HOME

Landei forever?: Sechs Situationen, in denen ich immer wieder merke, dass ich doch ein Dorfkind bin

"Ich bin ein Dorfkind." Selbst nach fünf Jahren in der Großstadt erlebt unsere Autorin immer noch Momente, in denen sie nicht leugnen kann, auf dem Land aufgewachsen zu sein.

Dorfkindmomente: Zwei Stände auf einem Schützenfest

Nicht nur beim Anblick von Jahrmarktständen wird unsere Autorin ganz nostalgisch

Picture Alliance

Egal, wie sehr ich mich auch anstrenge, wie eine hippe Großstädterin zu wirken – es gibt Momente, in denen ich immer wieder feststellen muss: Ich bin eben doch ein Dorfkind. Als Teenie war mein größter Wunsch, endlich wegzuziehen. Raus in die Stadt! Da wo was los ist! Fünf Jahre nachdem ich in die Stadt bin, überkommt mich trotzdem manchmal Wehmut – und die Erkenntnis, dass man manchmal doch nicht leugnen kann, wo man her kommt.

1. Auf der Straße laufen

Nachts zieht es mich immer auf die Straße – also wortwörtlich. In Nordwalde, dem münsterländischen Dorf, aus dem ich komme, werden um 20 Uhr die Bordsteine hochgeklappt. Da kann man fröhlich auf dem Mittelstreifen Purzelbäume machen, wenn man will. Mit ein bisschen Alkohol im Blut überkommt mich hier in Hamburg oft der Drang, auf der Straße zu spazieren. Zum Glück bin ich selten alleine unterwegs, sonst wäre ich vielleicht schon überfahren worden: "Ey, komm von der Straße runter! Da kommt ein Auto!" Upsi.

2. Bus fahren

Ich fahre nie Bus. In zwei Jahren Hamburg bin ich vielleicht zwei Mal gefahren und das auch nur, weil es gar nicht anders ging. In meinem Dorfkind-Kopf ist der Bus immer noch das unzuverlässigste Verkehrsmittel überhaupt. Bei uns musste man nicht nur Angst haben, der Bus habe Verspätung – nein! Am besten war man immer mindestens zehn Minuten eher da, denn an Tagen mit wenig Busfahrwilligen bretterte der Fahrer gerne auch mal ohne Halt durch die Dörfer, egal, ob er zu früh war oder nicht. Manchmal konnte man dann nur noch die Rücklichter am Horizont sehen, obwohl man pünktlich an der Haltestelle stand. Dann durfte man eine Stunde warten (wenn man Glück hatte). Denn der Bus fährt höchstens im Stundentakt, an Sonntagen auch gerne mal nur alle zwei Stunden. Ich weiß, es ist in manch anderen Dörfern noch schlimmer. Trotzdem: Trauma fürs Leben. 

3. Kirmes-Nostalgie

Der Hamburger Dom, das laut eigener Angabe "größte Volksfest des Nordens", ist bei den Einheimischen verpönt. Da gehen nur Touris hin – und Dorfkinder. In Nordwalde ist die Kirmes jedes Jahr DAS Highlight. Noch heute fahre ich jedes Jahr zurück in die Heimat, um am ersten Oktober-Wochenende Autoscooter zu fahren und Dosen zu werfen. Auf der Kirmes trifft man tatsächlich ALLE wieder (ob man will oder nicht): Klassenkameraden aus der Grundschule, den Schwarm aus der Unterstufe, Cousins dritten Grades, die man schon ewig nicht mehr gesehen hat. 

Für die kleine Nostalgie zwischendurch gehe ich deshalb gerne mindestens einmal im Jahr auf den Dom, die Kirmes im Riesenformat. (Es hält sich übrigens hartnäckig die Legende, dass der Löwenbräu-Stand auf der Nordwalder Kirmes pro Kopf den zweithöchsten Bierverbrauch nach dem Münchner Oktoberfest hätte.)

4. Traditionen, die keiner kennt

"Ich werde am Wochenende 25." "Oh, wie cool. Bekommst du einen Schachtelkranz?" Ich blickte in verstörte Gesichter. "Einen was?!" Die anderen Praktikanten, mit denen ich Mittagessen gegangen war, hatten keinen Plan, wovon ich redete. Bei uns im Münsterland ist es üblich, dass man einen (möglichst langen) Kranz aus Zigarettenschachteln ablaufen muss. Sinn der Sache ist natürlich der essentielle Bestandteil des Dorflebens: das Saufen. Je nach Dorf und Freundeskreis variieren die Regel, wie viel das Geburtstagskind beim Ablaufen trinken muss. Am Ende sind aber immer alle besoffen.

Außerdem eine lieb gewonnene Tradition: die Bollerwagenfahrt am 1. Mai. Im besten Fall mit einem selbstgebauten Wagen, der während der Fahrt einen Achsbruch erleidet und vom nächsten Bauern mit dem Traktor zurück ins Dorf gefahren werden muss. Erzähle ich sowas einem Stadtmenschen, fühle ich immer eine seltsame Mischung aus Scham und Stolz. 

5. Läster-Paranoia

Nordwalde ist ein Dorf mit rund 9000 Einwohnern. Klingt erstmal gar nicht sooo wenig, aber hier kennt trotzdem jeder jeden. Lästern geht nur nach wiederholtem Um-Sich-Schauen - ansonsten läuft man Gefahr, dass der Onkel des Nachbarn der Freundin zuhört und es brühwarm weitererzählt. Am besten unterlässt man jegliche kritische Äußerung im öffentlichen Raum. Geheimnisse sollte man generell besser niemandem erzählen, denn am Ende weiß es eh wieder das ganze Dorf. Obwohl ich schon seit fünf Jahren nicht mehr zu Hause wohne, sind die Paranoia, dass jemand lauschen könnte, immer noch da. 

6. Das allererste Auto

Zu meinem ersten und einzigen eigenen Auto hatte ich eine ganz besondere Verbindung. Ich hatte es damals für 800 Euro bei Ebay ersteigert. Es war klein, gelb und hatte kein cooles Feature. Außer das Dachfenster vielleicht. Trotzdem habe ich es geliebt! Die Liebe ging so weit, dass ich mir vor Jahren die Umrisse meines Fiat Cinquecentos sogar habe tätowieren lassen. Ja, dafür werde ich oft belächelt, aber bei uns auf dem Dorf war ein Auto die ultimative Freiheit. Wenn man (wie bereits erwähnt) auf einen Bus mit undurchsichtigen Fahrzeiten und unpraktischen Routen angewiesen ist, werden die eigenen vier Räder überlebenswichtig – zum Beispiel, um zum Mäcces (sagt man das in der Stadt auch so?) in der nächsten Stadt zu fahren. Noch jetzt löst der Geruch von ChickenMcNuggets bei mir ein wohliges Gefühl von Freiheit aus. 

Heimat im Herzen – Werpeloh forever?! Ein"Provinz"-Besuch
Themen in diesem Artikel