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Liebe: Gemeinsam Zweisam

Liebe Paare,

was tut ihr eigentlich miteinander? Womit verbringt ihr diese vielen Stunden, die ihr euch nach Feierabend, am Wochenende und in den Ferien füreinander freischaufelt? Macht ihr tolle, verrückte, besonders spannende (oder entspannende) Dinge?

Die freie Zeit dafür jedenfalls hättet ihr. Unsere Generation hat so viel davon zur Verfügung wie keine andere zuvor: Knapp vier Stunden pro Werktag, sagt eine aktuelle Statistik der Stiftung für Zukunftsfragen. In den letzten 65 Jahren hat sich die durchschnittliche Arbeitszeit von 48 auf 38,4 Wochenstunden reduziert und der Urlaubsanspruch parallel von neun auf 30 Tage verdreifacht. Menschen, die eine Beziehung haben, verbringen diese Stunden statistisch gesehen am liebsten mit dem Partner. »Zeit zu Zweit ersetzt bei Paaren einen Großteil der Aktivitäten, denen sie als Single gerne nachgegangen sind und ist damit die Freizeitaktivität schlechthin«, sagt Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen.

Aber ist diese Freizeit wirklich so aktiv? Selten. Im Regelfall gilt: Das Paar ist eine träge Masse. Es wird in Beziehungsfreizeiten erstaunlich viel gelegen. Beim Fernsehen, beim Quatschen, beim Surfen im Internet, beim Telefonieren, beim Sex. Bewegung erzeugen eigentlich nur die Paar-Klassiker: zusammen kochen, spazieren gehen, ab und an verreisen. So versanden die meisten Abende im »Jetzt hat Netflix schon wieder die Verbindung verloren«- und »Haben wir noch Thymian?«-Sand.

Ist das bloß die gewünschte Erholung vom stressigen Bürotag? Oder werden wir, wenn wir Paar werden, automatisch langsamer, gemütlicher – Achtung, schlimmes Wort – häuslicher? Setzt der Paar-Status unseren doch sonst so großen Drang nach Selbstverwirklichung einfach aus? Für eine Zeit? Für immer? Und sollte uns das nicht beunruhigen?

Fragen, die ich in meiner aktuellen NEON-Titelgeschichte nicht nur Experten gestellt habe, sondern auch Paaren. So wie diesen drei. Sie teilen eine Leidenschaft, mit der sie ihre gemeinsame Zeit sinnvoll nutzen. Und durch die sie dauernd Neues miteinander erleben – und dadurch immer etwas zu besprechen haben.

Was denkt ihr: Sind sie dadurch bessere Paare? Hat ihre Liebe mehr Chance auf Haltbarkeit?

Und wie ist es mit euch? Teilt ihr mit eurem Partner ein gemeinsames Hobby, ein Faible, einen Spleen? Oder macht jeder sein eigenes Ding und auch das ist okay? Erzählt es uns!


Jennifer, 25, Grundschullehrerin und Kevin, 26, Informatiker
Zusammen seit: 5,5 Jahren
Geteilte Leidenschaft: Kreuzfahrten

Jennifer: Vielleicht machen wir uns mit unserem Hobby zu Außenseitern, weil andere Leute in unserem Alter es spießig oder irgendwie snobistisch finden – aber wir lieben Kreuzfahrten!

Kevin: Bei uns dreht sich mittlerweile fast alles darum. »Kreuzfahrte.de« ist die Startseite auf unserem Computer, seit wir vor etwas mehr als einem Jahr unsere erste Mittelmeerkreuzfahrt über Barcelona und Marseille gemacht haben. Dabei sind wir auf den Geschmack gekommen. Alles ist so prunkvoll und edel. Das Essen ist super. Und wir lieben die Unterhaltungsangebote, vom Krimidinner bis zur Broadwayshow. Wir schauen fast täglich nach neuen Routen und günstigen Angeboten.

Jennifer: Sobald ein langes Wochenende ansteht oder es Brückentage gibt, planen wir eine neue Kreuzfahrt. Letztes Jahr haben wir insgesamt vier gemacht, die nächste – dieses Mal geht’s durch das arabische Meer – ist jetzt schon gebucht.

