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Zuhause: Being Udo Lindenberg

Vor vierzig Jahren hat sich Udo Lindenberg die Figur Udo Lindenberg ausgedacht. Ist er sie geworden? Eine Begegnung in vier Nächten.

Text: Lena Steeg | Foto: Tine Acke

Da kommt ein Mann den Gang entlang und sofort ist alles Bühne. Der Mann ist Udo Lindenberg, der Gang ist ein Hotelflur des Atlantic Kempinski Hamburg, und weil das alles ein so stimmiges Bild ist, Lindenberg, früher Abend, Hotel Atlantic, fühlt man sich selbst sofort ganz falsch. Wahrscheinlich stehe ich in irgendeiner Kulisse herum und gleich brüllt ein Mitarbeiter von „MTV Unplugged“: „Na schönen Dank auch, jetzt können wir noch mal von vorne anfangen.“ Könnte sein.
Ist nicht ganz so. Die Dreharbeiten beginnen erst in einer halben Stunde. Vier Nächte lang wird Regisseur Kim Frank, früher Sänger der Band Echt, das Musikvideo zur neuen Lindenberg-Single „Durch die schweren Zeiten“ filmen. Der Rest des Albums wird gerade fertiggemischt, es sind dies die letzten ruhigen Tage vor dem Aufmerksamkeitstsunami, der ab Ende April über Udo Lindenberg hereinbrechen wird. Sein erstes Studioalbum seit acht Jahren, eine große Stadiontournee, die Rockliner-Kreuzfahrt, auf der 3500 Fans mit ihm im Mittelmeer kreuzen. Am 17. Mai wird er siebzig, und obwohl sich seit Jahren fast alle großen deutschen Künstler auf ihn beziehen (Clueso und Jan Delay nennen ihn ihren musikalischen Vater, Max Herre coverte auf mehreren Alben Lindenberg-Songs, Frida Gold und Jennifer Rostock arbeiten mit ihm), er seine Fußstapfen also längst metertief in die deutsche Musikgeschichte eingefräst hat, hat Udo Lindenberg keine Lust, an Rockstar-Rente zu denken. Seine neue Platte heißt „Stärker als die Zeit“.

Er ist nun lange genug den Gang heruntergelaufen. „Hallo, na, wer bist du denn?“ Der irre Vertrautheitsvorsprung des Fans, der Stimme, Werk und Privat-Aufs und -Abs seines Helden seit Jahren verfolgt, bringt in der Realbegegnung: überhaupt nichts. Ausgerechnet das Erwartbarste haut mich komplett um. Udo Lindenberg sieht aus wie Udo Lindenberg und zu allem Überfluss klingt er auch noch ganz genauso. Zwei und damit für mich viel zu viele Überschneidungsreize. Ich höre mich antworten, sehe mich mitschreiben, aber was genau wir da gerade besprechen – keine Ahnung. Als ich später in meinen Block schaue, steht dort in Zitterkrakelschrift: Hut, Sonnenbrille, raucht Zigarre. Nur: Wie viel mehr kann man über Udo Lindenberg eigentlich herausfinden?

Drehpausen-Interview: Zunächst saß Lindenberg mit auf dem Boden, bekam dann aber Ärger mit seiner Stylistin. Das Sakko drohte vom Heizlüfter angesengt zu werden.

Am ersten Drehset, einem Hotelzimmer, sind mittlerweile die Feuermelder ausgeschaltet und einige Udo-Accessoires verteilt. Kissen mit den Schriftzügen „Panik Room“ und „Atlantic Affairs“, ein barockes Ölbild, das Marlon Brando in „Der Pate“ zeigt und in Lindenberg-Logik falsch herum hängt („Cooler Typ, aber wir lehnen Waffengewalt ab, deshalb haben wir ihn mal auf den Kopf gestellt“), ein Echo-Award, Aschenbecher, Nasenspray. Lindenbergs Visagistin und Stylingberaterin Niko Kazal, von allen „die Zarin“ genannt, eine anmutige Frau, die Fliegermütze zum Frack trägt, unterbricht uns, also ihn. Zum ersten Mal traue ich mich, Lindenberg richtig anzuschauen: Dafür, dass er im Ganzen nur sehr langsam vorankommt (es muss auf dem Weg zur Garderobe dauernd stehen geblieben und etwas besprochen oder die Zigarre neu angezündet werden), wirkt er in der Einzelbewegung dynamisch, fast alterslos. Er sieht ausgeschlafen aus. Was auch daran liegen mag, dass Lindenberg erst seit dreizehn Uhr wach ist. Der Drehbeginn um sechs liegt für ihn im dämmernden Vormittag.
Es ist ja schon lange bekannt, nicht nur den Hamburgern, dass Udo Lindenberg in der Nacht lebt. Die Legende sagt, dass er, wenn die Stadt schläft, um die Alster joggt, an der Hotelbar Eierlikör trinkt, mit seinem Porsche zum Kiez fährt. Aber wieso genau er das tut, ist nicht klar. Abschottungszwecken kann es nicht dienen, Lindenberg ist das Gegenteil von gesellschaftsscheu, immer wieder begrüßt er Gäste, scherzt mit Pagen und Kellnern. Auch jetzt, wir laufen gerade quer durch die Empfangshalle. Was ich zunächst für einen Gag auf dem Drehplan gehalten hatte, war ernst gemeint: 23.30 Uhr, es gibt Mittagessen.

