VG-Wort Pixel

Wohngemeinschaft Eine Familie weit weg von Zuhause – eine Hommage an meine WGs

Vier Freunde
Leben mit Mitbewohnern kann Himmel oder Hölle sein – für mich war es immer ersteres
© littlehenrabi / Getty Images
Immer wieder sagen mir Leute, dass ihnen das Leben in Wohngemeinschaften nicht gefällt. "Schmutzig", "kein Freiraum", "komische Mitbewohner" sind die klassischen Argumente. Ich sehe das anders. Meine Mitbewohner waren immer meine Ersatzfamilie, egal, wo ich wohnte.
<br/>

Als ich von Zuhause auszog, stand eine Sache für mich fest: Ich ziehe in eine Wohngemeinschaft. Alleine leben kam für mich nicht in Frage. Irgendwie gehören WG-Erfahrungen ja auch dazu, wenn man zum Studium in eine fremde Stadt aufbricht. Es klingt auch verlockend: neue Leute kennenlernen, eine eingerichtete Wohnung vorfinden, teure Verträge werden zwischen den Bewohnern aufgeteilt. Optimal für junge Leute, die ohne Bürgschaft der Eltern eh keine eigene Wohnung bekommen hätten. Dass ich aber Menschen kennenlernen würde, die für mich zu einer Ersatzfamilie wurden, das hätte selbst ich nicht gedacht. In meiner gesamten WG-Karriere habe ich mit insgesamt 25 Menschen zusammengelebt. In Deutschland und im Ausland. Für einige Monate lebte ich in einer Zehner-WG – für mich war es, als hätte ich eine Großfamilie. 

Ein Flur, Küche, Bad und viele Zimmer

Die meiste Zeit verbrachte ich in einer Fünfer-WG in der Stadt, in der ich studierte. Eine Kleinstadt, die offiziell als Großstadt gilt, also über 100.000 Einwohner zählt. In einem Altbau mit hohen Decken, einer Fassade aus rotem Backstein und einem wunderschönen Treppenhaus – das war sie, meine "Technotempel-WG". Den Namen wählten wir, nachdem unsere (befreundeten) Nachbarn mal einen Brief von unserem Vermieter erhalten hatten. Darin hieß es, dass die Musik zu laut wäre. Das Haus wäre schließlich kein Technotempel.

Der Flur in unser Wohnung war gefühlt unendlich lang, überall hingen Postkarten und an einer Wand formten Dutzende aufgeklebte Kronkorken die Silhouette von Karl Marx. Haben wir damit jedes Studenten-WG-Klischee erfüllt? Check!

Der berühmte Karl Marx aus Kronkorken
Der berühmte Karl Marx aus Kronkorken
© Antonia Fischer

Keine normale Freundschaft

Wir kochten gemeinsam (damit meine ich, dass die anderen kochten und ich aß). An Weihnachten machten wir eine Feier, zu der natürlich auch die festen Freunde oder Freundinnen der Bewohner eingeladen waren. Die Freundin meines Mitbewohners war eine meiner besten Freundinnen. Mein Freund und der gleiche Mitbewohner führten eine süße Bromance. Wir grillten auf dem Balkon, gingen in Bars, zogen nachts durch die Spätis, fuhren an den See, gingen gemeinsam einkaufen. Wir feierten im Flur, lernten zusammen für Klausuren und Referate, schauten Filme. Jeder wusste, wie man den anderen am besten die letzten Nerven rauben konnte. Wenn das nicht die Definition einer gut funktionierende Familie ist, was dann?

Streng genommen waren wir einfach Freunde. Aber irgendwie auch nicht. Mit "richtigen" Freunden verbringt man anders Zeit, ausgewählter, fokussierter. Zusammenzuleben bedeutet, dass man zufällig gleichzeitig in der Küche steht, beschließt Kaffee zu kochen und sich dann wundert, wo die letzten zwei Stunden hingeflogen sind.

Drei Jahre lang erschreckte ihn sein hartnäckiger Hausgenosse – immer und immer wieder. Man sollte meinen, er hätte sich im Laufe der Zeit an den Streich gewöhnt – doch Fehlanzeige. Jedes Mal zuckt das ahnungslose Opfer von Neuem zusammen und gibt dabei für Außenstehende ein köstliches Bild ab. Bleibt abzuwarten, wie lange der Mann das Ganze noch über sich ergehen lässt. Im Gegensatz zu seiner Familie kann man sich seine Mitbewohner schließlich aussuchen.
Mehr

"Wir wissen nicht warum, but we love you" 

Erst letztens besuchte ich einen meiner ehemaligen Mitbewohner in der Stadt, in der er jetzt wohnt. Ohne mich, ohne WG, dafür zusammen mit seiner Freundin. Wir hatten uns lange nicht gesehen und doch war das Wiedersehen unaufgeregt. Ich fläzte mich auf seine Couch, er machte Essen und wir quatschten. Nicht darüber, was alles in der Zwischenzeit passiert war. Sondern einfach über unwichtiges Zeug. "Irgendwie fühlt ihr euch wie Familie an", sagte seine Freundin dazu. 

Ich wohne seit drei Monaten nicht mehr in einer WG. Vor wenigen Wochen bekam ich eine Sprachnachricht von meinen, das war an der Lautstärke zu erkennen, angetrunkenen Ex-Mitbewohnern: "Wir vermissen dich. Wir haben festgestellt, dass du richtig nervig bist, aber wir dich lieben. Wir wissen gar nicht warum, aber we love you so much. Du bist die Queen, manchmal die Hass-Queen, aber du bist schon immer die Queen gewesen." Ob ich kurz einen Kloß im Hals hatte? Vielleicht.

Gedanklich ist schon halb gepackt

Diese Nachricht war auch ein Grund, weswegen ich mich entschieden habe, sobald wie möglich wieder in eine WG zu ziehen. Momentan wohne ich mit meinem Freund zusammen. Es läuft auch gut und ich möchte weiterhin bei ihm wohnen. Wäre da nicht dieser Gedanke an die Zeit, die ich so sehr vermisse. An die Leute, die ich kennenlernen könnte. An die Familie, die ich auch hier, weit weg von Zuhause, haben könnte. Und an Menschen, die mich besser kennen, als ich es für möglich gehalten hätte. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker