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Myanmar: Angst um Hilfslieferungen

Langsam, sehr langsam rollt die Hilfe für die Wirbelsturm-Opfer in Myanmar an. Nachdem die Militärjunta endlich ihre Erlaubnis für Lieferungen gegeben hat, ist eine UN-Maschine der in Rangun gelandet. Doch die Generäle wollen die ausländische Hilfe von der Armee verteilen.

Fünf Tage nach dem verheerenden Zyklon "Nargis" kommt die internationale Hilfe für Myanmar weiterhin nur zögerlich in Gang: Die Militärjunta erteilte einem Flugzeug des Welternährungsprogramms (WFP) eine Landeerlaubnis. Das Regime verweigerte jedoch weiterhin amerikanischen Militärmaschinen die Genehmigung, dringend benötigte Hilfsgüter ins Land zu bringen. Auch zahlreiche Visa-Anträge von UN-Rettungsteams wurden noch nicht gewährt. Außerdem bleiben die Generäle in Rangun dabei, dass sie die Hilfsgüter von der Armee verteilen lassen wollen. Die Hilfsorganisationen fürchten aber, dass in diesem Fall die Unterstützung nicht die Menschen erreicht, die sie wirklich benötigen.

Ein Flugzeug aus Italien mit proteinreichen Keksen, Medikamenten und anderen Gütern traf in Rangun ein, wie ein UN-Mitarbeiter erklärte. Drei weitere Maschinen stünden bereit. Es sei jedoch unklar, wann sie in Myanmar eintreffen würden. Die Maschinen stehen seit zwei Tagen auf den Rollfeldern, während UN-Mitarbeiter mit der Junta in Myanmar über die Landeerlaubnis verhandelten.

Bislang darf lediglich ein kleines Team von vier Mitarbeitern zur Einschätzung und Koordinierung der Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen (UNDAC) nach Myanmar einreisen. Das bestätigte die Sprecherin des Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha), Elisabeth Byrs, in Genf. Die Asiaten würden von Bangkok aus fliegen, sagte Byrs. Ein fünftes Team-Mitglied mit unbekannter Nationalität warte noch auf sein Visum.

Hilfsorganisationen rechnen damit, dass es schon bald zum Ausbruch von Seuchen in den verwüsteten Gebieten kommen könnte. Unicef kündigte an, drei Millionen Tabletten zur Wasseraufbereitung nach Thailand zu schicken. Sie sollten von dort am Freitag nach Myanmar gebracht werden. Auch zwei Flugzeuge mit Hilfsgütern des Roten Kreuzes erhielten Genehmigungen für die Landung. Eine Chartermaschine und ein Linienflugzeug von Thai Airways mit Material würden voraussichtlich am Abend in Malaysia starten, sagte Rot-Kreuz-Koordinator Bernd Schell in Bangkok.

Zunächst würden jedoch nur kleinere Ladungen gebracht, um zu testen, ob die Militärregierung die Materialien wie versprochen beim Roten Kreuz belasse. Bislang berichteten Hilfsorganisationen, die Junta verteile ausländische Hilfslieferungen selbst. Amnesty International zufolge verzögern einige Spender ihre Hilfsangebote aus Sorge, die dringend benötigten Güter könnten an die Streitkräfte gehen statt an die Opfer.

Angst vor Protesten

WFP-Regionaldirektor Anthony Banbury deutete an, die Vereinten Nationen hätten ähnliche Bedenken. "Wir werden unsere Lieferungen nicht einfach zu einem Flughafen bringen, abladen und wieder abheben", sagte Banbury.

Das staatliche Radio in Myanmar berichtete, "skrupellose Elemente" verbreiteten Gerüchte über ein bevorstehendes Erdbeben, einen zweiten Zyklon und Plünderungen in Rangun. Mit dem Bericht wollte die Militärregierung offenbar die Bevölkerung beruhigen und mögliche Zusammenkünfte unterbinden, die zu Protesten gegen die Regierung führen könnten.

