HOME
Interview

Multitalent Mogli: Die sanfte Stimme einer Generation: "Ich möchte nicht anklagen, sondern Mut machen"

Musikerin Mogli ist wieder da: Die 25-Jährige meldet sich mit einer gefühlvollen EP zurück. Im Interview spricht sie über ihr neues Leben, ihr soziales Engagement und scheut sich nicht davor, offen und ehrlich von ihrer Depression und ihren Ängsten zu erzählen.

Mogli

Mogli bringt am 22. März ihre neue EP "Patience" auf den Markt und geht anschließend auf Tour

Sie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt – und ist nun zurück auf der Bühne: Mogli bringt am 22. März ihre neue EP "Patience" auf den Markt, geht anschließend in Europa, dann in den USA auf Tour. Ihre neuen Songs sind noch persönlicher, noch intimer als ihre früheren Lieder.

Doch die 25-Jährige ist nicht nur Musikerin, sondern ein Multitalent mit vielen Facetten. Und ein Freigeist. Aufgewachsen in einer, wie sie selbst sagt, "Hippie-Familie mit vielen Akademikern". Bekannt wurde sie auch durch ihren Roadtrip-Film "Expedition Happiness": Sie tourte mit ihrem damaligen Freund in einem umgebauten Schulbus durch Nordamerika und lebte den Traum vieler jungen Menschen. Seither ist viel passiert, doch eines ist geblieben: Mogli möchte sich nicht festlegen, nicht den "normalen Weg" gehen. "Drei Jahre zu studieren und zu wissen, das drei Jahre machen zu müssen, da würde ich vermutlich Panik bekommen. Mir hat es schon gereicht, 13 Jahre in die Schule zu müssen", sagt sie. "Ich weiß, dass es vielen anders geht. Das ist auch gut so. Nur ich kann mir eben nicht vorstellen, dass ein Jahr aussieht wie das nächste."

Auch das ist eine Seite von Mogli, die allgegenwärtig ist, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Sie ist reflektiert, wirkt unglaublich reif, ohne dabei den Glauben an das Gute in ihren Mitmenschen zu verlieren. Und vor allem wirkt sie nie belehrend. Ganz egal, wie ernst das Thema ist, über das sie spricht. "Ich möchte authentisch sein", sagt sie. Das hört man in ihrer Musik; spürt es, wenn man mit ihr spricht; und sieht es, wenn man ihr auf Instagram folgt, wo sie sich von verschiedenen Seiten zeigt – ob ungeschminkt im eigenen Bett oder ästhethisch ansprechend in Szene gesetzt in der freien Natur.

Im Interview mit NEON sprach Mogli nicht nur über ihre Musik, sondern auch über ganz viele andere Themen: das Leben in der Großstadt, ihre Depression, fair produzierte Kleidung, female empowerment und ihr Risiko als unabhängige Künstlerin. Und man darf behaupten: Hier redet die sanfte Stimme einer Generation, die weiß, dass sich einige Dinge auf unserer Welt verändern müssen.

Mogli, dein neues Lied "Patience" klingt wie eine in einen persönlichen Song verpackte Lebenserfahrung. Bist du, sind wir alle viel zu ungeduldig?

Ich hatte letztes Jahr eine relativ schwere Zeit, weil ich mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt habe. Ich habe mit meinem Ex-Freund im Schwarzwald in einem 200-Seelen-Dorf gewohnt. Dann habe ich mich getrennt und bin nach Berlin gezogen. Zum ersten Mal war ich alleine. Und dann habe ich mich direkt in die Großstadt katapultiert, da hat sich alles um 180 Grad gedreht. Ich habe mir keine Zeit gelassen, das zu verarbeiten. Und genau davon handelt "Patience": Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht glauben darf, dass ich sofort klarkomme mit dem neuen Leben. Wir sollten alle mehr Geduld mit uns haben, vor allem mit unseren Fehlern.

Welche Folgen hatte deine Ungeduld denn?

Ich habe plötzlich nicht mehr funktioniert. Und das kannte ich nicht von mir. Ich bin eigentlich ein sehr glücklicher Mensch. Ich bin ziemlich ausgeglichen, was bedeutet, dass mir Stress nicht viel ausmacht, ich belastbar bin. Ich bleibe immer optimistisch, auch wenn mir etwas Blödes passiert. Ein Beispiel: Wenn ich einen Unfall baue, ist das schon nervig genug. Wenn ich mich dann noch aufrege und mir davon den Tag versauen lasse, wird es nur noch beschissener. Doch auf einmal ging mir der Stress sehr nahe. Heute weiß ich: Es darf einem auch mal schlecht gehen. Das ist okay. Man muss es nur annehmen.

Hattest du in dieser Zeit eine Depression?

Depression ist ein großes Wort. Aber im Endeffekt muss man es so nennen, ja. Die Definition einer Depression ist, dass sie sich in alle Lebensbereiche reinzieht. Und so war das damals. Ich wurde einfach sehr mit meinen Ängsten konfrontiert, hatte Angst davor, einsam zu sein.

Du sprichst darüber nun sehr offen, sehr direkt. Das ist noch immer nicht alltäglich ...

