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Kristen Roupenian: Gestört, aber geil – so liest sich das erste Buch der "Cat Person"-Autorin

Kristen Roupenian gelang mit "Cat Person" der erste virale Hit der Literaturgeschichte. Aber das war erst der Anfang: Die Kurzgeschichten in ihrer Debütsammlung sind deutlich krasser. Ein dringender Lesebefehl.

Kristen Roupenian, Autorin von "Cat Person"

Kristen Roupenian, Autorin von "Cat Person"

Picture Alliance

Kristen Roupenian wurde schon viel vorgeworfen. Nachdem ihre Kurzgeschichte "Cat Person" Ende 2017 vom "New Yorker" veröffentlicht wurde und online zum zweiterfolgreichsten Stück des Jahres auf der Webseite des Magazins wurde, war die 37-Jährige eigentlich ständig im Gespräch – und wurde trotz zahlreicher Lobeshymnen immer wieder zur Zielscheibe seltsamer Kritik.

So fühlten sich Männer von der schlappschwänzigen Figur des Robert in "Cat Person" provoziert, und ein Kolumnist des "National Review" schrieb einen bösen Brief an die weibliche Protagonistin Margot. Auch der angeblich siebenstellige Vorschuss, den Roupenian auf einen Deal für zwei Bücher erhalten haben soll, wird gerne süffisant kolportiert, nach dem Motto: sooo gut schreibt sie nun auch wieder nicht.

"Cat Person" von Kristen Roupenian

"Cat Person" von Kristen Roupenian, erschienen im Aufbau Verlag.

Kristen Roupenian ist eine begnadete Autorin

Die Sache ist aber: Roupenian schreibt sehr wohl so gut – und noch besser. Denn ihr Debütband "Cat Person" (englischer Titel: "You Know You Want This") versammelt zwölf Kurzgeschichten, die jene Story, mit der für die Schriftstellerin alles begann, in vielerlei Hinsicht noch in den Schatten stellen.

"Cat Person" lotete seinerzeit die Grauzonen bestimmter Sex- und Dating-Situationen aus und wurde deshalb als Kommentar zur #MeToo-Debatte verstanden, aber mit ihren anderen Texten zeigt Roupenian, dass sie mehr sein will und kann als bloß das Postergirl für eine Bewegung zu sein: Sie ist eine begnadete Autorin.

Weshalb auch die Kritik in der "New York Times" an der Sache vorbeigeht: "Roupenian bearbeitet eine Metapher, bis sie schreit", heißt es dort gehässigerweise. Aber genau die Bilder, die sie für den nagenden Narzissmus der Millenials findet, und die krassen Konsequenzen, mit denen sie den Egowahn unserer Zeit buchstäblich zu Ende denkt, sind ihre größte Stärke.

Sie wolle nur schocken um des Schocks willen, meckern Leser, die mit Roupenians radikalem Stil nichts anfangen können. Dabei ist das Gegenteil der Fall: In ihren Geschichten sind selbst Pädophilie, Nekrophilie, Blut, Mord und Totschlag nie Selbstzweck, sondern logische Folgen in den Texten einer Erzählerin, die keine Angst hat und sich keine Grenzen setzt, was in der heutigen Literaturszene viel zu selten geworden ist. Draufgänger wie Roupenian werden kaum noch gemacht, geschweige denn gefördert.

Deshalb brauchen wir sie dringend. Wir brauchen die kranken Gestalten, die ihre Geschichten bevölkern und die alle immer irgendwie gestört und irgendwie geil sind. Wir brauchen Roupenians kleine und große Seitenhiebe auf den Wahnsinn unserer Zeit, ihre bösen Kommentaren zur Abgefucktheit in uns allen.

"Cat Person": Wie ein guter Rocksong

Und deshalb brauchen wir auch vielzitierte erste Sätze wie: "Seit er 35 war, konnte Ted beim Sex nur einen hochkriegen und steif bleiben, wenn er sich vorstellte, dass sein Schwanz ein Messer war und die Frau, mit der er gerade schlief, sich daran aufschlitzte." Denn während man sich am Anfang der Geschichte noch fragt, was das nun wieder soll, fühlen wir am Ende sogar mit diesem strangen Ted.

Aber viel mehr wollen wir gar nicht preisgeben über diese Geschichten, weil immer die Gefahr bestünde, eine der irrwitzigen Wendungen, die Roupenian uns auf wenigen Seiten immer wieder beschert, preiszugeben. Deshalb wollen wir uns im Fazit nur aufs Wesentliche beschränken: Unsere Generation sollte dankbar für diese Stimme sein, denn sie ist laut und rau und kompromisslos. Wie ein guter Rocksong. Aber von denen gibt es heutzutage ja auch nur noch wenige.

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