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US-Studie: Seit 2010 wollen wir weniger traurige Musik hören

Was ist los mit der Menschheit? Wieso kommen plötzlich kaum noch Depri-Songs auf unsere Plattenteller und Spotify-Listen? Forscher der Universität Indiana entdeckten einen radikalen, weltweiten Sinneswandel des Musik-Publikums.

Von Wiebke Tomescheit

Eine traurige Frau trinkt Wein, während sie traurige Musik hört

Wie kann es sein, dass wir seit 2010 weniger traurige Musik hören wollen als zuvor?

Es gibt Menschen, die hören fröhliche Musik, wenn es ihnen schlecht geht, und dann geht es ihnen besser. Und es gibt Leute wie mich, bei denen es genau andersherum funktioniert. Wenn ich schlechte Laune habe, dann muss ich ein paar traurige Songs hören, mich kurz in Selbstmitleid suhlen – und dann ist es wieder gut. Ich weiß nicht, wie ich ohne diverse männliche und weibliche Songwriter meine Jugend überstanden hätte. Und dann liest man so etwas wie diese Studie – und zweifelt plötzlich an der Menschheit. Also, noch mehr als zuvor.

Bevor es hier mit Fakten weitergeht, bitte ich um Verständnis: In diesen Artikel werden wahllos traurige Songs eingestreut. Irgendwie muss man dieser besorgniserregenden Entwicklung ja etwas entgegnen.

Forscher der renommierten Indiana University in Bloomington, USA, nahmen sich 90.000 Songs aus den Genres Rock, Pop, Punk, Metal und R'n'B vor, die seit 1950 veröffentlicht wurden. Sie wählten dabei Musiker aus der ganzen Welt aus.

Die Forscher verglichen 90.000 Songs aus aller Welt

Verglichen wurde Musik aus Asien, Australien, Nordamerika, Skandinavien und Europa. Dabei kam heraus, dass in Asien tendenziell die fröhlichsten Songs veröffentlicht werden – man denke an den euphorischen K-Pop aus Korea – und in Schweden die düstersten. Auch das wenig überraschend, fragt nur mal Metal-Fans.

 Die US-Wissenschaftler verglichen die Akkordfolgen, die in den Stücken benutzt wurden. Ebenso überprüften sie die Songtexte mit einem Tool, wie es in den Sozialwissenschaften genutzt wird. 222 verschiedene Worte werden dabei auf einer Skala von 1 bis 9 nach emotionaler "Positivität" bewertet. "Liebe" ist dabei eine 9, "Schmerz" hingegen eine 1.

Und die Ergebnisse waren erschreckend. Von 1950 bis 2010 nahmen traurige Songs mit negativen Texten und Moll-Akkorden stetig zu. Für mich eine völlig nachvollziehbare Entwicklung: Die Welt ist schlecht, alle Menschen enttäuschen dich irgendwann, buhu. Nur Musik ist immer für dich da.

Der Titel der Studie ist von Leonard Cohen inspiriert

Seitdem jedoch werden die traurigen Songs weniger und weniger. Erklären können sich die Wissenschaftler das nicht – dazu sei noch mehr Forschung nötig.

Hübsch ist übrigens der Titel der Studie aus Indiana: "The minor fall, the major lift" (in etwa: "Hinab nach Moll, hinauf nach Dur"), Musik-Experten als Textzeile aus dem Leonard-Cohen-Song "Hallelujah" bekannt. Der wurde ja auch x-mal von diversen Künstlern gecovert – von Jeff Buckley bis Justin Timberlake.

Echte Musik-Experten wissen natürlich auch, dass es sich dabei keineswegs um Cohens traurigsten Song handelt. Da sei hier mal "Famous Blue Raincoat" oder "Take That Longing" empfohlen.

Persönlich frage ich mich, wie man als 18-Jähriger unter den heutigen Umständen mit fiesen Liebeskummerphasen umgeht, wenn man nicht in abgedunkelten Räumen Bob Dylans "Love Sick" oder Regina Spektors "Samson" hören kann? Oder Nirvana? Oder das gesamte Oeuvre der wunderbaren Band Songs:Ohia? Laura Marling oder Elliott Smith? Was hört man da? Max Giesinger, die 187 Strassenbande oder Robin Schulz?!

An dieser Stelle auch noch mal beste Grüße an den "Dawson's Creek"-Soundtrack. Kennt heute kein Schwein mehr, aber du hast mir meine Pubertät versüßt. Und jetzt muss ich kurz weg, ein bisschen Leonard Cohen hören. Diese Studie hat mich traurig gemacht.

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