HOME

Neues Buch "Das Teemännchen": Heinz Strunk: "Wie ich mich umbringe, war früher die häufigste Frage, die ich mir gestellt habe"

Wenn es darum geht, das Komische im Tragischen (oder umgekehrt) zu finden, kann ihm niemand in Deutschland das Wasser reichen: Heinz Strunk liefert in seinem neuen Buch einige der besten Texte, die er bisher geschrieben hat. Ein Gespräch über "Das Teemännchen", Axl Rose und Pups-Passagen.

Heinz Strunk

Heinz Strunk: "Das Teemännchen" ist seine erste Kurzgeschichten-Sammlung

Irgendwie lockt seine Fans auf eine falsche Fährte: nennt sein neues Buch "Das Teemännchen" und widmet es "Frau Käse". Schon "Jürgen", sein im vergangenen Jahr veröffentlichter Roman über den Loser Jürgen Dose, war schließlich eine launige Abkehr vom "Goldenen Handschuh" – jenes so düsteren wie gefeierten Bestsellers über den Hamburger Serienmörder Fitz Honka, der gerade von Fatih Akin verfilmt wird.

Auf den ersten Blick sind wir also geneigt zu glauben, dass der Heinzer mit dem "Teemännchen" seine Rückkehr ins leichtere Fach nun endgültig besiegelt. Und dann beginnt man zu lesen. Man beginnt, diese grotesken Kurzgeschichten auf sich wirken zu lassen: die Tristesse, die sie beschreiben; das Morbide, das sie umgibt; die Schicksale, die sie schonungslos schildern.

"Das Buch ist wirklich sehr düster ausgefallen"

Nicht, dass diese Textsammlung frei von Komik wäre, im Gegenteil: Die traurigen Gestalten, von denen sie erzählen, entlocken dem Leser bisweilen mehr als bloß ein Schmunzeln. Und schon seit seinem Debüt "Fleisch ist mein Gemüse" wandelt kein Gegenwartsautor in so stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik wie Strunk, weshalb das mit der oben beschriebenen Erwartungshaltung und Einordnung in enge Genregrenzen ohnehin so eine Sache ist bei ihm.

Und trotzdem war er noch nie so depressiv unterwegs wie in diesen Stories. Das sei ihm während des Schreibens gar nicht so bewusst gewesen, sagt Strunk, als wir ihn in seiner Dachgeschosswohnung im Hamburger zum Interview treffen: "Mir ist auch gerade erst aufgefallen, dass das Buch wirklich sehr düster ausgefallen ist."

In seinen früheren Werken finden sich zwar auch immer wieder tragische Passagen, die aber regelmäßig von grotesker Komik mit Fäkalanstrich konterkariert werden. Das ist auch der Grund, warum er seinen alten Roman "Fleckenteufel" kürzlich nach fast zehn Jahren in einer überarbeiteten Fassung wiederveröffentlichen ließ: "Das ist so ein schönes Coming-of-Age-Buch, und diese ewigen Pups- und Rülps- und Kackpassagen nehmen der Geschichte etwas – deswegen habe ich mit dem Verlag besprochen, dass ich das gerne nochmal machen würde."

Irgendwann reicht es einfach mit dieser Art des Humors, sagt Strunk: "Es ist einfach so: Ich habe inzwischen ein Alter erreicht, in dem ich das so ein bisschen hinter mir lasse", so der 56-Jährige.

Wir möchten das als Glücksfall bezeichnen, wenn dadurch ein Buch wie "Das Teemännchen" möglich wird. Für die Geschichte vom Mann, der aus mysteriösen Gründen am Windrad hängt, verzichten wir ebenso gerne auf alle "Pups- und Rülps- und Kackpassagen" wie für die Story von in der Kiezkneipe oder die Erzählung vom Verfall einer Pommesbudenschönheit.

Der Strunk-Kosmos ist inzwischen weniger autobiografisch geprägt

Strunk hat schon immer von Verlierern erzählt, nicht zuletzt von sich selbst: "Früher war die Frage, die ich mir am häufigsten gestellt habe, die, wie ich mich umbringe." Auch diese Zeiten sind glücklicherweise lange vorbei. Aber die Verlierer im "Teemännchen" sind trotzdem noch tragischere Gestalten als ihre Vorgänger im Strunk-Kosmos, der inzwischen weniger autobiografisch geprägt ist als zu Zeiten von "Fleisch ist mein Gemüse" oder "Fleckenteufel".

Sein Leben sei irgendwann auserzählt gewesen, findet Strunk. Inspiration begegnet ihm natürlich trotzdem im Alltag. Die Geschichte von der Imbiss-Mitarbeiterin, die über die Jahre extrem abbaut, habe er einst selbst miterlebt – "im Alster-Grill-Eck in Winterhude", wo er früher um die Ecke gewohnt habe.

Und Axl Rose sei 2016 tatsächlich für ein Konzert mit AC/DC in der Stadt gewesen – und da habe er sich halt vorgestellt, wie das so wäre, wenn die Legende von Guns N' Roses tatsächlich Lust bekommen würde, mal wieder die Clubs unsicher zu machen wie zu Beginn seiner Karriere.

Dafür konnte er auch aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen, zumindest indirekt: "Ich war ein paar Mal mit H. P. Baxxter oder auch Tim Mälzer auf dem Kiez unterwegs und dann kommst du mit solchen Leuten in Rosis Bar an und es ist, als ob der Papst da aufschlägt", sagt Strunk. "Die Leute können das gar nicht fassen." Es gehe aber erstaunlich schnell, dass die Situation dann von allen als Normalität empfunden werde: "So nach 10 bis fünfzehn Minuten."

Einerseits hat Strunk für die Kurz- und Ultrakurzgeschichten im "Teemännchen" also einen realistischen Ansatz gewählt, andererseits erinnert zum Beispiel ein Setting wie das schwarze Loch im Düsseldorfer Hyatt-Hotel fast an Mystery-Horror à la "Shining".

Heinz Strunk, der Vielschreiber

Heinz Strunk Das Teemännchen Cover

Heinz Strunk: "Das Teemännchen", Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro

Klingt seltsam? Nun, er ist nicht gut nachzuerzählen, der neue Strunk. Umso unverhohlener können wir ihn aber empfehlen, bevor der Vielschreiber schon wieder nachlegt: "Meine Taktung ist jährlich", so Strunk, als er uns verabschiedet. Und weil dieses Jahr "was Ernstes, Literarisches" dran sei, kommt nächstes Jahr wieder "was Leichteres".

Aber wie gesagt: Die schnöde Grenze zwischen Komik und Tragik verschwimmt im Werk von Heinz Strunk ohnehin. Aber nur selten so filigran wie auf den 208 Seiten des "Teemännchens".