„Nö“, sagt Lindenberg, dahinter habe nie ein Plan gestanden, zum Lebensprinzip Nacht sei es schleichend gekommen, als Begleiterscheinung des Bühnenalltags. „Auftritte, Konzerte – danach geht man ja nicht direkt ins Bett, ne? Irgendwann bin ich dann einfach nicht mehr zurück in den Tag. Ist doch auch schöner hier, Nachtschattengewächse unter sich, überall Sterndeuter, irdische Empfänger der Nachrichten, die das All uns schickt“, sagt er und zeigt auf ein Hotelgastpaar, das städtetriptypisch abgekämpft den Weg zu seinem Zimmer sucht und eher so ausschaut, als wäre es heute allerhöchstens noch fürs Zähneputzen, in keinem Fall aber für irgendwelche Nachrichten aus der Galaxie zu gewinnen.
Ich muss an ein Wort aus dem Biounterricht denken, „Hyperraum“, die Summe aller Umweltfaktoren, die eine bestimmte ökologische Nische ausmachen. Uns wurde der Hyperraum damals am Beispiel des Barten-Drachenfischs erklärt, der in weitreichender Dunkelheit lebt und irgendwann Leuchtorgane entwickelt hat, um sich dort besser zurechtzufinden. Udo Lindenbergs Hyperraum ist dem des Barten-Drachenfischs sehr ähnlich, nur hat sich Lindenberg evolutionär umgekehrt verhalten und die Umwelt seinen Bedürfnissen unterworfen. Termine gibt es bei ihm erst nach sechzehn Uhr, gereist wird nur ungern vor Einbruch der Dunkelheit und auch sein Werk spielt fast komplett: after Sunset. Kein anderer Sänger in der deutschen Pop- und Rockgeschichte hat die Nacht derart ausgeleuchtet wie Udo Lindenberg. All die Bars und Katakomben, Abflughäfen und Anlegestellen, die er in seinen Liedern besingt, stellt sich doch niemand im Tageslicht vor. Flirrende Stunden unterm Säufermond, der Astronaut, der zu den Sternen fliegt, ja selbst der Junge, der von seinem Mädchen in Ostberlin zurück in den Westen muss, weil er nur einen Tagesschein hat, bekommt dieses Problem doch erst am Abend.

An Udo Lindenberg lässt sich gut dokumentieren, was Markenbildung macht: Hut, Brille, lange Haare sind zu seinem Insignien geworden – wie der Stern für Mercedes-Benz.

Zweite Drehnacht, im Eimsbüttler Jazzclub Birdland. Der Oberlangweilersatz von Schauspielern, dass man an Filmsets kaum etwas anderes tue als warten: stimmt. Seit gefühlten zwölf Jahren, also etwa dreißig Minuten Realzeit, wird das Licht aufgebaut. Die Rollen indes sitzen schon: Konzentriertheit im Filmteam. Gewusel im Lindenberg-Tross, dessen Größe ständig variiert. Das Drehtürmoment der Hotellobby wurde in der Panikfamilie, wie Lindenberg seinen engsten Kreis nennt, ausgeweitet zum Lebensprinzip: Dauernd passiert Neues, Stillstand ist nicht erwünscht, Wohnen im Wortsinn deshalb auch undenkbar. Udo Lindenberg wohnt nicht seit zwanzig Jahren im Hotel Atlantic, er lebt dort. Hausstand, hatte er nachts zuvor erklärt, sei sein Ding nicht. „So Sachen“ haben, die dann da sind, um die man sich also kümmern muss, das würde selbst ihn als bekanntlich sehr entspannten Künstler doch stark entschleunigen: „Hätte Bach seinen Müll selbst runtertragen müssen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben.“ Johann Sebastian Bach, Komponistengott, Musikschutzheiliger – das ist der Maßstab, die Richtung, daran gilt es sich zu orientieren, findet Udo Lindenberg.

