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Freizeit: Lesen lernen

Unsere Kultur macht unsere Köpfe kaputt. Wir können nicht mehr denken. Unsere Smartphones hypnotisieren uns, halten uns von den wirklich wichtigen Dingen ab, und wir verstehen die Welt nicht mehr. Ärgert Euch der Gedanke? Wahrscheinlich. Weil er wahr ist. Der Beweis ist eine Insel.

Ich habe Ferien gemacht, ich war weit weg. Die Insel, auf der ich zwei Wochen verbracht habe, liegt vor der Küste Afrikas. Tagsüber ist es dort heiß und die Sonne scheint so hell, dass man fortwährend die Augen zusammenkneift. Nachts weht eine warme Brise, die Palmen nicken leise mit den Köpfen, ein voller Mond taucht alles in Silberlicht und die Welt sieht aus, als würde man träumen.

Ich habe dort in einer Hütte am Strand gewohnt. Ich wachte auf, wenn es hell wurde, und ging schlafen, kaum dass die Sonne ins Meer gefallen war. Das Leben war sehr einfach. Auf der Insel gibt es kein fließendes Wasser. Es gibt keinen Strom, es gibt kein Telefon und kein Internet. Es gibt keine Touristen, es gibt nur das Meer und den weiten Strand und Fischer und Bauern und spielende Kinder und eine kleine Moschee, von deren Minarett abends der Muezzin ruft.

Ich musste lange reisen, um auf die Insel zu kommen, und einmal angelangt war ich noch längst nicht da. Vielmehr verging noch eine ganze Woche, bevor das Rad des Denkens, der Anspannung, der Arbeit, des gewohnten Lebens endlich seinen Schwung verlor, sich verlangsamte, stillstand. Bis die Gegenwart von Zeit und Ort in mir den Raum gewannen, den sie im Alltag verloren hatten, weil ich gedanklich ständig woanders, beim Nächsten, bei der Möglichkeit, der Aufgabe, der Sorge war, bei WhatsApp oder Emails oder der Frage, wo ich heute Abend ausgehen würde.

Dieses Ankommen fühlte sich wunderbar an. Die Abwesenheit von Geschwindigkeit. Die Stille. Statt den einzelnen Gedanken mühsam im Gewusel des durch tausend mediale Kanäle befeuerten Bewusstseinschaos fischen zu müssen, nur um ihn sogleich vom nächsten Impuls fortgeweht zu sehen, trat er alleine und langsam an mich heran, verlangte bescheiden Aufmerksamkeit, ich betrachtete ihn dann ruhig von allen Seiten, drehte, wendete ihn, so lange, bis er dem nächsten Gedanken die Hand reichte, alles machte wieder Sinn in seiner Reihenfolge, wurde durchsichtiger, einsichtiger, aus allem wich der Druck. Mein Verstand entkrampfte sich.

Es ist merkwürdig, und vielleicht auch nur für mich alleine interessant, dass ich in dieser Zeit, in der ich von allem abgeschnitten war und von seinem Tod nichts mitbekommen konnte, immer mal wieder an Frank Schirrmacher denken musste, den kürzlich gestorbenen Feuilleton-Herausgeber der FAZ, einen Mann, dem ich meinen Beruf verdanke, der mich sonst aber nicht regelmäßig beschäftigte. Aber auf der Insel dachte ich, dass ich den Text, den Ihr hier gerade lest, nach meiner Rückkehr gerne schreiben würde, und ich dachte dabei dann, dass er ja im Grunde nur eine Bestätigung ist von dem, was Schirrmacher in seinen letzten Büchern geschrieben hat.

Denn ich habe auf dieser Insel das Lesen wieder neu gelernt. Ich lese an sich sehr gerne. Aber es fällt mir zunehmend schwer. Ich kann mich nicht mehr wirklich konzentrieren. Für einen Roman langt es noch, aber wenn es ein bisschen komplizierter wird, wenn ich Philosophie lesen will, eines von diesen schwarzen Suhrkamp-Büchern, dann schaffe ich eine halbe Seite, und dann noch zweieinhalb im Blindflug, bei denen ich garnicht mehr richtig bei der Sache bin, und dann habe ich, ohne das überhaupt gewollt zu haben, auf einmal wieder das Smartphone in der Hand, auf dem im Zweifelsfalle auch eine Nachricht ist oder sonst irgendein Scheiß, der ohne jeden Aufwand in mein Hirn reinglitscht, um dort kurz darauf niemals wieder erinnert zu werden. Inhalt ohne jede Konsequenz, also auch ohne jede Relevanz.

