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Kommentar

Beschluss in Bayern: Nicht das Kreuz ist das Problem, sondern der Söder

In allen bayerischen Behörden muss künftig ein Kreuz hängen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will das als "Bekenntnis zur Identität" verstanden wissen. Tatsächlich betreibt der CSU-Politiker eine Art Missbrauch.

Mussten Sie auch ein bisschen grinsen, als Sie das Foto von Bayerns Ministerpräsident gesehen haben, auf dem er ein Kreuz an die Wand der Münchner Staatskanzlei hält? Gewollt oder nicht: Dank des einfallenden Lichtes wirkte der Blick des neuen bajuwarischen Landesvaters geradezu mephistotelisch, um es mit Goethe zusagen; also teuflisch. Hat da der Teufel das Christen-Kreuz an die Wand der weltlichen Behörde gehängt? So weit wollen wir mal nicht gehen, aber: Neben "teuflisch" nennt der Duden als Bedeutung für mephistotelisch auch: "voll boshafter List". Und da kommen wir der Sache doch schon näher.

Denn im Grunde ist nicht das Kreuz das Problem, sondern Markus Söder. Nimmt man dem 51-Jährigen ab, dass er aus Heimatverbundenheit und kultureller Standfestigkeit gehandelt hat? Eigentlich nicht. Der Beschluss des bayerischen Kabinetts, dass ab dem 1. Juni in jeder staatlichen Behörde ein Kreuz zu hängen hat, folgt der Logik einer Äußerung von Söders Amtsvorgänger und jetzigen Bundesinnenminister Horst Seehofer, der mit seinem Statement "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" jüngst vollkommen unnötig eine zutiefst polarisierende Debatte aufgefrischt hat. Worum es den beiden CSU-Politikern dabei tatsächlich geht, ist allzu offensichtlich: Es gilt, bei der Wahl im Herbst die zuletzt ins Wanken geratene Macht der Christsozialen in Bayern zu sichern. Und bekanntlich ist vielen Politikern für den Machterhalt fast jedes Mittel recht; sogar - und das ist das Teuflische daran - die Instrumentalisierung religiöser Symbole für eigene Zwecke in einer Zeit, in der populistische Kräfte mit eben dieser Polarisierung (Stichworte: "Islamisierung", "Umvolkung") die Gesellschaft spalten.


Das Kreuz mit Söder: Spiel mit "kultureller Prägung"

Eine ganz besondere Form der Symbolpolitik, wenn man so will. Für einen Christenmenschen aber geradezu skrupellos ist Söders Äußerung, zu der er sich nach der Kabinettssitzung am Dienstag verstieg - verbrieft durch die Nachrichtenagentur DPA: "Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer ." In diesem Satz steckt so viel Selbstentlarvung, man möchte sich geradezu - pardon - bekreuzigen(!). Denn natürlich ist das Kreuz nicht nur Zeichen "einer Religion", sondern von den absoluten Anfängen einmal abgesehen selbstverständlich seit Jahrhunderten das zentrale Zeichen des Christentums schlechthin. Wo bleibt da Ihr "Bekenntnis zur Identität", zur "kulturellen Prägung", Herr Söder?!

Wer wie ich in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren im katholischen Rheinland aufgewachsen ist, der kennt das Kreuz an der Wand vielleicht ebenfalls als eine Art übliches Accessoire (zum Beispiel in Klassenzimmern); als christliches Symbol ebenso wie als Ausdruck dafür, dass das Zusammenleben in unserer Gesellschaft auf christlichen Werten und Regeln fußt (was es von der mal mehr, mal weniger gelebten Nächstenliebe bis zum - in der Regel - arbeitsfreien Sonntag ja tut). Ansonsten gilt, völlig zurecht, die in der Verfassung verbriefte Trennung von Staat und Kirche ebenso wie die Religionsfreiheit. Mit der Instrumentalisierung des Kreuzes für seine politischen Zwecke weicht Markus Söder daher nicht nur diese bewährte Trennung auf, er setzt das christliche Symbol ganz bewusst und offensichtlich als Zeichen der Ausgrenzung ein. Sein verengter Blick dürfte auf islamistische Terroristen gerichtet sein, die niemand mit Verstand unterstützt. Doch er grenzt damit auch viele andere, unbescholtene Mitglieder der Gesellschaft aus; von jenen, die in großer Not bei uns Hilfe suchen ganz zu schweigen. Söder treibt somit den Teufel mit dem Belzebub aus. Besser wird dadurch bekanntlich: nichts!