Liebe Florian David Fitz im Portrait: Der Unfreie

Liebe: Florian David Fitz im Portrait: Der Unfreie
Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Januar 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in derNEON-App.

Berlin, Sony-Center, Premiere des Kinofilms »Die Vermessung der Welt«: Seit einer halben Stunde kämpft sich Florian David Fitz über den roten Teppich, als er vor einem kleinen Jungen stehen bleibt und die Fassung verliert. Man merkt das nicht sofort, das heißt: Fitz sieht eigentlich aus wie immer. Sein Lächeln kann er beliebig lang halten, ohne dass er verkrampft. Es ist das Lächeln einer Puppe. Fitz trägt einen lilafarbenen Rollkragenpullover unter einem schmalen, perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug. Auffällig ist nur, dass Fitz auf diesen Jungen etwas kühl reagiert, ihn nicht am Kopf tätschelt oder in die Knie geht, um den nahbaren Star zu geben. Was eigentlich sein Job ist heute Abend, er ist der Hauptdarsteller des Films, und die Premierenberichterstatter schätzen es ja immer, wenn ein Star sich bei den wartenden Fans »von seiner persönlichen Seite« zeigt. Der Junge streckt Fitz eine Grußkarte entgegen – und zittert. Fitz’ Manager steckt sie ein. Hinter dem Jungen steht seine Mutter. Fitz erkennt sie. Zweimal schon hat sie ihm aufgelauert, hat auf den Treppen vor seiner Wohnung gewartet, eine Stalkerin. Sie ließ mal einen Freund bei Fitz’ Manager anrufen, der dann erzählte, dass sie von Fitz schwanger sei. Kann also gut sein, dass für sie in diesem Augenblick eine Familie zusammentrifft.

Einige Sekunden später, auf einer Rolltreppe im Inneren des Kinos, außer Sichtweite der Kameras, beginnt Fitz zu fluchen. »Scheiße, was macht die hier?«, fragt er seinen Manager, der die Grußkarte aufklappt und Fitz den Milchzahn des Kindes zeigt, den die Mutter in die Karte geklebt hat. Schon in den ersten Stunden, die man mit Fitz verbringt, ahnt man, welche Ausmaße der Wirbel um den Schauspieler angenommen hat. Ein Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt, hat ihm am roten Teppich einen Liebesbrief zugesteckt, Minuten vor der Stalkerszene. Auch diesen Brief hat Fitz seinem Manager kommentarlos in die Hand gedrückt, offenbar Routine. Wenn man mit Fitz unterwegs ist, denkt man fast zwangsläufig an die Neunzigerjahre, an Take-That-Zeiten und an Poster in Teenagerzimmern.

Fitz sieht wirklich gut aus, doch das trifft auch auf viele andere Schauspieler zu, und die werden nicht so angehimmelt wie er. Woher also kommt der Hype? Rückblick auf die Fernsehserie, die ihn berühmt gemacht hat, zumindest unter Fernsehzuschauern: »Doctor’s Diary«. In ihr spielt Fitz die Rolle des von Frauen umschwärmten Oberarztes Marc Meier. Dass er unwiderstehlich attraktiv ist, stand damals schlichtweg im Drehbuch. »Weil die Frauen in der Serie lange genug spielten, dass ich so toll sei, glaubten das die Zuschauer eben auch.« Fitz will damit sagen: Sein Frauenschwarmimage beruht auf Illusionen, ein paar Zeilen in einem Drehbuch.

Doch das allein ist es nicht. Es wirkt eher so, als arbeite er auch heute noch an seiner Rolle als Frauenschwarm, auch wenn das jemandem peinlich sein muss, der besonders uneitel wirken will und es vielleicht auch ist. Eine typische Fitz-Bewegung geht so: Finger nass machen und von vorne nach hinten durch die Haare fahren. Das macht er vor Filmaufnahmen. Und für das Fotoshooting mit NEON am Starnberger See bei München zieht er sich ein weißes Hemd an und lässt den untersten Knopf offen, sodass man fast seinen Bauchnabel sieht.

Seit »Doctor’s Diary« ist natürlich viel passiert, vor allem kam mit »Vincent will Meer« sein Kinodurchbruch, ein Film, für den er das Drehbuch selbst schrieb und sich die Hauptrolle gab. Schauspielerisch war das eine Weiterentwicklung, klar. Er spielt einen Behinderten, einen jungen Mann, der am Tourettesyndrom leidet, und dafür bekam er den Deutschen Filmpreis. Für Schauspieler ist so ein Kritikerpreis oft der Anlass, sich von alten Rollen zu distanzieren wie von einer Jugendsünde. Sie sagen dann gerne, sie hätten sich »freigespielt«. Bei Fitz scheint es nicht nur äußerlich so, als hätte er sich zu einem Bruch mit früher noch nicht durchgerungen. Einmal, als ein Mädchen am Thierschplatz in München ihn anspricht: »Du bist doch der von ›Doctor’s Diary‹!«, antwortet er einigermaßen schroff: »Aber das ist doch schon echt lange her.« Auf der anderen Seite wäre er, wie er später sagt, durchaus bereit, bei einem »Doctor’s Diary«-Kinofilm mitzuspielen.

Sollte ihm wirklich nicht klar sein, wie sein Image trotz schauspielerisch ambitionierter Rollen auch heute noch aussieht – spätestens am Ende der langen Interviewtage, die er lächelnd und scheinbar gut gelaunt durchsteht, müsste er Bescheid wissen. Typische Journalistenfragen an Fitz lauten: »Würden Sie sich gerne von einer Frau erobern lassen?« »Wie bringt sich eine Frau denn beim Date ins Aus?« »Haben Sie die große Liebe gefunden?« Fitz antwortet mit Allgemeinplätzen, immer. Man spürt, wie sehr ihn die Fragen nerven. In einem Interview mit der »Bild«, das er zusammen mit August Diehl und Alexander Fehling geben muss, geht es so weit, dass Fehling irgendwann anmerkt: »Florian hat noch nichts gesagt«, und Diehl ergänzt: »Du schaffst das ganz gut, dich hier durchzumogeln.« Was die »Bild« wissen wollte, war, ob Fitz sich Kinder wünscht. Was Fitz sich wünscht, ist Erfolg, und Zeitungsinterviews zu Filmstarts sind wie kostenlose Werbeanzeigen.

Ihm ist klar, was jedem Star klar ist: Die Presse will möglichst viel über sein Privatleben erfahren. Er würde wohl auch darüber reden, glaubt aber, dass es seiner Karriere schaden würde, wenn alles bekannt wäre. »Sobald du zu viel über einen Schauspieler weißt, wird es schwierig. Er verliert sein Geheimnis. Du musst möglichst neutral bleiben, damit sich die Leute verschiedene Rollen mit dir vorstellen können.« Und dass Fitz wirklich ständig daran denkt, wie er rüberkommt, dass er einerseits kumpelig wirken und andererseits nichts wirklich Privates erzählen will, das wird klarer, je mehr Zeit man mit ihm verbringt. Nicht viel an den Gesprächen mit ihm scheint authentisch. Eher kontrolliert. Es ist einem unangenehm, ihm direkte, private Fragen zu stellen, auch wenn sie noch so harmlos sind. Am Filmset in München lädt er in seinen Schauspielerwohnwagen ein, macht die Jalousien zu und zieht sich um, zwischendurch steht er nur noch in Unterhose da. Eigentlich eine intime Situation, die man nur mit Freunden oder Partnern erlebt. Wenn man ihn dann aber fragt, ob er eine Beziehung führt, schaltet er in den Ausweichmodus.

Nach der Premiere von »Die Vermessung der Welt« kommt eine junge Schauspielerin zu Fitz und erzählt, dass sie und einige Kollegen noch tanzen gehen wollen in Berlin. Sie fragt nicht einmal, ob Fitz mitgehen möchte. Man kann sich auch nicht vorstellen, dass ein so beherrschter Mann mit Kollegen feiernd durch die Stadt ziehen würde. »Meine Schauspiellehrerin hat mir beigebracht, dass es beim Spielen einen Unterschied gibt zwischen persönlich und privat: Spiele persönlich, aber niemals privat. In Interviews ist es genauso. Ich kann persönlich sein in meinen Antworten, aber privat ist zu viel. Es braucht ein Geheimnis.« In seiner Logik muss sich ein großer Kinoschauspieler zwischen einem freien Privatleben und seiner Karriere entscheiden. Er hat seine Entscheidung getroffen. Sie macht ihn unfrei.

Wenigstens sind die Filme gut, für die er diesen Aufwand betreibt. »Die Vermessung der Welt« und seinen neueren Film »Jesus liebt mich«, der in diesen Tagen in den Kinos läuft, verbindet etwas, eine ironische Heiterkeit. Das klingt banal, ist aber gerade bei »Jesus liebt mich« eine echte Leistung. Es ist der erste Film, bei dem Fitz mitgespielt, das Buch geschrieben und auch Regie geführt hat. Die Geschichte klingt bizarr: Jesus (gespielt von Fitz) kommt auf die Erde, und Jessica Schwarz verliebt sich in ihn. Und auf einmal hat die Liebe der beiden Auswirkungen auf die nahende Apokalypse.

