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Freizeit Der Altmusikhändler

Freizeit: Der Altmusikhändler
Die marokkanische Soulmusik der 70er Jahren ist in Vergessenheit geraten. Der Berliner Jannis Stürzt will das ändern.

Fotos: Fabian Brennecke

Ein fünf Jahre altes Foto ist der ­einzige Hinweis, den Jannis Stürtz in der Tasche hat, als er seine Suche beginnt. Der 31-Jährige hat im Internet ein Bild entdeckt, das ihn sofort elektrisierte: ­bunte arabische Plattencover, in einem Laden in der Rue de Marrakech. Für Jannis Grund genug, um knapp 4000 Kilometer von Berlin nach Agadir zu reisen. Mit schnellen Schritten geht er nun durch die Straßen der Stadt, vorbei an Frauen mit bunten Kopftüchern, an Palmen und Cafés, in denen Männer Karten spielen. »Hoffentlich gibt’s den Laden überhaupt noch«, murmelt er.

Der Berliner Musiklabelbetreiber und Plattensammler ist auf einer Mission in Marokko: Er will verschollene Soul- und Funkplatten aus den 70er Jahren ausgraben und die Familie der marokkanischen Soullegende Fadaul finden, um sich die Rechte an dessen Songs zu sichern. Der Sound einer zu Unrecht vergessenen Ära soll zum Leben erweckt werden, die Menschen in Beirut, Tunis, Paris, Dubai und Berlin ­sollen wieder zu Fadauls rotziger Musik tanzen. Doch die Mission ist gar nicht so einfach.

Hinter einer dunkelblauen Markise an der Hauptstraße entdeckt Jannis endlich den Plattenladen. Die Tür steht offen. Jannis bewegt sich langsam, fast ehrfürchtig, als würde er eine Schatzkammer betreten. Drinnen riecht es zumindest ähnlich: ziemlich muffig. An der Wand hängen sechs Regale, vollgestellt mit alten Platten. Auf den Covern: arabische Schriftzeichen, Frauen mit Föhnfrisuren und Männer mit Gitarren. Die glamourösen Stars von einst – verstaubt, verblichen, vergessen.

Freizeit: Der Altmusikhändler

»Die arabische Welt ist so viel mehr als nur Terror und Scharia«, sagt Jannis. In den 70er Jahren reisten Hippies aus aller Welt nach Tanger und Casablanca, der Westen traf auf ­Afrika und den Nahen Osten, eine spannende, hoffnungsvolle Zeit. Die arabischen Melodien von Fadauls Zeitgenossen hatten Einfluss auf die Popmusik. »Jeder hat schon einmal zu Songs wie Jay Zs ›Big Pimpin’‹ oder ›Galvanize‹ von den Chemical Brothers getanzt«, sagt Jannis. Allerdings weiß kaum jemand, dass die Melodie von »Galvanize« im Original von der marokkanischen Sängerin Najat Aatabou stammt, die in den 70er Jahren den Song »Hadi Kedba Bayna« aufgenommen hat.

Sieben Stunden fährt Jannis mit dem Auto von Agadir nach Casablanca, vorbei an Bergen, der Wüste und endlosem blauen Himmel. In der Stadt setzt er sich in ein Taxi, zeigt dem Fahrer die Adresse von Fadauls Bruder. Nach dreißig Minuten springt der Taxifahrer aus dem Auto und fragt einen älteren Mann mit Krücke am Straßenrand: »Kennst du Fadaul?« Der Mann nickt aufgeregt. Jannis grinst und zeigt dem Mann eine alte Schallplatte von Fadaul. Der Mann wippt mit dem Kopf und singt laut den Fadaul-Hit »Sid Redad«, in dem es um Drogen und Freiheit geht. Nach über 45 ­Jahren erinnert er sich sofort an den Musiker. »Im Haus Nummer 40 wohnt sein Bruder«, sagt er.

Endlich ist Jannis angekommen, an einem großen, schweren, schwarzen Tor. Er klingelt. Die 18-jährige Doha öffnet die Tür und ist ziemlich überrascht über den Fremden aus Deutschland. Jannis fragt, ob ihr Vater zu Hause sei. »Der ist gerade in der Moschee«, antwortet sie auf Englisch.

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Wieder holt Jannis die Platte hervor: »Hier, schau, das ist dein Onkel. Er war ein bekannter Musiker.« Doha reißt die Augen auf und kann das kaum fassen. »Wahnsinn, davon wusste ich überhaupt nichts«, sagt sie. Als sie geboren wurde, war ihr Onkel bereits sieben Jahre tot. In der Familie spricht niemand über den Außenseiter, aber Tausende Menschen hören seine Songs im Netz.

Kann Jannis den Platten-Deal abschließen und wird er auf seiner Reise Plattenläden finden? Den Text »Der Altmusikhändler« lest ihr in derAusgabe 10/15 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.