100.000 Tote befürchtet


Die örtlichen Behörden in Myanmar rechnen mittlerweile mit mehr als 80.000 Toten. Allein im Bezirk von Labutta müsse diese Opferzahl angenommen werden, sagte ein Armeevertreter. Die Stadt Labutta liegt im Irawadi-Delta, dem Zentrum der Verwüstungen durch Zyklon "Nargis". Dutzende der 63 Ortschaften rings um die Stadt seien ausradiert, sagte der Armeevertreter. Die Militärjunta hatte bislang von mehr als 22.000 Toten und rund 41.000 Vermissten gesprochen. Hilfsorganisationen gehen von vermutlich 100.000 Toten aus.

Rund 1,5 Millionen sind obdachlos. Auch das Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi wurde schwer beschädigt. Der Wirbelsturm habe Teile des Dachs des Bungalows weggerissen, in dem die Politikerin unter Hausarrest steht, sagte ein Nachbar. Es war nicht klar, ob die Politikerin verletzt war oder über ausreichend Nahrungsmittel und Wasser verfügte.

Ausbruch von Infektionskrankheiten befürchtet


Wegen der zunächst blockierten Hilfslieferungen nach Birma befürchtet die Organisation Care den Ausbruch von Cholera, Typhus und Malaria im Katastrophengebiet. "Wir haben dafür alle Bedingungen", sagte Nothilfekoordinator Wolfgang Tyderle. "Verschmutztes Wasser, Leichen, hohe Luftfeuchtigkeit."

Die Europäische Union und Deutschland appellierten erneut an die Regierung in Myanmar, Hilfen für die Zyklonopfer ins Land zu lassen. Das Auswärtige Amt bestellte in Berlin den Botschafter des Landes ein, um eine Öffnung der Grenzen zu erreichen. Die Regierung müsse Hilfen zum Wohle der Menschen zulassen, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Diesen Appell habe man gegenüber dem Botschafter wiederholt und "eindringlich gebeten, diese Botschaft seiner Regierung in Myanmar zukommen zu lassen". Auch die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner forderte bei der gemeinsamen Stellungnahme mit Steinmeier die sofortige Öffnung der Grenzen.

Neben einer ersten Nothilfe von einer Million Euro stünden zehn Mitglieder des Technischen Hilfswerks bereit, sagte Steinmeier. Sie sollten die Wasserversorgung in dem am stärksten betroffenen Gebieten aufbauen. Die Bundesregierung bemühe sich nun um den Erhalt von Visa, damit die Helfer nach Rangun abfliegen könnten. Am Freitag wird außerdem der Ausschuss für humanitäre Hilfen im Auswärtigen Amt zusammenkommen, um die Arbeit der verschiedenen Hilfsorganisationen abzustimmen.

Sicherheitsrat soll eingreifen

Angesichts der dramatischen Lage in Myanmar dringt Frankreich weiter auf eine Einschaltung des UN-Sicherheitsrats. Der französische UN-Botschafter Maurice Ripert sagte in New York, das höchste UN-Gremium müsse Druck auf die Regierung in Myanmar machen, Hilfslieferungen ungehindert ins Land zu lassen. "Solange Menschen in Not sind, werden wir das verlangen", sagte er nach Angaben seiner Botschaft.

Zuvor war Frankreich im Sicherheitsrat mit der Forderung gescheitert, eine Unterrichtung durch den UN-Nothilfebeauftragten John Holmes über die aktuelle Katastrophenlage zu bekommen. Einige Länder hätten den Bericht nicht für nötig gehalten, kritisierte Ripert. "Das ist sehr seltsam." Er nannte die Länder nicht. Nach Informationen aus diplomatischen Kreisen handelte es sich aber unter anderem um China, Russland und Südafrika.

Liebe Leser, wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, gibt es für das südostasiatische Land verschiedene Begriffe: Birma, Burma, Myanmar. In vielen deutschen Medien wird es Birma genannt, vereinzelt auch Burma, wie im englischen Sprachraum üblich. Seit 1989 heißt es offiziell Union Myanmar. So wird es von den Vereinten Nationen und von der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Einige Länder sind aus Protest gegen das dort herrschende Militärregime bei Birma/Burma geblieben, wie etwa die USA und Australien. stern.de hat sich entschieden, das Land Myanmar zu nennen.

Die Redaktion

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