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Fitnessstudio für Beginner: Mein erstes Mal im "Testo-Keller": Wie ich als Sport-Verweigerin unverhofft zur Hantel griff

Nach Jahren macht unsere Autorin wieder Sport und meldet sich in einem Fitnessstudio an. Ein Schritt, den sie nie für möglich gehalten hätte. Spätestens im berüchtigten "Testosteron-Keller" fühlt sie sich erst total fehl am Platz – und dann doch ziemlich wohl.

Breit gebaut, braun gebrannt, hundert Kilo Hantelbank? Nein. Eigentlich gehe ich nur manchmal ins Fitnessstudio. (Symbolbild)

Breit gebaut, braun gebrannt, hundert Kilo Hantelbank? Nein. Eigentlich gehe ich nur manchmal ins Fitnessstudio. (Symbolbild)

Getty Images

Hier steh' ich nun, ich schwitzender Tor. Genauer gesagt stehe ich weniger, als dass ich mich gerade noch so auf den Beinen halte. Unter mir dieser dunkelgraue Linolboden, der überall ausliegt, wo Schweiß fließt. Alles an diesem mir völlig fremden Ort gafft mich verächtlich aus den Augenwinkeln an. Ich setze mit Restentschlossenheit meinen rechten Fuß vor meinen linken, beuge schwankend das rechte Knie. "Ausfallschritt", bellt mein Coach Michel, der womöglich gar nicht bellt. Aber meine Sinneswahrnehmung ist getrübt und das Blut rauscht in meinen Ohren, während zwei sechs Kilogramm schwere Hanteln an meinen Armen zerren, die schlaff den Körper hinunter hängen. Wenn ich jetzt umkippe, kann ich mich hier nie wieder blicken lassen. Also: Zähne zusammenbeißen, Muskeln anspannen, beide Beine wieder durchdrücken. Geschafft! Adrenalin, Endorphine. Aha, denke ich. Das ist also Sport.

Ich befinde mich in einem Fitnessstudio. Und Michel macht heute meinen Trainingsplan. Ein guter Zeitpunkt sich zu fragen, wie es so weit kommen konnte.

Nach dem Sportunterricht in der Schule kam nicht mehr viel

Schulsport ist die letzte Erinnerung an regelmäßige Bewegung in meinem Leben. Ich mochte das ganz gern. Wir hatten eine rumänische Handball-Weltmeisterin Mitte 50 als Lehrerin, die immer, wenn jemand Quatsch machte, meinen Namen rief. Verbunden mit einem Imperativ-Plural: "Susanne, seid still! Susanne, geht da runter!" Ich mochte den Schulsport, obwohl ich keine Sportskanone war. Einmal bin ich beim 800-Meter-Lauf im Juli meiner Pubertät in Ohnmacht gefallen. Das war der Anfang vom Ende.

Im Studium und später im Job passierte daher in diese Richtung acht lange Jahre – nichts. Ich war nie richtig fit. Und meine Abneigung gegen Sport entwickelte sich zu einer Art Charakterzug. Es war fast schon ein Hobby. Während andere sich gezielt darüber profilierten, Sport zu machen, war bei mir das Gegenteil der Fall. Ich ging ja immerhin gern tanzen und spazieren, Bewegung fehlte mir nicht. Ich konnte diejenigen nicht verstehen, die ihre Freizeit lieber in einem stinkenden, mit Neonlicht ausgeleuchteten Kampfraum verbringen wollten. Umzingelt von keuchenden Menschen.

Der nach unten schauende Hund wurde mein "Spirit Animal"

Doch Ende vergangenen Jahres erlebte Sport ein Comeback in mein Leben. Ein Comeback, mit dem ich nicht unbedingt gerechnet hatte. Das liegt auch daran, dass ich nicht unbedingt mit der Trennung von meinem langjährigen Freund gerechnet hatte. Well, that happened, und damit der Ratschlag unzähliger Menschen, ich sollte mich bewegen, Sport machen – oder schlimmer: JOGGEN. Um mich besser zu fühlen. Wer joggt, hat jedoch meiner Meinung nach die Kontrolle über sein Leben verloren. (Karl Lagerfeld, ihr wisst schon). Also meldete ich mich mit meinem gebrochenen Herzen in einem Fitnessstudio an. Und von da an machte ich mehr oder weniger regelmäßig fancy Dinge mit fancy Namen wie Yoga, Pilates, Yogalates, Intensive Yoga, Good Morning Yoga, Kundalini Yoga, Power Yoga. Kurz: Der nach unten schauende Hund wurde mein "Spirit Animal". 

Und Tatsache: Die ganzen Ratschläge sollten sich als brauchbar erweisen: Sport half mir, den Kopf auszuschalten und gezielt und systematisch Erschöpfung herbeizuführen. Die wiederum half, in einen tiefen Schlaf zu finden und weniger zu grübeln. Es war so einfach wie genial. Die banalsten Dinge können gerade in Ausnahmesituationen viel ausrichten. Schon bald war es von der Yogamatte nur ein kleiner Schritt bis in den berüchtigten "Testo-Keller" meines Fitnessstudios – in den Taj Mahal der Shaping-Protein-Fettverbrennungsentschlossenen, in das Mekka der Schweißperlen-Sport-BH-Muskeldefinitionsverehrenden. In meine ganz persönliche Hölle.

Willkommen beim "Pumpen"!

Gerade hänge ich noch meinen Gedanken darüber nach, dass ich eigentlich nie hier sein wollte, als ein Tropfen Schweiß genau neben meinem Schuh landet und mich zurück in den Pump-Bunker holt. Ich schaue nach oben und bemerke erst jetzt eine Art waagerechte Leiter unter der niedrigen Kellerdecke, an der eine dunkelhaarige Frau mit beeindruckendem Bizeps kopfüber hängt und ununterbrochen Sit-ups macht. Eine Fitnessbestie! Noch leicht angeekelt, doch zugegebenermaßen beeindruckt, frage ich mich, wie es wohl bei ihr so weit kommen konnte. Identifizieren mit ihr konnte ich mich überhaupt gar nicht. Obwohl wir ja irgendwie beide von der Gesellschaft als "Fitness-Girls" gesehen werden – wenn auch auf sehr unterschiedlichem Level.

Fitness-Coach Michel erklärt mir die furchteinflößenden Geräte, zeigt mir, wo die Hanteln gestapelt werden, wie man die Gewichtsstufen einstellt und verhindert, unter einer Langhantel begraben zu werden. Dann mache ich die Übungen durch, er steht neben mir und zählt, seine Stimme klingt fordernd. Das alles ist mir ziemlich unangenehm, weil unvertraut. Metall knallt auf Metall und der regelmäßige Atem geht in ein stilles Brüllen über. Bezwinge ich das Gerät – oder bezwingt es mich?

Dann: Squats, Lunges, Planks. Alles immer mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen, alles mindestens dreimal die Woche, wie er mich ermahnt. Sonst würde ich schließlich keine Ergebnisse sehen. "DREIMAL?!", denke ich, nicke jedoch eifrig und schweige. Verabschiedet werde ich mit einem Fistbump. Das eindeutige Zeichen, nun hochoffizielles Mitglied der Gruppe zu sein.

Nicht jeder will eine Pamela Reif sein

Doch bin ich jetzt "eine von denen"? Eine von denen, die jedes Wochenende ins Fitnessstudio rennen und Sportoutfits tragen, die unendlich eng am Körper liegen? Die auf Instagram posten und Pamela Reif nacheifern?

Alles in mir sträubte sich dagegen, so gesehen zu werden. Und trotzdem war ich hier. Im Tempel aller Fitness-Fanatiker. Wie passt das zusammen?

Dazu muss ich einen Schritt zurück: Wieso überhaupt packte ich "diese Fitnessleute" in eine Schublade? War das nicht oberflächlich und unfair? Ich war hier, weil ich hoffte, dass es mir gut tun würde. Meinem Körper, dann meiner Seele. Um Ablenkung zu finden und mich stärker zu fühlen. Womöglich war ich auch all die Jahre nur neidisch gewesen, weil ich die Disziplin für Sport nicht aufbringen konnte. Und selbst, wenn ich noch immer nicht übertrieben diszipliniert bin, merke ich doch, wie es mir gut tut, mich zu bewegen, mich auszupowern.

Wer weiß denn schon, warum die Frau mit ihren Sit-ups hier war – oder die, die vielleicht auch mal einen Instagram-Post mit dem Hashtag #fitnessgirl absetzte? Vielleicht hatten auch sie ein gebrochenes Herz. Oder noch eine weitaus banalere Motivation dafür, hier schwitzen zu wollen. Wer war ich schon, um darüber zu urteilen?

Nicht jeder Mensch, der im Fitnessstudio angemeldet ist, wird getrieben von einer nicht enden wollenden Selbstoptimierung seines Körpers. Ein paar Getriebene? Klar. Aber Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen hierher. Ob sie nun Yoga machen oder boxen oder im "Testo-Keller pumpen". Ich selbst hatte meine ganz eigene Motivation und wagte mich in die Fitnesswelt, die entgegen aller Klischees in keine Schublade passt.

Sonst wäre ich ja nicht hier, oder?

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?