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Party-Erlebnis: Deutschland ist, wenn selbst die "Silent Disco" zu laut ist

Kann eine Party, bei der alle nur zu Musik über Kopfhörer feiern, zu laut sein? Anscheinend schon. So hat es jedenfalls unser Autor erlebt.

Eine Frau tanzt auf einer Kopfhörerparty

Musik gibt's nur mit Kopfhörern

Picture Alliance

Klischees sind eine wunderbare Sache. Sie machen das Leben einfacher. Dem Klischee zufolge ist der Deutsche an sich ordnungsliebend, fleißig und diszipliniert. Er kennt die Regeln, er hält sich dran und er erwartet das Gleiche auch von anderen. Darüber, ob der Deutsche Spaß versteht, gehen die Meinungen auseinander – aber ganz sicher nicht, wenn es um seinen Nachtschlaf geht.

So weit das Klischee. Das Schöne an Klischees ist, dass sie etwas so stark, wie gerade noch erlaubt, zuspitzen und verallgemeinern. Manchmal sogar darüber hinaus. Meistens aber lässt sich nicht abstreiten, dass doch ein wenig Wahrheit darin steckt. Und manchmal gibt auch es Situationen, in denen sie voll und ganz zutreffen. Zum Beispiel Samstagnacht in Hamburg.

Kopfhörerparty: Tanzen in der Stille

Ich war auf einer Open-Air-Kopfhörerparty, auch "Silent Disco" genannt. Diese funktionieren so: Du bekommst einen Kopfhörer, auf dem du zwischen drei Kanälen auswählen kannst. Jeder Kanal wird von einem DJ mit einer bestimmten Musikrichtung bespielt. Jeder kann also die Musik hören, auf die er gerade Lust hat – von "Hier kommt die Maus" über die Backstreet Boys bis zu Eminem ist alles dabei. 

Hunderte Menschen hören also über Kopfhörer Musik, die sehr verschieden sein kann. Das ist, kurz erklärt, das Prinzip einer Kopfhörerparty. Klingt erst mal komisch, macht aber Spaß. Nur dass eben keine laute Musik läuft. Von außen betrachtet wirkt das Ganze deshalb wie ein bizarres Schauspiel: Menschen bewegen sich, singen oder johlen in für den Zuschauer vollkommener Stille. Sollte man jedenfalls meinen. Aber manchmal ist Deutschland eben so deutsch, dass selbst eine "Silent Disco" zu laut sein und Anwohner und Polizei auf den Plan rufen kann. 

Gegen 1.30 Uhr nämlich, alle waren schön eingegroovt, machten die DJs eine Durchsage: Einige Anwohner hätten wegen Lärmbelästigung die Polizei gerufen. Letztendlich gäbe es zwei Möglichkeiten: "Entweder wir spielen jetzt nur noch schlechte Songs oder ihr singt leiser." Sonst: Abbruch. 

Schade, dass Lebensfreude in Deutschland reguliert werden muss

Nun fand das Ganze nicht etwa in einem der Hamburger Familien- und Rentnerviertel statt. Ort des Geschehens war ein bekannter, öffentlicher Platz vor einem Club im einem Viertel, das voll ist von Kneipen und (meist entspanntem) Partyvolk. Es hat auch niemand gegen Häuserwände gepinkelt oder jemandem vor die Tür gekotzt. 

Wer dorthin zieht, der weiß, worauf er sich einlässt, nämlich dass er manchmal mittendrin ist, statt nur dabei. Bestimmt kann das auch mal nerven. Doch dass ausgerechnet eine “Silent Disco” – lärmtechnisch der zahnlose Tiger unter den Partys – für einige Anwohner einen nicht akzeptablen Geräuschpegel bedeutet, ist so unfreiwillig komisch, dass es einem Loriot-Sketch entstammen könnte. 

In anderen Ländern geht das Leben, besonders am Wochenende, erst nach Anbruch der Dunkelheit wirklich los. Dann füllen sich die Straßen und Plätze, Menschen reden, trinken, chillen, tanzen und ja, manchmal singen sie sogar. Aber hier in Deutschland wird jeder, der das Leben mal ein wenig spüren will, für die anderen schnell zum Nervfaktor: Wenn er bei 25 Grad die Party mal nach draußen verlegt. Wenn er bei “Smells Like Teen Spirit” nicht still bleiben kann. Dabei müsste man sich eher Sorgen um jemanden machen, dem das gelänge. Schade, dass uns das in Deutschland oft nicht so gut gelingt.

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