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Heinz Strunk: "Das Teemännchen": "Langsam wie schlechter Samen Richtung Italien"

Heinz Strunk präsentiert mit seinem neuen Werk "Das Teemännchen" nach acht Romanen erstmals eine Sammlung von Kurzgeschichten. Eine davon darf der stern an dieser Stelle exklusiv und in voller Länge vorab veröffentlichen. 

Heinz Strunk

"Das Teemännchen" ist Heinz Strunks mittlerweile neuntes Buch

Picture Alliance

Heinz "Heinzer" Strunk legt sein neuestes Werk vor. Der Hamburger Kult-Autor widmet sich in "Das Teemännchen" nach acht Romanen erstmals der kurzen bis sehr kurzen Form und präsentiert eine Sammlung von Kurzgeschichten. Inhaltlich bewegt er sich auf seinem  gewohnten Terrain, schreibt über Einsamkeit, Sexualnot, Körperverfall, Alkohol, Übergewicht. Dabei ist Strunk mal komisch, mal düster, oft absonderlich – aber immer pointiert. "Das Teemännchen" erscheint am 21. August. Die erste Geschichte des Buchs präsentiert der stern exklusiv vorab.


Tempo 100

Marion und Michael (M&M) gehören zu den Paaren, bei denen der Mann groß und hager, die Frau klein und dick ist. Beide tragen Schwarz, immer. Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdenrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren. 

Michael, Spitzname Mike, Jahrgang 64, sieht aus, wie man sich einen missgünstigen Nachbarn vorstellt, einen Blockwart, Privatsheriff, Brunnenvergifter: der Mann ein trauriges Gerippe in zu großen Sandalen und mit spindeldürren, haarlosen Waden, die wenigen grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er ist der Prototyp des unbelehrbaren, humorlosen, linken Spießers, Überbleibsel einer Post-68-irgendwas-Generation, aufgewachsen im Schatten der Anti-AKW-Demos (sein Lebenshöhepunkt war der 28. 2. 81, als er auf der seinerzeit größten Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf durch die Wilstermarsch trabte) und der legendären Bonner Friedensdemos, erbitterter Gegner des Nato-Doppelbeschlusses, Startbahn West, Gorleben, Kapitalismus, Imperialismus, Amerika sowieso, heimlicher RAF-Sympathisant. Erbittert verteidigt er immer noch die DDR, wird fuchsteufelswild, wenn die Diktatur "schlechtgeredet" wird, und überhaupt, Diktatur, die Begrifflichkeiten müssen ja wohl noch mal geklärt werden.

teemännchen

Heinz Strunk, "Das Teemännchen", erscheint am 21. August 2018

Rowohlt Verlag, 207 Seiten, 20 Euro

Er ist angestellt beim Verleih von Just Music, einem der führenden Musikunternehmen Deutschlands mit Niederlassungen in Hamburg, Dortmund, Berlin und München. Dort hat er vor 24 Jahren Marion, die in der Firma als Telefonistin arbeitete und immer noch arbeitet, kennengelernt. 24 Jahre! Ein Jahr bis zur Silberhochzeit, wenn sie denn verheiratet wären. Ein Wahnsinn und kein Ende in Sicht. Seine Lebensabschnittsgefährtin, so nennt er sie, niemals Freundin, niemals Frau. Lebensabschnittsgefährte, schön wär’s; wie es aussieht, bleiben sie aneinander kleben, müssen sie für den Rest ihrer Tage miteinander vorliebnehmen. Eine Need-Company. Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu dünn, zu arm, zu uninteressant, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden. 

Sie hat sich längst damit abgefunden, er nicht. Er nimmt ihr das übel, nutzt jede Gelegenheit, ihr eins reinzuwürgen. Als wäre es ihre Schuld. Nach Feierabend berichtet er beispielsweise sehr lange und sehr ausführlich von seinem Tontechnikeralltag (keine Rock- oder Popkonzerte, sondern fast ausschließlich Messen, Industriegeschichten, Events). Ödes Gefasel, mit näselnder, pfeifender Stimme vorgetragen, um sie zu bestrafen. 

Eine Zeitlang gab es zwischen ihnen eine Art Wettbewerb, wer der größere Spießer ist. Es galt, den anderen mit noch ätzenderer Kleinkariertheit zu Boden zu ringen. Meist gewann er. Sie hat irgendwann aufgegeben, ihre endgültige Niederlage anerkannt, doch ihm ist das nicht genug, er setzt nach, jetzt erst recht, immer wieder, immer weiter, gnadenlos. Manche schwachen Menschen empfinden bekanntlich großes Vergnügen dabei, ihre Macht und Überlegenheit an noch Schwächeren zu demonstrieren. Manchmal kommt es ihr vor, als stiege ein geheimnisvoller Nebel von ihm auf. Sie fürchtet sich vor ihm. Mike ist ein schwarzes Loch, dessen Schwerkraft nicht das kleinste bisschen Licht mehr in ihr Leben dringen lässt. 