Ich will die Menschen ermutigen und klar machen, dass wir nicht immer stark sein müssen. Dafür müssen wir uns unsere Ängste eingestehen, müssen uns verletzlich machen. Nur so löst man aus, dass das Gegenüber empathisch sein kann. Und wir brauchen viel mehr Empathie auf der Welt! Wenn man immer nur so tut, als wäre alles cool, dann wird sich daran nie etwas ändern. Eine Freundin aus meiner Jugend ist immer total offen damit umgegangen, dass sie Panikattacken hat, obwohl wir nie so viel miteinander zu tun hatten. Und als es bei mir anfing, wusste ich sofort, wen ich anrufen konnte.

Du bist in dieser Phase nach Berlin gezogen. Was macht die Großstadt heute mit dir?

Großstädte haben diese Anonymität – anzukommen ohne Menschen, die für einen da sind, stelle ich mir enorm schwierig vor. Doch ich hab zum Glück ein tolles Netzwerk, das mich supportet. Und bin deshalb extrem glücklich hier. Was viele Menschen überfordert, auch mich früher, war, nicht Nein sagen zu können. Auch das muss man lernen. Heute genieße ich es, mein Nest in Berlin gebaut zu haben.

Das klingt verändert, wenn man bedenkt, wie du mit deinem Ex-Freund in einem umgebauten Schulbus durch Amerika getourt bist ...

Ich hab vor unserer Reise immer gedacht, ich will weg. Ich hatte diesen Ausbruchgedanken. Einmal im Jahr musste ich immer komplett raus. Heute weiß ich, dass ich für ein Nomaden-Leben nicht gemacht wäre. Man muss erst einmal ankommen, um genießen zu können, unterwegs zu sein.

Du bist nun zurück auf der Bühne, bald steht deine erste US-Tour an. Ist der Schritt in Richtung USA eine bewusste Entscheidung gewesen?

Ich habe dort die zweitgrößte Fanbase, habe täglich Nachrichten bekommen, ich solle in den USA spielen. Unglaublicherweise sind bereits die Hälfte der Tickets weg! Ich freue mich total auf die Erfahrung. Es steckt aber auch viel Arbeit in der Tour, weil ich meine Musik ja ohne Label mache.

Du finanzierst deine eigene Tour selbst? Das klingt nach einem ziemlich großen finanziellen Risiko ...

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, independent zu bleiben. Das ganze Risiko liegt deshalb bei mir und die Organisation bei mir und meinem Team – das ist schon krass, weil wir uns dort nicht auskennen. Ich habe das große Glück, dass ich mit meinem ersten Album noch Geld verdiene, das ich reinvestieren kann. Klar, ich könnte das Geld anlegen oder sparen. Aber ich denke mir: Ich bin jung und es wird sich in den nächsten Jahren herauskristallisieren, ob sich das Ganze finanziell lohnt. Und bis dahin schieße ich jeden Cent in mein Projekt, ich würde lieber in einem WG-Zimmer wohnen und jeden Tag das gleiche essen, als auf die USA-Tour zu verzichten. Aber klar, ich jongliere plötzlich mit größeren Zahlen, als man es gewöhnt ist. Ich gebe das Geld aus und weiß nicht, ob es zurückkommt. Dafür darf ich selbst entscheiden, welchen Content ich in die Welt trage. Ob es ein Instagram-Post ist, ein Song oder meine Merch-Kollektion – ich stehe hinter allem, alles kommt von mir selbst.

Du bringst dich auch in soziale Projekte ein, versuchst Menschen eine Stimme zu geben. Was ist dir momentan besonders wichtig?

Empowerment ist ein wichtiges Thema. Vor allem female empowerment, was aber auch daran liegt, dass ich eine Frau bin. Mit meinem Partner habe ich mir Wege und Ziele geteilt. Nun schaue ich: Wo will ich eigentlich hin? Ich möchte anderen Frauen Mut machen, sich zu trauen. Vielen Mädchen wird noch suggeriert, dass sie jemanden heiraten werden, der seine Träume auslebt. Ich will vermitteln, dass es sich gut anfühlt, mutig zu sein und seine eigenen Träume zu leben. Zumal man das auch weltweit betrachten muss: Im Westen wurde 2018 viel über #metoo und Gleichberechtigung geredet, was toll ist. Dann fliege ich mit Viva con Agua nach Äthiopien, wo 90 Prozent der Frauen genitalverstümmelt sind und lerne tolle, intelligente Frauen kennen, die den ganzen Tag nur kochen und aufräumen. 

Da fällt es sicherlich schwer, weiter optimistisch zu bleiben ...

Es ist extrem wichtig, dass man mit dem Finger zeigt und darüber redet, wo etwas extrem schief läuft. Und dennoch finde ich es auch wichtig darüber zu sprechen, was gut läuft. Deshalb habe ich mich entschieden, bei allen sozialen Themen eine positive Sprache zu wählen. Ich versuche Mut zu machen und nicht nur anzuklagen: "Lass dich nicht davon unterkriegen, dass du als Frau oft benachteiligt bist oder einer Minderheit angehörst. Sei mutig." Wie bei meinen fairen Klamotten. Es ist wichtig, über all die Kinderarbeit zu sprechen in der Welt. Aber ich wähle gleichzeitig den Weg, wunderschöne faire Klamotten anzuziehen, um zu zeigen: Es ist nicht schwer, cool auszusehen und auf Nachhaltigkeit zu achten. Für mich ist das eine grundsätzliche Lebenseinstellung: Man muss nicht verbittert sein, um etwas zu bewegen.

"Game of Thrones"-Star wird von Kiss-Cam erfasst und reagiert großartig
Themen in diesem Artikel