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Freizeit: Briefe an die NSA

Der Politikjournalist Sebastian Christ wollte wissen, was eigentlich mit seinen Daten und persönlichen Informationen passiert, die er jeden Tag im Internet hinterlässt. Er versuchte deshalb, Verfassungsbeschwerde bei der Bundesregierung einzureichen und fragte bei amerikanischen Geheimdiensten nach. In dem E-Book »Mein Brief an die NSA« hat er nun seine Beziehung zum Netz und diese Suche nach den Daten aufgeschrieben.

Sie beschreiben sich selbst als Netzbürger, dessen Heimat ein Ort ist, der wenige Quadratmillimeter auf dem Server misst. Wann fingen Sie an, sich in dieser Heimat nicht mehr wohl zu fühlen?
Ich komme aus einer kleinen Stadt in Nordhessen. Das Netz war für mich schon sehr früh ein Stück Freiheit. Mitte der 90er Jahre, als ich begann, das Internet zu nutzen, war meine Heimatstadt noch wie eine Insel – alles kam dort etwas später an. Vernetzt zu sein und Informationsquellen zu nutzen, zu denen man bis dato in der Provinz keinen Zugang hatte, das ist Teil meiner persönlichen Bildungsgeschichte. Trotzdem war ich nie ein Technik-Freak. Programmiersprachen sind mir bis heute fremd, und ich bin froh, wenn ich einfache Computerprobleme selbst lösen kann. Insofern habe ich erst relativ spät ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Überwachung im Netz eine Gefahr ist. Wahrscheinlich erst mit den Snowden-Enthüllungen. Mir ging es da wie vielen anderen: Ich wollte es womöglich auch nicht wahrhaben.

Wann merkten Sie, dass es nicht um Wohlfühlen, sondern um systematisches Ausspähen geht?
Als Kriegsreporter war ich in Afghanistan unterwegs, dort ist das Thema Überwachung viel präsenter, verschiedene Geheimdienste sammeln dort Daten. Mit dem heutigen Wissen hätte ich merken können, was womöglich im Hintergrund vor sich geht. Einmal wurden sogar in Mazar-e-Sharif meine Kreditkartendaten gestohlen, die per Satellit vom Militärlager nach Europa übertragen werden. Ich habe mich darum nicht weiter gekümmert, obwohl mir klar war, dass dies nicht das Werk von gewöhnlichen Kleinkriminellen sein konnte. Einige Wochen später hat mir die US Army eine fest versprochene Recherche ohne Angabe von Gründen verwehrt. Auch da hätte es eine Erklärung gegeben: Ich habe das auf das interne Organisationschaos der Amerikaner zurückgeführt, so wie ich es selbst mehrfach vor Ort erlebt hatte. Dass es dafür auch eine andere Deutung geben konnte, wurde mir erst vergangen Sommer klar.

Hatten Sie mal überlegt, ihren »Brief an die NSA« nicht als E-Book, sondern als handgetipptes Pamphlet herauszugeben?
Nein. Letztlich wäre das eine Flucht vor dem Netz. Ich will aber nicht weglaufen, sondern für die mir zustehenden Freiheitsrechte kämpfen. Und die gelten auch im Netz, auch wenn viele Politiker das erst langsam einzusehen beginnen.

»Ich habe ja nichts zu verbergen« oder »So spannend ist mein Leben nicht ­ was sollen die denn da herausfinden?« sind zwei Sätze, die oft in Diskussionen über die Ausspähung der Daten genannt werden. Warum sind diese Ansichten, wie Sie schreiben, so fürchterlich?
Wer würde schon tagsüber die Wohnungstür offen lassen, und jeden Fremden einladen, das eigene Schlafzimmer zu durchsuchen? Wir alle haben ein Privatleben, und natürlich haben wir auch etwas zu verbergen. Das ist das Normalste auf der Welt. Viele denken sich vielleicht: Da wird schon nichts passieren. Oder: Ich vertraue dem Staat, es geht ja um meine Sicherheit. Aber genau das ist der erste Schritt zur Selbstzensur. Denn wenn ich gezwungen werde, Gedanken zu teilen, prüfe ich bewusst oder unbewusst, wie sie in welchem Kontext auf bestimmte Menschen wirken könnten. Auf freiwilliger Basis kennen das viele aus den sozialen Netzwerken: Postings sind meistens gelebte Selbstzensur, weil es nie allein um die eigene Meinung geht, sondern auch darum, wie die Meinung bei Freunden ankommt. Das fängt schon bei den Profilbildern an, in denen sich lauter versteckte und weniger versteckte Botschaften verbergen. Man stelle sich vor, jeder Nutzer müsste sich im gleichen Maße bei jeder angesteuerten URL Gedanken machen, was der Staat daraus schließen könnte. Geheimnisse zu haben ist ein Recht, aus dem Freiheit erst entstehen kann.

