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Gepäck weg: Koffer auf Abwegen - wie ich einmal fünf Monate etwas von einer Flixbus-Reise hatte

Obwohl ich oft den Flixbus nehme, kannte ich die ganzen Gruselgeschichten bislang nur vom Hörensagen. Doch dann fuhr ich von Lyon nach Weimar - und hatte vier Monate etwas von der Reise. Eine Flixbus-Horrorstory.

von Anne Richter

Fünf Monate war der Koffer spurlos verschwunden. (Symbolbild)

Fünf Monate war der Koffer spurlos verschwunden. (Symbolbild)

Getty Images

Ach, das passiert mir doch nicht - denke ich mir jedenfalls immer, wenn ich diese Flixbus-Grusel-Geschichten höre: "Fahrgäste an Raststätte vergessen", "Busfahrer nimmt falschen Bus", "Kind reist allein". Nie wäre ich darauf gekommen, dass es mich selbst einmal erwischt. Dabei pendele ich regelmäßig mit dem Bus zwischen Weimar und Lyon hin und her, weil ich Medienwissenschaften an der Bauhaus Universität und der Université Lumière  studiere. Die Bahn braucht für die Strecke zwar nur neun statt 18 Stunden, ist aber eben auch deutlich teurer. Seit andere Busgesellschaften wie MeinFernbus und Megabus geschluckt wurden, ist Flixbus die einzig günstige Alternative zur Bahn - und bisher ist ja auch immer alles gut gegangen. Bis letzten Herbst.

Blick hinter die Kulissen: So erlebt Ihr Koffer eine Flugreise

18 Stunden Busfahrt

Oktober 2017: Ich mache mich auf den Weg nach Weimar. Um 0:50 Uhr steige ich in Lyon in den Bus mit circa 30 anderen Leuten ein. Die Fahrt ist ganz erträglich, wie immer mit schnarchendem Sitznachbarn und einer Frau, die stundenlang mit ihrem Freund quatscht. Doch das kenne ich, darauf habe ich mich eingestellt.

Als wir nach 18 Stunden Fahrt in Weimar eintuckeln, wird es hektisch. Draußen ist es dunkel und ich kann nicht erkennen, ob der Bus schon an der Haltestelle steht oder noch an einer roten Ampel. Meinen Sitznachbarn bitte ich, mir Bescheid zu sagen, wenn die Tür aufgeht. Ja, ja sagt er, tut es aber nicht. Plötzlich merke ich, dass schon die nächsten Fahrgäste einsteigen und ich springe fluchtartig aus dem Bus. Draußen angekommen, schnaufe ich erst mal durch und bin froh, rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben. Doch die Freude hält nicht lange an, denn der Bus fährt weiter - mit meinem Koffer an Bord.

Koffer weg und aus

Ich bin völlig verzweifelt. Mein Koffer verschwindet vor meinen Augen und mit ihm meine Klamotten und mein Haustürschlüssel! Was tun? Erst einmal Telefonterror beim Flixbus-Kundenservice: Mein Koffer wurde mir nicht wieder gegeben. Wie kann ich den so schnell wie möglich zurück bekommen? Hilfe!!! Doch die Antwort am anderen Ende der Leitung lautet nur: "Naja, junge Frau, da kann ich ihnen jetzt auf die Schnelle auch nicht helfen. Da müssen sie unser Fundbüro-Formular ausfüllen. Was anderes bleibt ihnen da nicht übrig." Nun bin ich komplett panisch. Schließlich will ich in einer Woche wieder nach Lyon. Doch jetzt stehe ich ohne alles da. Aber mir bleibt offenbar nichts anderes übrig, als zu warten.

Die nächsten Tage in Weimar leihe ich mir Pullis, Hosen und Wechselwäsche von Freunden aus. Zum Glück bin ich nicht komplett aufgeschmissen. Aber als am Ende der Woche immer noch keine Rückmeldung vom Fundbüro kommt, wird mir mulmig zu Mute. 

Zurück in Lyon gibt es endlich Neuigkeiten: "Wir haben ihren Koffer gefunden. An welche Adresse sollen wir ihn schicken?", fragt mich das Flixbus-Team. Doch meine Freude währt nicht lange. Ich warte zwei Wochen - und weiter kein Koffer in Sicht. Also nochmal anrufen - wieder zwei Wochen Warten - immer noch nichts - wieder Telefonterror - dann endlich die Nachricht: Der Koffer ist auf dem Weg. Auf einem sehr langen Weg offenbar.

Irrfahrt durch Europa

Alle 14 Tage rufe ich beim Kundenservice an, werde aber meistens nur schnell abgewimmelt. Auf meine Mails kommt keine Antwort. Ich habe auch immer noch keine Rückverfolgungsnummer für das Koffer-Paket, wie es sonst üblich ist. Ich sitze mit leeren Händen da und kann nichts unternehmen.

Von meinen Freunden leihe ich mir nun dauerhaft Kleidung, weil fast alle meine Winterpullis und Hosen im Koffer sind. Nach fast vier Monaten habe ich die Hoffnung aufgegeben, mein Gepäck je wieder zu bekommen. Ich rufe wieder beim Kundenservice an, es ist mittlerweile Februar. Und plötzlich: "Ja, äh, anscheinend gibt es Neuigkeiten. Ihr Koffer ist in Berlin. Ich leite mal den Mail-Verlauf des Fundbüros an Sie weiter." Tja, und da steht dann plötzlich die Rückverfolgungsnummer und ich lese, was mein Koffer alles so hinter sich hat - es war eine regelrechte Irrfahrt durch Europa. Endlich sind wir wieder glücklich vereint.

Wer ist jetzt eigentlich Schuld?

Fast ein halbes Jahr war mein Koffer verschollen und ich frage mich, was eigentlich passiert ist. Hätte ich früher aussteigen sollen? Hätte ich dem Busfahrer ausdrücklich Bescheid sagen sollen, dass ich an den Gepäckteil muss? Hätte der Fahrer das nicht automatisch machen sollen? Wieso kriegt es Flixbus nicht auf die Reihe, mir meinen Koffer wiederzubeschaffen? War ich zu blöd oder Flixbus? 

Ich finde, dass man nach 18 Stunden Fahrt nicht damit rechnen muss, dass der Bus hoppladihopp wegfährt. Aber ich gebe zu, dass ich ein bisschen plemplem im Kopf war. Außerdem hat Flixbus den Koffer ja gefunden und weggeschickt - und seine Irrfahrt ist dann eher die Schuld der Post. Stimmt alles, aber trotzdem. 

Wieso ist das mit dem Fundbüro überhaupt so kompliziert gelöst? Auf telefonische Nachfrage rechtfertigte sich Flixbus damit, dass es ein zu hoher bürokratischer Aufwand wäre, wenn Fahrgäste ihr verlorenes Objekt selbst abholen dürften. Die Mitarbeiter würden durch die Vorgehensweise zu sehr belastet. Und bei der Anzahl an Passagieren könne es eben auch mal mehrere Monate dauern, bis ein Auftrag bearbeitet würde. 

Naja. Mein Fazit: Nächstes Mal passe ich besser auf. Oder signalisiere, dass ich Gepäck habe. Oder ich nehme beim nächsten Mal den Zug, da habe ich wenigstens meinen Koffer an meiner Seite.

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