Die Unstetigkeitssehnsucht, die durch seine Lieder und ihn selbst verkörperte Idee, jederzeit den Koffer (wichtig: Singular, wenig „so Sachen“) packen und sich auf die Reise machen zu können, funktioniert aber natürlich nur, wenn man mehr zurücklassen kann als ein leeres Hotelzimmer. Und so gibt es im ritualisierten Kommen und Gehen dieser Nächte einen kleinen Kern von konstanten Begleitern: den Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der an Liedtexten mitschreibt und mit seinem Bestseller „Panikherz“ unlängst eine große Hymne auf Lindenberg geschrieben hat; Tine Acke, die seine Auftritte seit achtzehn Jahren nicht nur als Lebensgefährtin, sondern auch als Fotografin begleitet; die Social-Media-Managerin Sonja „Schwessi“ Schwabe; die Zarin. Jeder von ihnen stellt ab und an den neuesten Stand vor, kümmert sich ansonsten aber autark und verlässlich um seinen Zuständigkeitsbereich. So sehr Lindenberg auch mit seiner Vorliebe für Chaos kokettiert: Der Laden, der er ist, läuft reibungslos. Und falls doch mal nicht, ist die Reibung ja schon wieder Lindenberg-Prinzip: „Bitte taken Sie’s easy.“
Mittlerweile, zwei Uhr nachts, sitzen wir beim Nachmittagskaffee. „Und, wie ist deine Udo-Geschichte?“, fragt jemand aus der Lindenberg-Crew. Irgendeine Udo-Geschichte, so die These, hat jeder. Keine Udo-Geschichte hat niemand. Stimmt das? Kann ein in den Achtzigern in Deutschland geborener Mensch nicht auch gänzlich an Lindenberg vorbeigekommen sein? Zwar ist er ein Pionier der hiesigen Rockmusik, hat die nach dem Zweiten Weltkrieg starre Sprache Deutsch mit seiner Fantasiewortlyrik abgerüstet, sogar das Hausmütterchengetränk Eierlikör rocksalonfähig und damit also das Deutschtum im Gesamten wieder erträglich gemacht. Aber: Auf jeden Fall. Kann einen komplett kaltlassen. Mich nur eben nicht.

Lindenbergs Lieblingsfilm: »Der Pate« (hier mit Al Pacino). Viele Konzerte beginnt er mit der Filmtitelmelodie. In seinem Zimmer hängt ein Ölbild von Marlon Brando in der Rolle des Don Vito Corleone.

Meine Udo-Geschichte begann vor dreizehn Jahren mit dem Führerschein und der großen Samstagabendfrage, was man zwischen Badezimmerspiegel und Ankunft bei den Freunden für Musik hörte. Die Soundtrackauswahl war wegweisend für die Stimmung der Nacht. An Lindenbergs Alben blieb ich hängen, weil sie das Prinzip Aufbruch so ungeniert aufluden mit Erwartungen und Romantik. Lindenberg, mit Gronau in Westfalen genau wie ich aus der Provinz stammend, hatte es von dort schon viel früher und konsequenter weggezogen. Mit sechzehn hatte er sein bürgerliches Elternhaus und die drei Geschwister verlassen und war als Schlagzeuger einer lokal bekannten Band nach Tripolis aufgebrochen. Ein Jahr lang spielte und soff er dort in Clubs US-amerikanischer Luftwaffenstützpunkte. Als er 1964 zurückkehrte, war er von beidem – der Lage in Libyen und ständigen Saufgelagen – derart traumatisiert, dass er glaubte, seine Heimat nie wieder verlassen zu können: „Wenn ich überhaupt mal auf die Straße bin, konnte ich immer nur ganz nah an den Häuserwänden entlanggehen. Ich brauchte die Gewissheit, mich jederzeit abstützen zu können, so zittrig war ich.“ Fast vier Jahre ging das so. Dann schlug der Wunsch, „internationaler Rockstar“ zu werden, die Angst. 1968 ließ Lindenberg die Häuserwände los und zog nach Hamburg. Nur dort, war er sicher, konnte seine Karriere beginnen.