Woher, glauben Sie, kommt diese Indifferenz?
Das ganze Themenfeld ist sehr komplex. Wahrscheinlich wissen wir bis heute nicht, wer alles über uns Daten sammeln könnte. Und wie. Ferner: Wo hinterlassen wir überall Spuren, die andere auswerten können? Ich bin da selbst bisweilen ratlos. Doch die Augen zu schließen und zu hoffen, dass alles irgendwie schon gut geht, das ist angesichts der Enthüllungen von Edward Snowden keine Lösung mehr.

Sie haben überlegt, eine Verfassungsbeschwerde einzureichen, mit der Hoffnung, dass das Innenministerium seinen Kurs ändern müsse, dass es gezwungen wird zu handeln.
Die Idee kam mir im vergangenen Sommer. Es war die Zeit nach den Snowden-Enthüllungen. Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich kam aus Washington zurück und erklärte allen Ernstes, dass wir froh sein können, überwacht zu werden – es seien schließlich Terroranschläge verhindert worden. Angela Merkel sagte gar nichts zu diesem Thema, wahrscheinlich wollte sie das unangenehme Thema im Wahlkampf totschweigen. Mich hat das ziemlich wütend gemacht. Ich bin juristischer Laie, aber ich habe mich dann mit einem Anwalt beraten, ob eine Verfassungsbeschwerde gegen eines der Gesetze, die Überwachung in Deutschland ermöglichen, Aussicht auf Erfolg hat. Das Gespräch war recht kurz.

Woran ist dieser Versuch gescheitert?
Der Anwalt gab mir zu verstehen, dass ich für eine Verfassungsbeschwerde nachweisen müsse, dass ich selbst betroffen bin. Nun liegt es in der Natur von Geheimdiensten, dass sie nicht transparent arbeiten. Ich wusste zwar, dass wahrscheinlich Daten von fast allen deutschen Staatsbürgern auf irgendeine Weise abgeschöpft werden, ich konnte aber meinen konkreten Einzelfall nicht belegen. Ganz ehrlich: Selten zuvor habe ich mich in Deutschland so hilflos gefühlt. Offenbar setzen sich ausländische Geheimdienste seit Jahren über gut ein halbes Dutzend Grundrechte hinweg. Die Bundesregierung schaut dabei zu. Und selbst juristisch sind mir die Hände gebunden.

Klar, man kann seinen Mailprovider wechseln, Nachrichten verschlüsseln und wenig Persönliches im Netz hochladen. Aber was können Bürger tun, die nicht nur ihre eigenen Daten schützen, sondern ein Zeichen setzen wollen?
Ich finde die Anwendung von Verschlüsselungstechniken einen wichtigen Schritt. Allein schon deshalb, weil sie die Arbeit von Geheimdiensten womöglich verzögern kann. Unsere Daten jedoch werden immer noch abgezapft und gespeichert. Das muss aufhören. Ausländische Geheimdienste reagieren nicht auf außenpolitischen Druck, sondern allein auf Druck von innen. Ich habe mir persönlich Gedanken gemacht, welche amerikanischen und britischen Dienstleister ich noch nutzen will und welche nicht. Um Facebook komme ich nicht herum, Dropbox und Googlemail jedoch habe ich gekündigt – mit der dementsprechenden Begründung. Anscheinend bin ich nicht der einzige. Der wirtschaftliche Druck auf Konzerne wie Google steigt, auch deshalb wird der Protest gegen die Überwachungsmethoden in den USA immer lauter.

Gibt es etwas, was Ihnen in Bezug auf Datensicherheit Hoffnung macht?
Klar. Das vergangene Jahr hat dazu beigetragen, ein Bewusstsein zu schaffen. Gleichzeitig boomt die Verschlüsselungsindustrie. Auf der Cebit in Hannover sind Krypto-Lösungen im Trend. Bald werden wir Handys mit Verschlüsselungstechnologie im Laden kaufen können. Das sind alles gute Ansätze, um unsere Geheimnisse zu schützen. Aber es ist erst der Anfang.

Foto: privat

  • Fiona Weber-Steinhaus