Auf der Insel gab es kein Smartphone, und während der Phantomschmerz über dessen Abwesenheit sich über die erste Woche langsam legte, wurde mir wieder so bewusst, dass das Gehirn ein Muskel ist, den man trainieren kann, bis man Schwarzenegger ist. Anfangs las ich zwei Seiten Foucault und legte das Buch dann zur Seite und schaute auf’s Meer und dachte an irgendeinen Quatsch, und am Ende der Zeit auf der Insel las ich zwanzig, bevor ich Pause brauchte, und nach der Pause machte ich aber wieder weiter, weil ich interessiert war. Ich lernte neu, mich zu konzentrieren, das ging erstaunlich schnell und fühlte sich wirklich gut an. Die Bücher waren nicht mehr frustrierend, sondern sie wurden wieder richtig aufregend.

Und?

Na ja, und. Das bedeutet schon was. Ich weiß nicht, woran es lag, dass ich das auf der Insel wieder konnte. Vielleicht hatte das nur bedingt mit dem Leben ohne Internet zu tun, und mehr mit der Tatsache, dass ich eben Ferien machte, aber ich glaube das nicht so wirklich. Es gab auf der Insel einfach nichts, das ständig meine Aufmerksamkeit verlangte, und was verlangt schon mehr und penetranter unsere Aufmerksamkeit als unsere ständige Verbundenheit mit der ganzen restlichen Welt?

Schaut mich an, in der U-Bahn, auf dem Weg irgendwohin: gekrümmt sitze ich über mein Telefon gebeugt, wie die anderen Zivilisationsaffen um mich herum auch, betatsche es und wische darauf herum, bis es wieder irgendetwas ausspuckt, das meine Aufmerksamkeit die nächsten paar Minuten okkupiert. Ich lese dort dann zum Beispiel, wie enttäuscht alle von der letzten Apple-Präsentation waren, und es scheint wirklich so, als warte die ganze Welt auf eine noch mächtigere Maschine in ihren Hosen- und Handtaschen, auf irgendein Ding, das sie noch besser vor dem Alleinsein mit sich selbst oder einem komplizierten Gedanken bewahrt.

Denn darum geht es letztlich. Um komplizierte Gedanken. Wir klagen alle immer wieder gern darüber, dass das Leben anstrengend ist, unübersichtlich, verrückt; aber für Gedanken, die dem angemessen sind, für komplizierte, lange, anstrengende, haben wir nicht mehr den Verstand. Die Überlegungen, die durch das Chaos der Wirklichkeit einen Schnitt machen wie mit einer Machete, die irgendetwas im Dickicht Verborgenes freilegen für ein paar Augenblicke, die uns die Welt erkennen lassen aus einer Perspektive, die sich uns sonst nicht bietet, und uns deswegen Halt, Orientierung, tatsächlich auch Haltung, Willen und Widerstand verleihen, sind normalerweise kompliziert. Sie brauchen Zeit und Geduld und Konzentration, um sich in uns entfalten zu können. Auf der Insel hatte ich die, und mein Leben fühlte sich darüber reicher an und meine Tage machten mich zufriedener. Zugleich wurde ich kritischer meinen Gewohnheiten in Deutschland gegenüber, ich hatte das Gefühl, manches ändern zu wollen. Zum Beispiel: Weniger Internet. Weniger Smartphone. Es gibt ja Leute, die behaupten, dass das der Kern aller Philosophie sei. Dass einem die Philosophie sagt: Du musst Dein Leben ändern. Und ist die Vorstellung nicht gruselig, in einer Zivilisation zu leben, die alles hat, nur nicht mehr die Kraft, Muße, den Willen, in diesem Sinne zu philosophieren? Was passiert mit uns, wenn wir keine Kraft mehr haben, eine gedankliche Machete zu schwingen, weil es in unseren Hirnen nur noch zwitschert? Wenn wir derart beschäftigt sind mit heißer Luft, dass wir das noch nicht einmal merken? Werden wir nicht zu einer Masse kinderleicht lenkbarer Automaten, desinteressiert an der Richtung, die wir als Herde einschlagen?

Langweilt Euch das? Habt Ihr diesen Gedanken schon zu oft gehört? Ist mir egal. Wahrscheinlich ist er Euch einfach nur unangenehm. Mir ist er unangenehm. Weil er wahr ist. Schaut mich an, die Ferien sind zu Ende, ich sitze in der U-Bahn zurück vom Flughafen in die Stadt, seht, wie ich das Smartphone anwerfe, zwischen all den anderen Zivilisationsaffen, und es dauert keine Minute, bis die Augen wieder auf diese hypnotisierende Regenbogenoberfläche fixiert sind, und ich mich im Sekundentakt durch die Nachrichten, Updates, Messages und Kaufangebote tippe, als gäbe es kein Heute mehr, sondern nur noch ein gleich, woanders, morgen. Wie die Flut in meinen Kopf zurückehrt und alle Gedanken verscheucht. Wie ich informiert werde, ohne irgendwas zu begreifen. Wie es nur ein paar Minuten dauert, bevor ich wieder reif bin für die Insel.