Die größte Schwierigkeit bei diesem Film ist, die Sprünge zu meistern zwischen den derben, oft bewusst trashigen Comedyszenen und einer rührseligen Liebesgeschichte, ohne dass der Film dabei auseinanderfällt. Mal weint Jessica Schwarz, weil sie Liebeskummer hat, mal versucht Jesus, nachts mit ihr in einem See baden zu gehen, bemerkt aber, dass er auf Wasser nur stehen und deshalb nicht zu ihr runterkommen kann. Weil die Dialoge immer ein wenig ironisch klingen, ist es fast nicht möglich, einzelne Szenen doof-übertrieben oder zu melancholisch zu finden. Fitz ist wirklich gut darin, diese leichten Dialoge zu schreiben. Und er ist bereit, sie am Set noch zu ändern, wenn sie in seinen Ohren zu bedeutungsschwanger klingen.

München, Besuch am Set eines von Fitz mitgeschriebenen Films, der erst in einigen Monaten in die Kinos kommt. Er heißt »Da geht noch was«. Henry Hübchen, der auch in »Jesus liebt mich« dabei ist, spielt Fitz’ Vater. In einer Drehpause sitzen Hübchen und Fitz an einem Restauranttisch und besprechen eine Szene, die sie gleich spielen sollen. Fitz trägt eine blaue Chinohose und einen grünen Fleecepullover. Hübchen ist fast dreißig Jahre älter als Fitz, auch der Regisseur des Films sitzt am Tisch. Trotzdem hat Fitz die dominante Rolle: »Henry, lass uns das bitte noch mal versuchen.« »Ich finde es nicht gut, wenn ich an dieser Stelle so mit der Energie runtergehe.« »Man merkt dem Dialog noch so etwas Rumpeliges an.«

Ein Schauspieler mit Drehbuch- und Regieerfahrung kann an einem Filmset eine sehr unangenehme Erscheinung sein. Ein Besserwisser, ein Streber. Fitz aber strahlt etwas -Bodenständiges aus. Das liegt nicht nur am direkten Vergleich mit Henry Hübchen, dem Exzentriker. Es liegt einfach an seinem Selbstbewusstsein. Hübchen arbeitet seit mehr als vierzig Jahren als Schauspieler, doch eine besonders große Ehrfurcht ist bei Fitz nicht zu erkennen. Das Angenehme daran ist, dass sein Durchbruch erst vier Jahre zurückliegt: Er ist bestimmend, aber nie herrisch. Keine Diva, sondern ein Arbeiter am Set. Es gibt Schauspieler, die gut daran tun, sich über ihr Privatleben bedeckt zu halten, weil sonst jeder sähe, wie unsympathisch sie sind. Fitz hat kein Charakterproblem, er ist verschwiegen, weil er sich so entschieden hat. Er könnte nicht kontrollieren, wie gut er ankäme und bei wem.

Die Karriere, die er dabei verfolgt, ist eher am Kommerz orientiert als an der Kunst. Fitz gehört neben Matthias Schweighöfer und Til Schweiger zu den wenigen deutschen Schauspielern, die auch Regie führen. Wenn er über das Filmgeschäft spricht, geht es oft um »den Til« und »den Matthias«. Mit ihren romantischen Komödien wie »What A Man« und »Kokowääh« spielen die beiden in einer eigenen Millionen-Zuschauer-Liga. Wenn »Jesus liebt mich«, auch eine romantische Komödie, in diesen Tagen ein Erfolg wird, ist Fitz auf einen Schlag einer der drei Großen in Deutschland.

1,2 Millionen Zuschauer sahen 2010 »Vincent will Meer«, was auch daran lag, dass der Film in ein Frühsommerloch fiel. Er startete so gut, dass ihn die Kinobetreiber einfach länger als vermutet in den Kinos laufen ließen. Auch das war ein Grund für die sehr hohen Zuschauerzahlen. »Jesus liebt dich« wird es jetzt schwerer haben. Er tritt gegen »Der Hobbit« an. Und drei Wochen nach dem Start kommt »Der Schlussmacher« in die Kinos. Eine romantische Komödie. Regie: Matthias Schweighöfer. Im größten Kino Deutschlands wird Fitz seine Premiere feiern. Wieder der rote Teppich und Dutzende Journalisten, die ihn fragen werden, wie es sich anfühlt, für Frauen ein Sexsymbol zu sein. Fitz wird lächeln.


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