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Meinung

Glaubensfrage: Meine Oma der Kreuzritter: Wieso müssen wir jedes Weihnachten über Gott streiten?

Unsere Autorin glaubt nicht an Gott – was ihre Großmutter nicht akzeptieren will. Wieso es weh tut, immer wieder die eigene Seele verteidigen zu müssen.

Glaube: Kreuz an der Wand

Unsere Autorin glaubt nicht an Gott – ihre Großmutter schon. Das führt immer wieder zu Konflikten.

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Ich bin nicht gläubig. Ich bin getauft und konfirmiert. Aber seit ich ein bisschen älter bin und für mich selber denken kann – beziehungsweise mich nicht mehr davon leiten lasse, was "meine Freunde auch alle machen" – bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nun mal nicht an Gott glaube. Es würde mir deshalb aber im Leben nicht einfallen, jemandem seinen Glauben abzusprechen. Denn genau das ist ja der Punkt: Glaube ist Glaube, kein Wissen. Ich glaube nicht an Gott, jemand anderes schon. Wer von uns beiden richtig liegt, ist unmöglich zu beweisen.

Mit diesem Argument bin ich bislang, bis auf ein paar kleine Hubbel, ganz gut gefahren. Ich hatte mal eine beste Freundin, die eines Tages nach Hause kam und mir mitteilte, dass sie Jesus gefunden habe und mir und meiner Lebensweise gegenüber fortan eher negativ eingestellt sei. Abgesehen davon, verliefen alle Glaubensdiskussionen relativ reibungsfrei. Nur eine Person scheint sich mit dem Gedanken, dass ich eines Tages in der Hölle schmoren werde, nicht abfinden zu können: meine eigene Großmutter.

Bedeutet die Tatsache, dass ich nicht an Gott glaube, dass meine Seele weniger wert ist?

Schon mein Leben lang bekomme ich von ihr in regelmäßigen Abständen religiöse Geschenke. Ein Kreuz hier, ein Armband mit den "Perlen des Glaubens" da. Nichts massiv Aufdringliches und doch immer mit einer klaren Nachricht: In deinem Leben fehlt Gott.

Vor zwei Jahren schoss sie dann den Vogel ab. Ich war ein paar Tage vor Weihnachten zu ihr ins Dorf gereist, wo wir uns eines Morgens beim Frühstück – mal wieder – über Religion, die Kirche und meine für alle Ewigkeit verdammte Seele unterhielten. Ich legte ihr all meine – inzwischen recht erwachsen und reflektiert formulierten – Argumente vor, beantwortete etwaige Nachfragen und tat all das, trotz wachsenden Unmuts ihrerseits, mit einer Gelassenheit, die mich selbst überraschte. Zwei Tage später saßen wir unter dem Tannenbaum und packten der Reihe nach Geschenke aus. Mir fiel ein kleines Paket in die Hände, das, wie ich schon an der Handschrift erkannte, von meiner Oma kam. Darin befand sich eine Taschenlampe. Genauer gesagt: Eine alte Taschenlampe, die aussah, als habe sie sie einst von der Versicherung als kleines Treuegeschenk zugeschickt bekommen. Daran hing ein Zettel mit den Worten: "Damit du deinen Weg aus dem Dunkel findest."

Ich liebe meine Oma, aber ihr ewiges Drängen tut mir weh

Wer gerade ein bisschen geschluckt hat und sich aber doch ein Lachen nicht verkneifen konnte, der kann sich ungefähr vorstellen, was in mir vorging. Meine einzige Rettung: Wenige Zeit später packte ich zwei weitere Geschenke aus, diesmal von meinem Vater – "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins und "Der Herr ist kein Hirte" von Christopher Hitchens. 

Ich liebe meine Oma. Sie ist intelligent, wahnsinnig durchsetzungsfähig und eine der stärksten Persönlichkeiten, die ich kenne. Sie brachte mir mit fünf Jahren das Lesen bei, lernte mit mir Gedichte für die Schule auswendig und wusste schon vor mir, dass mein Schauspielstudium mich nicht glücklich machen würde. Aber sie kann nicht akzeptieren, dass ich nicht an Gott glaube. Und ganz ehrlich? Das tut weh. (Gut, außerdem scheint sie völlig besessen von der Idee, dass sie mich auf ihre alten Tage noch irgendwie zur Hausfrau umerziehen muss. Aber das ist ein anderer Punkt. Noch passen schließlich sämtliche ungelesene Kochbücher in den Schrank.)

Wie kann es sein, dass ich ihr – und meiner ehemals besten Freundin – mit all dem Verständnis entgegentrete, das ich aufbringen kann – und doch mit einer Wand rede? Dass ich niemandem seinen Glauben abspreche und mir deshalb meine Intelligenz abgesprochen wird? Dass ich als Mensch weniger Akzeptanz verdient habe, weil ich nicht in die Kirche gehe? Dass ich Mutter, Vater UND Großmutter ehre – und doch nicht respektiert werde? 

Ein bisschen erinnert mich das ganze an den Typen, den ich mal vor einem Supermarkt getroffen habe. Der fragte mich damals, ob ich glaube, dass er "der Herr Jesus Christus" sei. In Erwartung irgendeiner cleveren Antwort, weil er die Frage ja wohl nicht ernst meinen konnte, antwortete ich freundlich mit "Nein", was ein "Dann sollst du in deiner Sünde sterben" nach sich zog. Hatte der Typ nicht mehr alle Tassen im Schrank? Das ist sehr wahrscheinlich. Und doch würde ich mir irgendwie wünschen, dass meine Oma mehr Vertrauen in meine Seele hat, als ein fremder Mann auf einer dreckigen Straße in London.

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