Freizeit Solang es noch geht: In »Grand Budapest Hotel« gehen!

Freizeit: Solang es noch geht: In »Grand Budapest Hotel« gehen!

Irgendwer berichtete mir von Schlangen vor den Kinos, mehrere Häuserblocks lang, am 06. März, als »Grand Budapest Hotel« von Wes Anderson anlief. Wenn ich so was höre, bocke ich instinktiv, ich mag keine Schlangen, und Horden mag ich erst recht nicht. Aber gestern Abend bin ich dann doch reingegangen. Wenn ihr ihn noch nicht gesehen habt, beeilt euch, »Grand Budapest Hotel« noch auf der großen Leinwand zu erwischen. Der Film kriegt von mir eine 1 mit Sternchen.

Ich finde, Wes Anderson hat als Regisseur eine sehr lange Schwächephase gehabt, die mit den »Royal Tennenbaums« anfing und erst mit dem letzten Film, »Moonrise Kingdom«, aufhörte. In dieser Zeit hat er seine eigene Sprache zwar sehr weiterentwickelt: Also Kino als Abfolge kleiner Gemälde, Schriftartenfetischismus, wunderliche Figuren, gute Musik, schwer zusammenfassbare, weil eigentlich nicht vorhandene Plots, absurde Situationen, in denen man aus Überfordertheit lacht. Aber ich fand, dass die Filme zunehmend an Subtilität verloren und immer wehleidiger, immer verliebter in die eigene Sensibilität wurden. Filme für Jungs mit Wuschelfrisuren und Mädchen in Blumenkleidern. Ich habe mich darüber gewundert, dass in Andersons Amerika keine Schwarzen vorkamen und es überhaupt alles immer mehr zu einer Feierei der eigenen merkwürdig unfruchtbaren Verspultheit wurde. Anderson machte, fand ich, stylishen Kitsch.

Dann kam »Moonrise Kingdom«, der deswegen schon wieder viel besser war, weil es ein Film über Gewinner war, über zwei, die sich finden, das sofort verstehen, die nicht toll sind, weil sie unter der schnöden Welt leiden, sondern die cool sind, weil sie Leiden unter Hindernissen Zeitverschwendung finden und statt dessen tun, was sie für richtig halten. Und »Grand Budapest Hotel« ist jetzt, finde ich, der beste Film, den Anderson bislang gemacht hat. Warum?

Zum einen, weil Anderson seine Form wirklich gemeistert hat. Der Film ist, das Aussehen betreffend, die Erzähltechnik betreffend, die kleinen Witze betreffend, bis ins Detail perfekt. Wie die Zeitungen aussehen, die Kuchenkartons, das Muttermal auf der Wange der Liebe des Hauptdarstellers. Die Filmzitate sind wundervoll, zum Beispiel die Schlittenjagd wie in »Tanz der Vampire«. Es gibt eine Szene, die ich besonders abgefahren fand, der Konsul Kovacz wird im Museum von einem widerlichen Ganoven verfolgt. Das Ende dieser Szene besteht aus vier schnellen Schnitten, eigentlich fast wie eine Abfolge von Fotos, und man versteht als Publikum genau, was passiert, ohne dass man die Bilder überhaupt richtig hat betrachten können, da hat ein Regisseur wirklich begriffen, wie man mit Bildern erzählt. Die Farben sind toll, die Requisiten sind toll, die Schriftzüge sind toll, alles ist ein Fest für die Augen.

Dann hat Anderson, finde ich, in diesem Film endgültig die Wehleidigkeit und Weichheit hinter sich gelassen. Man erkennt das zum Beispiel an der Sprache, es wird ungleich mehr geflucht als früher, es gibt sogar ein pornographisches Gemälde und nackte Brüste. Das bisschen mehr an Derbheit führt dazu, dass das blümchenkleidhafte verschwindet. Die Protagonisten sind keine Upperclass-Weirdos, sondern ein arabischer Flüchtling und ein sehr camper Concièrge, die Reichen und Degenerierten sind in diesem Film nicht die Helden, sondern die Bösen. Dann gibt es eine sehr merkwürdige Szene, in der bei ein Häftling vier Wärter ermordet und dann beim Mord am fünften von diesem mit in den Tod genommen wird. Die Szene ist halb drastisch, halb komisch, halb furchtbar, also eineinhalb, und damit wären wir bei dem, was an dem Film so großartig ist: Er ist mehr als seine Form und seine Farben. Es gibt bei Wes Anderson wieder Sachen zwischen den Zeilen, das hat mir lange sehr gefehlt bei seinen Filmen. Es geht auch in diesem Film wieder um Menschen, die Traumatisches erlebt haben, oder um große Liebe, oder um große Begabtheit, an sich arbeitet der Film wieder mit schweren Geschossen, aber er tut das nicht larmoyant, sondern in gewisser Weise so, wie Oscar Wilde es empfohlen hat: all die trivialen Dinge im Leben sollten wir mit großem Ernst behandeln, und die ernsten Dinge mit Trivialität. Deswegen ist dieser Film kein Kitsch. Die wirklichen Katastrophen darin werden im Vorbeigehen behandelt, Tod, Gewalt, Krieg: darüber zu klagen ist geschmacklos, weil ihre Schmerzhaftigkeit doch sowieso klar ist. Weil der, den das schmerzt, nicht hochsensibel ist, sondern einer, der sich nicht zusammenreißen kann.

Die emotionale Note, die mir in »Grand Budapest Hotel« aber am meisten Spaß gemacht hat, war der Abgesang auf ein untergegangenes Europa. Die fiktive Republik »Zubrowka«, in der Menschen der verschiedensten Sprachen und Herkünfte ein Leben gelebt haben, dass in seiner alten Hochkultiviertheit, abgründigen sozialen Ungerechtigkeit, mittelalterlichen Dekadenz und barocken Genusskultur so etwas darstellte wie einen hochkomplizierten, komisch-eleganten Tanz, in dem jedem Tänzer qua Rolle doch auch eine eigene Würde eingeräumt wird, statt dass alle das gleiche Leben mit den gleichen Flachbildschirmen, Telefonen und Überseeferien führen können. Und wie dieses alte, fast exotische Europa dann von einem Nazi-ähnlichen Pack weggespült wird. Es ist schwer, das zu erzählen, ohne bekloppt oder romantisch verwirrt zu wirken. Es geht eigentlich nur über Humor, indem man also an den Stellen lacht, an denen andere anfangen, wütend, empört oder traurig zu werden. Und ganz komisch ist doch, dass diese Liebeserklärung an das untergegangene Europa ausgerechnet von einem Amerikaner ausgesprochen wird.

Foto: 2014 Twentieth Century Fox


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