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Meinung

Aufruhr im Freistaat: Die bayrische Seite der Macht: Gott hat im Finanzamt nichts zu suchen

Unser Autor ist Bayer, lebt aber in Berlin - und wundert sich gelinde gesagt etwas darüber, dass die Mehrheit seiner Landsleute Söders Kreuz-Initiative gut findet. Sie alle haben etwas Essenzielles nicht kapiert, findet er.

Von Nils Ketterer

Markus Söder mit einem Jedi-Schwert in der Hand

Söder und die bayrische Seite der Macht

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Ich wollte mit dem Tischler, der gerade meine Berliner Wohnungstür in tausend Stücke sprengt, ein gutes Verhältnis aufbauen. Deswegen habe ich ihm ein Bier in die Hand gedrückt und gefragt, ob er das auch so bescheuert findet, dass in Bayern jetzt wieder überall Kreuze hängen sollen. "Naja. Na gut. Die waren immer schon speziell", sagt er und ich nicke. Damit reihen wir uns beide nicht in die Mehrheit der Bayern ein, die laut Umfrage das Gesetz befürwortet. 58 Prozent.

Die CSU steht kurz vor der Landtagswahl bei 41 Prozent. Die AfD bei 12. Und die restlichen fünf Prozent kommen ziemlich sicher aus Bad Endorf im Kreis Rosenheim. Da feiern wir immer Weihnachten und am Sonntag kommen die Nachbarn vorbei, in Tracht und mit Schnaps, um uns zu erklären, was in Bayern wichtig ist. Sie haben uns nie ein Kreuz mitgebracht, die wussten genau, dass wir eine Unheilige Allianz sind, aber sie mochten uns, weil wir konnten bayrisch und wir waren eine lustige Unheilige Allianz. Wenn sie uns nicht gemocht hätten, wären wir da schon lange rausgeflogen aus dem Paradies.

Söder war sicher seit der Ministrantenzeit nicht mehr ernsthaft in der Kirche

Naja. Na gut. Speziell stimmt schon. Reitet der Freistaat ja schon Jahrhunderte im Namen der Sicherheit auf und ab, jetzt sogar bis nach Berlin, vor meine zerborstene Wohnungstür. Manchmal fängt er dabei einen Paris-Attentäter mit Waffen im Kofferraum, meistens aber schleift er die Freiheit an einem Seil hinter sich durch den Dreck. Klar geht es Söder kurz vor der Wahl nicht um Religion, der war sicher seit der Ministrantenzeit nicht mehr ernsthaft in der Kirche. Nein, es ging noch nie um Religion.

"Gott" haben wir immer nur gesagt, wenn wir das Land oder das Essen oder das Wasser der anderen haben wollten. Auch Söder geht es nicht um Heiligenschein – sondern um Schweinebraten. Um Spezi statt Ayran. Statt aber mit dem Schwert in die Wüste zu fahren, muss er erst einmal sein Heiliges Land wieder in Ordnung bringen. Das ist fast schon ein bisschen traurig, wenn man erstmal vor seiner eigenen Haustüre bekehren muss, oder? Andererseits: 58 Prozent. CSU-Wähler scheinen etwas mittelalterlich: Sie sind immer noch sehr männlich und haben sehr wenig Abitur. Sie sind sehr alt und weiß und auf dem Papier hochreligiös.

Gott hat im Finanzamt München nichts zu suchen

Ich möchte ja niemanden provozieren. Ich möchte nur, dass das aufhört. Ich will nicht, dass der Islam zu Deutschland gehört. Ich will nicht, dass das Christentum zu Deutschland gehört. Und das Judentum auch nicht. Ich will, dass diese Religionen zu den Menschen in Deutschland gehören – nicht zur Republik. Gott hat im Finanzamt München nichts zu suchen. Ich verstehe, dass es viele Menschen gibt, die diese neue Welt nicht wollen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie da ist. Und dass wir lernen müssen, miteinander in ihr zu leben, wie unsere Nachbarn im Chiemgau und wir. Dass man nicht den Freistaat zurückschlagen lässt, sondern Jedis in die Schule schickt. Es geht nicht mit Kreuzen und Machtsymbolen, sondern mit einem Staat, der seine Bürger für mündig erklärt.

Irgendwann, so wie auch ich irgendwann wieder eine funktionierende Wohnungstür haben werde, wird auch dieses Pendel wieder nach vorne schwingen. Und dann wird es hoffentlich auf einem bayrischen Hinterkopf der Führungsetage landen und vielleicht schaut dann mal jemand auf die Uhr. Weil da steht schon seit ein paar Monaten: Zwei-Tausend-Acht-Zehn!

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder steht vor einer Wand und hängt ein Kreuz auf. Er ist im Profil zu sehen und trägt Anzug