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Freizeit: Wo sind all die Singing Ladies?

Die größten internationalen Musikstars sind weiblich. Deutschland hat trotzdem keine erfolgreichen Sängerinnen. Sind Frauen hierzulande zu schlecht für den Pop?

Illustration: Alexandra Kaserbacher

Ein Bild, das saß. Der Radiosender 1Live hatte es gepostet. Darauf zu sehen waren jene Künstler, die 2014 vom WDR für die »1Live Krone«, Deutschlands größten Radio-Award, nominiert worden waren: Die Fantastischen Vier, Cro, Mark Forster, Max Herre, Clueso, Bosse, Sido, Andreas Bourani, Kraftklub, Herbert Grönemeyer, Revolverheld, Fritz Kalkbrenner, Marteria, Jan Delay. Und so weiter. Die Collage der möglichen Preisträger sah aus wie ein nicht ganz unsympathisches Gruppenfoto einer Burschenschaft. 56 Männer, keine ­einzige Frau.

Schuld daran war keine frauenfeindliche Jury, sondern die Realität. Denn tat­­säch­lich: Welche deutsche Popsängerin hat 2014 einen Ohrwurm produziert, einen Soundtrack zu was auch immer geliefert, eine große Tour gespielt, wenigstens einen denkwürdigen Fernsehauftritt hingelegt? Auch der Blick in die Top-100-Charts verblüfft. Außer der megaerfolgreichen Helene Fischer, die ja aber Schlager singt, gibt es derzeit keine erfolgreiche deutsche Musikerin. Also ganz im Ernst: keine.

Das ist vor allem im internationalen Ver­gleich absurd. Während Beyoncé und Rihanna, Taylor Swift und Lady Gaga, Nicki Minaj und Miley Cyrus auch in Deutschland Stadien füllen, Preise abräumen, Zeitschriftencover und Charts dominieren, während diese Frauen also die größten Popstars unserer Zeit sind, hat es seit der Juli-Silbermond-Welle der Nullerjahre kaum große deutsche Sängerinnen auf großen deutschen Bühnen gegeben. Gab es sie zuvor, dann als gut gemeinte ­Adaptionen internationaler Phänomene: Die No ­Angels wollten die Spice Girls sein, Jeanette Biedermann wurde als »deutsche Antwort auf Britney Spears« beworben – obwohl die ja nie eine Frage gestellt hatte. Im Ge­­genteil: Große Musikerinnen setzen Ausrufezeichen. Sie haben begriffen, dass Pop immer Oberfläche ist. Und die glänzt am besten, wenn sie gut poliert ist. Die internationalen weiblichen Popstars zeigen sich deshalb so überzeichnet wie nur möglich, in jedem Bereich und konsequent: auf der Bühne, im Urlaub, bei Instagram und Twitter.

Die Bilder, die sie dort produzieren, sind bewusst sexistisch. Weil Pop immer die breite Masse anspricht und sich deshalb wie keine andere Kunstgattung dem Markt aussetzt. »Und der Markt ist viel traditioneller, als man annimmt. Frauen funktionieren immer noch als Projektionsfläche, die mit Sex aufgeladen wird«, sagt Diedrich Diederichsen, Kulturwissenschaftler und so etwas wie der Begründer des deutschen Popjournalismus. »Nirgendwo greift Feminismus langsamer als in der Popmusik, in keinem anderen Kulturbereich sind Frauen mehr benachteiligt, nirgendwo haben sie so wenig Einfluss.«

Genau das, sagt Neffi Temur, der für Universal Music Künstler wie Adel Tawil oder Lana Del Rey verpflichtet hat, verunsichere die deutschen Musikerinnen. »Es gibt hierzulande kaum Frauen, die mit allen Konsequenzen so ein Image aufbauen und durchhalten würden.« Nicht weil sie es nicht könnten. Sondern weil provokante Inszenierungen von deutschen Künstlern in Deutschland eher bestraft als honoriert würden: »Unsere Radio- und TV-Sender sind recht konservativ, was ihre eigenen Künstlerinnen betrifft. Sie mögen es nicht, wenn das Image von deutschen Sängerinnen irgendwie billig wirkt«, sagt Temur.

Das Problem scheinen also nicht die Sänger­innen hierzulande zu sein, sondern die Doppelmoral, mit der wir ihnen begegnen. Einerseits sind wir fasziniert von der überdimensionierten Sex-Aura internationaler Stars. Wenn Sarah Connor dagegen regelmäßig Fotos ihres Hinterns auf Instagram posten, die halbe Promiszene daten und sich mit nichts als Schweineschnitzeln bekleidet auf einen roten Teppich stellen würde, wäre sie nur noch das abgedrehte Flittchen aus Delmenhorst. Das ist ungerecht. Vielleicht bräuchte der deutsche Pop also auch eine Frauenquote, bis sich der Markt emanzipiert hat. Solange ist es dann auch irgendwie fair, dass dieses Land von einer Schlagersängerin repräsentiert wird, die trotz einiger sexy Bühnenoutfits am Ende so harmlos sein will, dass man ihre Garderobe bei Tchibo nachkaufen kann. Rihanna ist weit weg.

Dieser Text ist in der Ausgabe 01/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.