Auch mir gaben die Lindenberg-Lieder eine seltsam klare Sehnsuchtsrichtung. Zwar fuhr ich laut Navi nach wie vor zu irgendwelchen Bars in Düsseldorf, suchte geografisch sehr wohl einen Parkplatz vor einer Disco in Essen, gedanklich aber war ich immer auf dem Weg Richtung Hafen, Reeperbahn, Atlantic oder, frühmorgens, mit heizungsmüden Augen und „Daumen im Wind“ im Ohr: einfach ganz woandershin, bloß weg. Wenn ich von gescheiterten Dates kam, ließ ich „Goodbye Sailor“ in der akkordeonlastigen Version von 1988 laufen oder heulte zu „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“, dieser trotzigen Gefühlshochstapelei („Du sagst, da wär ’ne Trauer in meinem Gesicht / So ’n Quatsch, das ist doch nur das Kneipenlicht“), die am Ende so tieftraurig in sich zusammenbricht: „Geh doch einfach weiter / Es hat keinen Zweck / Ey, du weißt doch / Sonst komm ich da niemals drüber weg.“ Lange bevor ich selbst den Aufbruch wagte, war Udo Lindenberg mein Komplize in der Nacht.

Und dann sehe ich etwas, das ich nicht sehen sollte. Es ist die dritte, vielleicht schon vierte dieser in jeder Hinsicht durchgedrehten Nächte, keine Ahnung, alle haben Udo-Jetlag. Das Team ist längst mit den Aufbauten im Studio Hamburg beschäftigt. Lindenberg soll hier vor einem Greenscreen, der später mit dramatischen Wolkenwimmelbildern überspielt wird, den Refrain zu „Durch die schweren Zeiten“ singen. Ich bin spät dran, irre durch lange Flure der Musik entgegen und schreibe im Laufen den Liedtext mit. Als ich mich angekommen vermute, schaue ich hoch und sehe einen Mann im grünen Parka. Er sitzt vor einem Heizlüfter, tief eingesunken in einen Stuhl, tippt in sein Handy. Er sieht müde aus, älter schon, seine Haare sind wirr, die Augen nicht. Die Augen sind, im Gegenteil, sehr hell. In der Hand, die nicht das Handy hält, qualmt eine Zigarre. Und erst in diesem Moment verstehe ich: Das ist Udo Lindenberg. Nur dass er eben gerade nicht Udo Lindenberg ist.

Obwohl ich mir sicher bin, dass er mich nicht gesehen hat, und obwohl das Ganze kein spektakulärer Anblick ist – es sitzt dort drüben einfach ein 69-jähriger Mann in einer nicht beheizten Halle –, fühle ich mich: ertappt. Es ist, als wäre ich beim Arzt in ein falsches Behandlungszimmer geplatzt und dann ein bisschen zu lange darin stehen geblieben. Was hatte ich auch gedacht? Dass Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille schläft, duscht, spazieren geht? Dass er wirklich alterslos ist?
Ehrlich gesagt: Ja. Seit ich ihn kenne, hat sich mir Udo Lindenberg als Scherenschnittfigur präsentiert. Lange bevor es Castingshowformate und das Wort „Markenbildung“ gab, hat er sich selbst gecastet. Die scharfen Kanten seiner Garderobe sind Wiedererkennungsindizien. Aber sind sie auch Grenzen? Und falls ja, was ist dahinter?

Wenig später, die Udo-Lindenberg-Werdung in drei Schritten (Hut, Zigarre, Sonnenbrille) ist vollbracht, haben wir Zeit für ein Interview. In Wahrheit ist es eher ein beschwingtes Assoziationsgeplauder in der typischen Lindenberg-Entlastungslyrik: „Wir trinken jetzt erst mal ein Teechen.“ – „Da vorne gibt es Problemchen mit dem Licht.“ Alles nicht so wild. Alles wird heruntergezoomt. Sogar bei seinen Auftritten, bei denen er in ferngesteuerten Ufos durch die Arenen schwebt: „So verkleinere ich den Raum, komme bis zu den hintersten Rängen, kann jedem ins Gesicht schauen.“ Kurz zieht Lindenberg die Sonnenbrille herunter, schaut aus diesen hellen, schnellen Augen, die mittlerweile aber von der Zarin mit schwarzem Kajal umrandet wurden. „Ich singe nie für die Masse, vor der Masse hätte ich totalen Bammel. Ich singe für jeden Einzelnen.“ Brille wieder hoch. „Und der Einzelne multipliziert mit 50 000, das geht dann wieder.“

Auch nach über vierzig Jahren auf der Bühne ist Udo Lindenberg eines nie anzumerken: dass es für ihn zu Beginn seiner Karriere alles andere als »easy«war.