12. Mai, für die Jahreszeit ist es viel zu kalt. Trübes, diffuses Regenwetter, grauer Himmel, aus dem unablässig Wasser fällt. Sie sind auf dem Weg nach Südtirol. Mikes ältester Freund heiratet in Bozen; warum ausgerechnet da, hat er vergessen, ist ja auch egal. Fast 1100 Kilometer sind das. In den Achtzigern fuhren als umweltbewusst geltende Leute nicht schneller als einhundert Stundenkilometer, auch nicht auf der Autobahn, gerade da! Mike hat das beibehalten, oft fährt es sogar noch langsamer. Ein elendes Verkehrshindernis, er hat Gefallen daran, die anderen Verkehrsteilnehmer zu nerven, es ist schließlich sein gutes Recht, so langsam und umweltbewusst zu fahren, wie er will. Dabei ist sein ungefähr hundert Jahre alter schrottreifer Passat eine Giftschleuder, die mehr Abgase hinausbläst als ein Audi A8 bei Tempo 240. Völliger Schwachsinn, die Tempo-Hundert-Schrubberei; wenn er der Umwelt wirklich einen Gefallen tun wollte, müsste er die Schüssel unverzüglich stilllegen. Wütende Brummifahrer zeigen ihm den Stinkefinger, während sie ihn überholen.

Wahrscheinlich fährt er nur so langsam, um seiner Freundin damit den endgültigen Todesstoß zu versetzen. Die könnte gerade mal wieder schreien vor Verzweiflung und Langeweile und würde sich am liebsten auflösen, auflösen wie ein Rauchring. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie Kinder bekommen hätten. Aber seine Spermienqualität ist schlecht, sehr schlecht, da kommt nix bei raus, und schon gar keine Kinder. Nun kriechen sie langsam wie sein schlechter Samen Richtung Italien, die Scheißkarre qualmt und dampft und raucht und zischt, eine pechschwarze Fahne – mindestens eine Tonne Kohlenmonoxid pro Stunde – quillt aus dem verrosteten Auspuff. In einem fort wird er per Hupe oder Lichthupe darauf aufmerksam gemacht. Sofort rechts ran, raus aus dem fließenden Verkehr, verschrotten! Interessiert ihn aber nicht, eisern fährt er weiter. Jetzt sogar extra noch langsamer, Tempo 85. Sie sind bereits seit sechseinhalb Stunden auf der A7 unterwegs und erst auf Höhe Fulda. Ihr ist schlecht, eine brodelnde, sich über Stunden hebende und senkende Übelkeit. Sie kann seinen moschusartigen, zwiebeligen Schweißgeruch nicht mehr ertragen und das ewige Gerülpse. Immer wenn er aufstößt, riecht es nach verdorbener Hühnersuppe.

Sie hat keinen Führerschein, sonst würde sie bei einem Fahrerwechsel das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken und die verfickte Kackschüssel zum Glühen bringen, auf 170, 180, 190, was der Vierzylinder gerade noch hergibt, Volllast, bis die Reifen platzen, die Scheiben bersten, der Motor explodiert, Wagen und Insassen in hellen Flammen aufgehen. Das wäre ein schönes Ende. 

Eine Druckwelle steigt in ihr auf und zieht durch den Oberkörper, kalt aufzuckende Angst, ihr Brustkorb wird hart und eng, ihr wird schwarz vor Augen, die Finger fieberheiß mit eiskalten Spitzen, Hände und Beine zittern. 

Ihr Zerreißpunkt ist erreicht, genau jetzt. Sie muss dem hier, dem sinnlosen, schrecklichen gemeinsamen Leben, ein Ende setzen. Mit beiden Händen greift sie ins Steuer und reißt den Wagen nach links vor einen Laster, der gerade zum Überholen ansetzt. Sie will, dass ihr Wagen von dem Dreißigtonner überrollt, zermalmt, auf die Größe eines Schuhkartons zusammengequetscht wird. Mit aller Kraft umklammert sie das Lenkrad. 

Mike, der ein paar Sekundenbruchteile braucht, um zu begreifen, was sie vorhat, haut ihr seine Faust mehrmals mit voller Wucht ins Gesicht. Marion muss loslassen, er bringt das Fahrzeug im letzten Moment zurück in die Spur. Sie blutet, wimmert und winselt wie ein sterbender Hund. Der Regen hat aufgehört, die Sonne knallt auf die nasse Fahrbahn und glitzert in den Tropfen, die auf der Frontscheibe zittern. Mike fährt weiter, als sei nichts gewesen. Er reduziert das Tempo schrittweise bis auf 60. Das wird sie ihm büßen, lange, sehr lange, bis ans Ende aller Tage, ans Ende aller Zeit. Die kann sich gar nicht vorstellen, wie langsam er fahren wird, sie werden nie ankommen, weder in Südtirol noch sonst wo. Sie fahren und fahren und fahren, und durch ein Loch im Universum sickert jetzt die Dunkelheit wie flüssiger Teer.

3 Tricks, die zum Lesen motivieren
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