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Großstadtromantik: Das Bett im Kornfeld kann gern frei bleiben: Woran ich merke, dass ich Stadtkind bin

Führerschein? Brauch ich nicht. Nachbarn? Kenn ich nicht. Unsere Autorin ist Großstadtkind – und wie. Sie merkt das immer wieder in den unpassendsten Situationen. Nachts um drei irgendwo im Nirgendwo zum Beispiel.

Berlin

Großstadtromantik? Kann unsere Autorin voll verstehen.

Unsplash

Ich bin in der Großstadt aufgewachsen. Nicht mal am Stadtrand oder so, sondern im heißen Kern, dem Schmelztiegel der Gesellschaft, wenn man so will. Zwischen und Hundeparks und großen Mehrfamilienhäusern.

 Und auch wenn ich inzwischen ein paar Jahre in kleineren Dörfern dieser Welt verbracht habe, kann ich nicht leugnen, dass es mich schlussendlich immer wieder in die Stadt zieht. Nach jedem Urlaub auf dem Land, nach jedem Besuch bei den Großeltern, freue ich mich regelrecht auf den süßen Geruch von Abgasen und in der Sonne erhitzten Mülltonnen. Mag komisch klingen, fühlt sich aber unheimlich heimelig an. 

6 Situationen, an denen ich merke, dass ich eben doch ein Stadtkind bin

Wie, das kann man nicht in 20 Minuten zu Fuß erreichen?!? 

Man würde meinen, dass Großstädter daran gewöhnt sind, dass alle Wege ein wenig länger dauern. Immerhin ist es ja eine GROSS-stadt. Der Clue liegt also quasi schon im Namen. Tatsächlich kann ich aber aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass ich mir bislang noch in jeder Stadt, in der ich gewohnt habe (zwischen zwei und neun Millionen Einwohnern) meinen kleinen Bereich gesucht habe, in dem meine Freunde und ich uns zu 90 Prozent der Zeit aufgehalten haben. Und in diesem Umkreis ist eigentlich alles fußläufig erreichbar.

Wenn mir also jemand erzählt, dass wir jetzt zur nächsten Kneipe erstmal eine halbe Stunde mit dem Bus fahren müssen, kommt mir das vor wie eine absolute Weltreise. Besonders wenn ich vorher schon daran denke, dass ich das ja nachher betrunken nochmal machen muss. Und und Bus sind zwei B's, die sich bei mir noch nie vertragen haben.

Designated Driver – who dat?

Ich war letztens auf einer Hochzeit in einer sehr, sehr kleinen Gemeinde irgendwo im Nirgendwo. Nein, das ist gelogen. Ich war letztens auf einer Hochzeit IN DER NÄHE von einer sehr, sehr kleinen Gemeinde irgendwo im Nirgendwo. Ich erinnere mich dunkel, dass die Gastgeber noch dazu angehalten hatten, sich im Voraus um den Abtransport nach den Festlichkeiten zu kümmern. Haben wir nicht gemacht. Wenn nichts mehr geht, geht immer noch Taxi – richtig?

 Falsch. Morgens um drei fanden wir uns gestrandet auf einer Wiese wieder. Sämtliche Taxiunternehmen hatten Feierabend oder waren nicht bereit, um diese Uhrzeit noch aus der über 20 Kilometer entfernten nächstgrößeren Stadt anzureisen. Und um einen Designated Driver (den das Internet übrigens als Sprudeldepp übersetzt?!) hatten wir uns natürlich auch nicht gekümmert. Wieso auch? Brauchen wir sonst nie. Niemals. Schlussendlich mussten wir uns im Auto der Mutter der Braut einzecken, die uns etwa die Hälfte des Weges mitnahm und dann noch eine gute halbe Stunde durch die stockdüstere Pampa stiefeln. Im Hochzeitsoutfit. Läuft.

Dunkle Feldwege = Bevorstehender Tod

Womit wir auch schon beim nächsten Punkt angekommen wären. Dunkle Feldwege. Das Elternhaus meines besten Freundes liegt etwa vierzig Minuten außerhalb seiner Heimatkleinstadt. Und ich benutze das Wort "Kleinstadt" hier sehr großzügig. Als ich ihn einmal im Sommer besuchte, zogen wir mit Freunden durch die … den Pub. Am Ende des Abends wollte ich gerade nach einem Ausschau halten (ich hätte es wissen müssen), als er schnurstracks in Richtung Stadtrand losstiefelte: "Komm, wir laufen." Was sich wie ein Witz anhörte, stellte sich als sein voller Ernst heraus. 

Während ich zu Hause jeden nicht mit Festtagsbeleuchtung erhellten, noch so kleinen Park vermeide, spaziert er seit frühesten Teenagertagen mitten in der Nacht, mit nichts als einer kleinen Taschenlampe bewaffnet, eine stockfinstere Landstraße entlang. Am Waldrand. Ein Glück gucke ich keine Gruselfilme. 

Die Qual der Wahl

Steht ein Besuch beim Frisör an? Oder soll sich der Dermatologe mal den neuen Leberfleck am Bauchnabel angucken? Während viele meiner Freunde für Arztbesuche tatsächlich gerne in die Heimat fahren, stehe ich immer wieder vor der Qual der Wahl. Mit zahlreichen Websites lassen sich Ärzte nach Patientenbewertung, Wartezeit und Entfernung sortieren. Immerhin soll das Ganze ja gerne in 20 Minuten fußläufig erreichbar sein.

 Mein Hausarzt weiß nicht, welche Impfungen ich schon bekommen habe, oder wie ich das letzte Mal auf irgendwelche Medikamente reagiert habe. Der kennt mich kaum bis gar nicht. Und ich find's oke. Das heißt nämlich auch, dass ich ihm problemlos erzählen kann, dass ich die heftige Prellung am Knie habe, weil ich letztes Wochenende besoffen hingefallen bin – und meine Oma wird's nie erfahren. 

Führerschein? Jaaa, mach ich schon irgendwann

Erzähle ich Menschen, die nicht aus der Stadt kommen, dass ich meinen Führerschein erst mit Mitte 20 gemacht habe, stoße ich gerne auf Unverständnis. "Wie bist du denn dann rumgekommen?!" Mit der Bahn. Während ein Auto in dörflicheren Gegenden Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet, steht es in der Stadt eher für Parkplatzsuche und Stau. Tatsächlich haben viele meiner alten Freunde ihren Lappen immer noch nicht – und sind sich auch nicht sicher, ob sie ihn jemals machen werden. Wieso auch? Brauchen tut man ihn nicht wirklich.

Nachbarn? Kenn ich nicht.

Laufe ich mit meinem besten Kumpel durch seine Kleinstadt, hängt seine Hand quasi dauerhaft in der Luft. "Mit dem war ich in der Schule", raunt er mir nach einer Begrüßung zu. "Und das ist die Cousine von der besten Freundin meiner Mutter." Er kennt jeden. Jeden. Und das sind ja noch nicht einmal Leute, die in seiner unmittelbaren Umgebung wohnen. (Da wohnt quasi keiner. Wie gesagt, dunkle Feldwege und so. Und ein paar Alpacas auf einer Wiese.) Ich kenne nicht mal meine Nachbarin, die in der Wohnung DIREKT neben mir wohnt. Keine Ahnung. Noch nie gesehen. Dabei bin ich eigentlich ein wirklich kontaktfreudiger Mensch. Tatsächlich ist der Satz, in dem ich das Wort "Nachbarn" am Häufigsten höre, wahrscheinlich dieser: "Ey, mach mal Musik leiser. Ich will nicht, dass meine Nachbarn meckern."

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