Dass Udo Lindenberg nach über vierzig Jahren Bühnenerfahrung immer noch nervös ist, finde ich als Showlaiin eine Wahnsinnsnachricht. Klar, sagt Lindenberg, nur wirke selbst die Nervosität bei ihm eben umgekehrt. „Wenn alles um mich herum hektisch ist, werde ich ganz ruhig, fast schläfrig. Das ist irgendein genetisches Missverständnis.“ Was dagegen ja kein genetisches Missverständnis ist: das Altern. Macht ihm das etwas aus, mit siebzig bald eine Art Rockopa zu sein? Nein, sagt Lindenberg sehr ernst, das mache ihm überhaupt nichts aus. Natürlich könnte man es halten wie Marlene Dietrich und sich irgendwann bewusst zurückziehen, um die eigene Legende zu sichern. „Aber ich hab mich eben entschlossen, die Legende zu leben.“
Das ist einer dieser Sätze, die man verstörend finden kann und für die ich Udo Lindenberg so liebe: Er spricht von sich selbst als Legende. Während die meisten anderen deutschen Prominenten ihre Sympathiewerte eng daran gekoppelt sehen, wie tapfer sie in Interviews beschwören, ganz bodenständig zu leben, hat er sich selbst zur Ikone erklärt. Und folgerichtig erzählt seine neue Platte auch genau das: Es geht nicht mehr um Aufstiegskampf und Niederlagendepression, sondern um die Weitsicht vom Gipfel. „Bin ja nicht umsonst all die Jahre den steilen Weg zum Rockolymp hochgekrabbelt.“

Jetzt plötzlich benutzt Lindenberg ernste, schwere Bilder: der Vogel mit dem nassen Gefieder, die geschundene Seele, der Phönix, der aus der Asche gestiegen ist. Aus ihnen klingt Stolz, aber auch die Schmähung vergangener Zeiten. Seit seinem Erfolgscomeback 2008 mit „Stark wie zwei“ sind sich alle einig, dass er wieder da ist. In Wahrheit aber war er ja nie weg. Gut, zwanzig Jahre, zwischen Anfang der 90er und Mitte der nuller Jahre, hatte er größtenteils im Beiboot der deutschen Popkultur verbracht, sedierte da alkohol- und depressionsverlottert vor sich hin, durfte nur ab und an mal für Bühnenjubiläen und Branchenfeste rüber aufs Hauptdeck. Und trotzdem hat er zwischen 1971 und 2000 fast jedes Jahr ein Album veröffentlicht. Die Figur Udo Lindenberg ist ihm zur neuen Hauswand geworden. Loslassen keine Option mehr.
Immer wieder singt er vor dem Greenscreen„Durch die schweren Zeiten“, die Nacht sickert langsam in den Morgen; Zeit, zu gehen. Am Ende der Halle drehe ich mich noch einmal um. Von hier sieht Lindenberg genauso aus, wie ich ihn schon immer kannte, Hut, Sonnenbrille, Fußspitzen-Trippel-Trippel. Und das ist das Allerschönste, die eigentliche Sensation: Udo Lindenberg ist Udo Lindenberg. Er ist eine Ikone. Und einer Ikone braucht man keine Fragen mehr zu stellen, nicht weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil die Ikone immer nur durch ihr Werk antwortet.

Seine unbekümmerte Easy-Sicht auf die Welt, das Angebot, mit ihm und seiner Musik den Tag zu längen bis tief in die Nacht und dort neue Geschichten zu finden, ist Lindenbergs eigentlicher, ist sein großer Dienst am Publikum. Er hat sich nicht zufällig irgendwann in der Zeit verheddert. Sein Leben als Comicfigur in der Unwirklichkeitsdimension der Nacht ist eine bewusste Verweigerung gegenüber den Zwängen, die jedes Tagesgeschäft diktiert, und damit eine ebenso bewusste Hinwendung zur Kunst.

Und als das Land ein paar Wochen später, die Dreharbeiten sind längst vorbei, wieder einmal kollektiv durchdreht, weil die Uhren von Winter- auf Sommerzeit umgestellt werden und reihenweise Biorhythmen kollabieren, liege ich in meinem Bett und habe gute Laune. Es ist zwei Uhr nachts und ich stelle mir vor, wie im Hotel Atlantic ein Mann mit Hut und Sonnenbrille gerade seine Laufschuhe bindet, mit Eierlikör ein Bild malt oder den Text zu einem neuen Lied summt, das mir in ein, zwei Jahren die Nächte retten wird. Eine gute Vorstellung. Und das reicht ja schon.


Dieser Text ist in der Ausgabe 06/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen. Eine Übersicht der »Kaufen«-Kolumne findet ihr hier.