Zuhause Prügel, Knabe!

Zuhause: Prügel, Knabe!

Es heißt, Thaiboxer würden auf die Muskelzuckungen ihrer Gegner ­achten, um so deren Angriffe vorauszuahnen. Vielleicht wird das in den nächsten Mi­nuten mein Vorteil sein: An meinem Körper zeichnen sich kaum Muskeln ab. Ich bin, so gesehen, unberechenbar.

Andererseits hat mein Gegner Thanapol mich in den vergangenen Tagen trainieren sehen, und was er da mitbekommen hat, dürfte ihn mitleidig gemacht haben. Thanapol klopft mir auf die Boxhandschuhe, einmal von oben, einmal von unten. Sein Blick: so, wie Thaiboxer schauen, bevor sie ihre Kontrahenten bewusstlos schlagen. Ich versuche noch einmal, mich an das Gelernte zu erinnern. Dann beginnt Thanapol, auf seinen Fußballen zu tänzeln, und ich brülle mir innerlich zu: Los, Mensch, kämpf!

Der Grund, warum ich nach Thailand gekommen bin, ist einfach: Ich habe mich noch nie geprügelt. Die einzigen Gewaltakte, an die ich mich erinnern kann, fanden in der vierten Grund­schulklasse statt. Damals gab es ein Spiel: Wir Jungs rannten über den Pausenhof und griffen uns gegenseitig in den Schritt. Wir nannten das Sackeln. Nach erfolgreicher ­Attacke schrien wir: »In den Sack!« Seitdem: nichts. Nicht mal, als mir ein Australier auf dem Oktoberfest singend in den Maßkrug ­pinkelte, schlug ich zu. Vor wenigen Monaten saß ich mit zwei Kolleginnen im Taxi. Der Fahrer drohte mir Schläge an, weil eine der beiden ihre Füße auf seiner Rückenlehne abgestützt hatte. Der Fahrer lenkte sein Auto schon in eine Sackgasse, um ungestört prügeln zu ­können – als Mann habe ich der Schlägerei ­natürlich zugestimmt. Obwohl ich nicht mal weiß, wohin im Gesicht man eigentlich schlägt. Mein Glück war, dass die andere ­Kollegin so tat, als riefe sie die Polizei. Ich kam davon. In diesem Moment schwor ich mir: Ich muss kämpfen lernen. Ich will mich wehren können. In Thailand ist der vielleicht härteste Kampfsport der Welt beheimatet: Muay Thai. Der Kampf der acht Waffen: Knie, Beine, Ellbogen, Fäuste. Kopfschutz trägt man hier keinen.

Es ist ein Uhr mittags, 38 Grad in einem Bangkoker Slum. Das Camp »96 Penang« setzt sich aus elf Boxsäcken, einem Boxring und einem Spiegel zusammen. Um dieses Ensemble ­he­rum steht ein Zaun. Wenn man nach oben schaut, sieht man auf die Unterseite einer Autobahnbrücke. An den Wänden: Zeitungsausschnitte und Fotos, die vermutlich Heldengeschichten erzählen. Ich sehe Fotos von ­Boxern, die bluten, und von Boxern, die noch mehr bluten. Die rote Muay-Thai-Hose, die ich trage, habe ich mir am Vorabend für fünf Euro bei einem Straßenhändler gekauft. Jetzt ist sie mir peinlich. Ungefähr ein Dutzend Thais trainieren. Wie Tipp-Kick-Figuren können sie ihre Beine aus dem Stand gegen die Boxsäcke schnalzen lassen. Keine Ahnung, wie ich in wenigen ­Tagen gegen einen von ihnen kämpfen soll. Die jungen Boxer sind alle von ähnlicher ­Statur: nur Haut und Knochen – und dazu Muskeln, die klein und schmal sind wie ­Heringe. Diese Muskeln ummanteln dafür ihren gesamten Körper.

Ein mittfünfzigjähriger Thai watschelt langsam auf mich zu und gibt mir die Hand. Er hat sein T-Shirt so zusammengebunden, dass sein runder praller Bauch freiliegt. Seine Zähne ­haben die Farbe von Kautabak. Der Mann ist mein Trainer, sein Name ist Kraisuwit, ein ehemaliger Champion. An einem Biertisch sitzen drei ­weitere ältere dickbäuchige Thais und beobachten ihre Kämpfer. Ich erfahre, dass einer der Alten, ein 75-Jähriger, 1989 im Genre­klassiker »Karate Tiger 3 – der Kickboxer« mit Jean-Claude Van Damme in Minute 31 kurz als Trainer auftrat. Unglaubliche Vorstellung, wenn man ihn jetzt sieht.

Ich bekomme Boxhandschuhe. Mein Trainer Kraisuwit sagt zuerst: »Du musst lernen, deine acht Waffen zu benutzen.« Er trägt Lederpolster an den Unterarmen und ein großes Polster um die Hüfte. Ich erwarte, dass er mich jetzt weiter in die Philosophie des Muay Thai einführt, doch dann hebt Kraisuwit seinen linken Unterarm unvermittelt vor sein Gesicht und schreit: Yap! Heißt: Ich soll boxen. Mit der Rechten. Pow! Es knallt. Wow. Und noch mal: Yap! Diesmal mit der Linken. Ein wunder­bares, sattes Geräusch. Geht doch, denke ich. Jetzt hält er beide Unterarme links neben ­seinen Kopf. Dort soll ich hineintreten. Sein Kommando: Tiieeeep! Ich komme nur auf Bauchhöhe, obwohl der Mann nicht größer sein kann als 1,55 Meter. Er schreit noch mal: Tieeeep! Ich schaffe es nicht weiter nach oben. Trainer Kraisuwit dreht mir kommentarlos den Rücken zu und geht. War’s das? Nein. Er kommt zurück mit einer Peitsche in der Hand.

Tieeeep! Ich komme diesmal ein bisschen ­höher, trotzdem lässt er die Peitsche zur Strafe auf meinen Schienbeinen explodieren. Tieeeep! Peitsche. Tieeeep! Peitsche. Und dann ein ­neues Kommando: Knee! Ich soll mein Knie in seinen Hüftschutz rammen. Vier, fünf Mal hintereinander. Bamm, bamm, bamm, bamm. Im Hintergrund kichern ein paar sehr junge Kämpfer. Mein Anblick amüsiert sie offenbar. Die Ansagen des Trainers kommen immer schneller hintereinander: Yap, yap, knee, tieeep, knee, knee, yap, yap, yap, yap! Nach fünfzehn Minuten bin ich vollkommen fertig. Aber es macht auch unglaublich Spaß. Mir kommt es so vor, als ob ich schnell lerne. Allerdings schnauzt mein Trainer mich dauernd an. Nach zehn Minuten Pause die nächste Einheit. Ernüchternd. Ich trete, doch offenbar so langsam, dass Kraisuwit problemlos mit seinen Armen mein Bein zu greifen bekommt und festhält. Er zieht mich durch die Gegend, ich hopple auf einem Bein hinterher. ­Er lacht.


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