Kevin: Wenn wir mal nicht weg können, wie über Ostern, als Jenny für ihre Staatsexamensprüfung lernen musste, fragen uns Freunde, Kollegen und Verwandte schon: »Wie, wieso seid ihr denn nicht auf See?«

Jennifer: Wir sind schon berüchtigt als »die Kreuzfahrer«. Auch, weil wir uns so gut vorbereiten. Zusammen überlegen wir vor einer Reise ganz genau, was wir sehen wollen in den einzelnen Städten, erstellen Zeittabellen und suchen Bus- und Bahnverbindungen raus. Die Reise ist dadurch längst nicht mehr nur die Reise selbst, sondern auch all die vorfreudigen Organisationsstunden davor und die schönen Erinnerungen danach.


Alexander, 34 Jahre, Teammanager bei einem Reiseveranstalter und Jill-Catrin, 28 Jahre, Reiseverkehrskauffrau
Zusammen seit: 2009
Geteilte Leidenschaft: alte VW-Bullis

Alexander: Alles begann vor zwei Jahren. Da haben wir Urlaub in einem gemieteten Bulli gemacht. Für mich ein Kindheitstraum. Und Jill war glücklicherweise auch total begeistert von dieser Art des Reisens.

Jill-Catrin: Es war irgendwie direkt klar, dass das unser Ding wird. Als wir zurück auf Mallorca waren, wo wir beide im Tourismusbereich arbeiten, haben wir uns sofort einen eigenen Bus zugelegt und jeden Abend nach der Arbeit dran rumgeschraubt, neue Stoffe gekauft, die Küchenzeile ausgewechselt.

Alexander: Weil auch unsere Freunde und Bekannte nach ein paar Probetouren richtig begeistert waren, gehen wir das Ganze mittlerweile sogar professionell an. Wir haben jetzt drei Bullis, die wir an Urlauber vermieten. Um das alles vorzubereiten, haben wir im vergangenen Dezember beide unseren gesamten Jahresurlaub genommen.

Jill-Catrin: Das war wirklich anstrengend. Aber gleichzeitig schweißt es uns zusammen, weil wir gemeinsam etwas Eigenes schaffen. Ich bin sehr stolz auf uns.

Alexander: Man lernt bei dieser Art der Freizeitbeschäftigung ganz andere Seiten aneinander kennen. Ich habe zum Beispiel immer gewusst, dass ich eher der euphorische Typ bin und Jill die Besonnene, Realistische. Wie gut das eigentlich harmoniert, ist mir jetzt aber noch mal viel klarer.

Jill-Catrin: Wir haben während der Vorbereitungsphase wirklich eine Menge Tiefen erlebt. In dem Moment, als die erste Buchung reinkam, waren wir beide dann aber so wahnsinnig glücklich!

Alexander: Diese extremen Gefühle teilt man wahrscheinlich sonst nur selten miteinander.


Helena, 21 Jahre und Tim, 21 Jahre
Zusammen seit: Über einem Jahr
Geteilte Leidenschaft: Musik

Helena: Wenn man sich in der Disco kennenlernt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man beim ersten richtigen Date dann doch nicht viel miteinander anfangen kann natürlich groß. Bei uns war das anders. Wir haben sofort über Musik gesprochen. Es gab nicht eine peinliche Pause.

Tim: Beim zweiten Date haben wir dann sogar schon zusammen gesungen. Und kurz danach, im Sommer letzten Jahres, die ersten gemeinsamen Lieder aufgenommen und bei Youtube hochgeladen.

Helena: Für mich sollte die Musik ursprünglich zum Beruf werden. Ich hatte nach meinem Abi eine Ausbildung an der Stage School in Hamburg begonnen. Aber mir wurde schnell klar, dass das nicht die Art ist, wie ich meine Leidenschaft ausleben will.

Tim: Als ich Helena in Hamburg besucht habe, sind wir eines Mittags spontan in die Innenstadt gefahren und haben in der Fußgängerzone Musik gemacht – ich mit meiner Gitarre, Helena mit ihrer Stimme. Nach zwei Stunden hatten wir 90 Euro zusammen. Mittlerweile machen wir das auch bei uns zuhause.

Helena: Wir treten auch auf Geburtstagsfeiern und Hochzeiten auf und produzieren unsere eigenen Videos. Unser Ziel ist zwar nicht, eines Tages von der Musik zu leben. Aber wir stecken viel Liebe hinein. Anders geht es wahrscheinlich auch gar nicht, wenn man als Paar eine Leidenschaft teilt.


Die Titelgeschichte »Aufstehen 
für 
die Liebe« lest ihr in derAusgabe 06/15 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden.