele Künstler fürchten da um ihr Image.

Paul Kalkbrenner scheint ein gutes Beispiel zu sein. Die Bundeswehr hat ein Video seines Auftritts in Masar-i-Scharif auf Youtube geladen. Wer sich ansieht, wie Kalkbrenner bei Sekunde zehn des Videos einen Soldaten abklatscht, erkennt einen Mann, der aus Solidarität gekommen ist. Das zu sagen, traut er sich aber nicht, er gibt nach seiner Rückkehr keine Interviews zu seinem Auftritt, im Bundeswehrvideo sagt er nur, er hoffe, dass »unabhängig vom Gerede über den Einsatz« alle bald wieder gesund nach Hause kämen. Klar: Jemand wie Michael Wurst kann bestimmt jede Presseerwähnung gebrauchen, Ralf Moeller tut sich mit Afghanistan-PR auch nicht schwer, es passt ja zu einem Action-Schauspieler wie ihm. Til Schweiger hat durch seinen Besuch den eigenen Film »Schutzengel« vermarktet, in dem es um Exsoldaten geht (wovon auch die Bundeswehr profitierte: Schweiger sprach nach der Reise in Talkshows davon, was für gute Typen dort unten in Afghanistan gerade dienen würden). Und die Mitglieder der Band »No Angels«, die in einem Kosovo-Feldlager aufgetreten sind, hofften vielleicht darauf, ein bisschen wie Marilyn Monroe zu wirken, die ja einen ihrer berühmtesten Auftritte vor Soldaten während des Koreakriegs hatte. Doch Künstler wie Paul Kalkbrenner oder Xavier Naidoo, die vermutlich eher von einem pazifistischen oder zumindest nicht militärnahen Publikum gehört werden, können in Feldlagern eigentlich nur verlieren. Nehmen sie das also in Kauf, aus Verantwortungsgefühl gegenüber den Soldaten?

Nicht nur. Kalkbrenner sagt im Video auch, dass er die Reise trotz seiner 300 000 Flugmeilen im Jahr besonders »exciting« findet. Und Kurt Krömer sagt, dass er wissen wollte, »was die da unten eigentlich machen«. Doch wirklich viel zu entdecken gibt es da unten wohl nicht. Behrendt sagt: »Wir können Künstlern nur begrenzt Eindrücke des Einsatzes bieten. Wir sagen: Ihr könnt euch mal in einen Panzer reinsetzen oder euch mal eine Waffe angucken. Mehr ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich.«

Vor einiger Zeit bot sich die hauptberuflich als Busenwunder tätige Micaela Schäfer der Bundeswehr an. Sie ist eines der wenigen Beispiele dafür, dass Fesser und Behrendt auch mal Nein sagen: »Was soll die Soldatenfrau zu Hause denken, wenn sie Bilder einer solchen Veranstaltung sieht? Das gibt nur Diskrepanzen«, sagt Behrendt. Eine zweite Begründung kommt vom Pressesprecher Langer: »Es kann sehr gut sein, dass da auf einmal ein afghanischer Dolmetscher im Publikum auftaucht. Das wäre für ihn dann eine Provokation, die wir definitiv vermeiden können.« Schäfer hätte aber nicht nur mühselig ihre Brüste zurückhalten müssen, eine weitere Regel besagt, dass Frauen bei Auftritten Hosen zu tragen haben. Es gibt eine Checkliste, die jeder Star vor seiner Abreise zugeschickt bekommt. Demnach auch sehr wichtig: ein Schlafsack sowie »Badelatschen zum Betreten der Nassräume«.


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