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Liebe Love hates you!

Liebe: Love hates you!
Wie kaum eine Generation vor uns glauben wir an die große Liebe. Zugleich haben wir wenig Geduld. Dreißigjährige haben heute deshalb schon mehr schmerzhafte Trennungen hinter sich, als ihre Großeltern im ganzen Leben. Was macht das mit uns?

Protokolle:  | Fotos: Nora Klein / Carina Wendland

Nachdem meine erste Beziehung in die Brüche gegangen war, schwor ich mir: Das passiert mir im Leben nie wieder. Die Nächste heirate ich. Denn noch einmal in die Hölle einer Trennung hinabgezogen zu werden, das war keine Option. Ich war zwanzig Jahre alt. Heute bin ich dreißig. Vor wenigen Monaten habe ich meine vierte ernsthafte Beziehung beendet.

69 Prozent der 60-Jährigen, 87 Prozent der 45-Jährigen und 93 Prozent der 30-Jährigen haben sich schon mindestens einmal von einer großen Liebe getrennt. Bis wir dreißig sind, haben wir 3,6 Beziehungen hinter uns. Bei den heute 60-Jährigen sind es nur 2,7. In Worten: Es hat wohl noch nie eine Generation gegeben, die so früh im Leben so viele Trennungen durchlebt hat wie wir.

Soziologen nennen das, was wir da machen, »serielle Monogamie«. Klingt irgendwie praktisch, als hätten wir uns bewusst für dieses Beziehungsmodell entschieden. In Wahrheit ist es wohl eher eine selbstzerstörerische Monogamie. »Die Trennung gilt in der Psychologie als der zweitgrößte Stressfaktor des Lebens nach dem Tod«, sagt der Paartherapeut Mathias Jung, Autor von »Trennung als Aufbruch«. Um mit dem Tod fertigzuwerden, hätten Menschen immerhin religiöse und esoterische Rituale entwickelt. Und bei Trennungen? Manche schwören ja auf Eiscreme.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass uns das permanente Trennen einfach kaltlässt. Die Frage lautet eher: Welche Auswirkungen hat es auf uns? Macht es uns widerstandsfähiger oder doch eher kaputt? Beeinflusst es unsere Bindungsfähigkeit? Hinterlassen Trennungen sogar biochemische Spuren?

Liebe: Love hates you!

Julia, 30
»Nach vier gescheiterten Beziehungen weiß ich: Ein gemeinsames Klingelschild tötet alle Romantik. Natürlich weicht jede Verliebtheit irgendwann der Routine, aber Zusammenwohnen beschleunigt und verschlimmert diesen Prozess extrem. Man doktert nur noch am Alltag und am Haushalt rum, geht kaum noch aus und hängt stattdessen auf dem Sofa. Ich heirate bald, trotzdem werden mein Mann und ich nicht zusammenziehen. Er behält sein WG-Zimmer und ich behalte meine Sehnsucht und die Vorfreude auf jedes Treffen.«

Um all das zu beantworten, hilft es, sich erst mal das große Ganze anzusehen: unsere Liebesideale. Bei meinen Beziehungen war jedes Mal ich es, der sich getrennt hat. Ich habe das nicht leichtfertig getan, es war viermal ein Horror: Schuldgefühle, Abschiedsschmerz, innere Leere. Das liegt vor allem daran, dass ich bei allen vier Frauen dachte: Das ist sie, die große Liebe. Hätte man mich damals gefragt, wie lange unsere Beziehung halten werde, hätte ich geantwortet: bis zum Ende. Scheinbar bin ich nicht allein mit meiner Einstellung. NEON gab im vergangenen Herbst eine große Forsa-Studie in Auftrag: 67 Prozent der befragten 18- bis 35-Jährigen gaben an, mit ihrem aktuellen Partner für immer zusammenbleiben zu wollen egal was komme. Wenn wir lieben, meinen wir es ernst.

Eva Illouz, Soziologieprofessorin an der Universität Jerusalem, sagt, dass Liebesbeziehungen heute für einen großen Teil dessen verantwortlich sind, was wir als Selbstwertgefühl bezeichnen. Die Psychoanalytikerin Ethel Spector Person schreibt: »Nur wenn wir geliebt werden, werden wir von unseren Unsicherheiten erlöst, wird uns unsere Wichtigkeit garantiert.« Wir glauben also vor allem deshalb an die große Liebe, weil sie unseren Glauben an uns selbst stärkt.

Warum scheitern wir dann? »Respektlosigkeit. Keine Zärtlichkeit mehr. Keine gemeinsamen Projekte. Verrat. Unversöhnlichkeit«, fasst der Paartherapeut Mathias Jung die Gründe zusammen. Einer Studie der Partnerbörse Elitepartner zufolge steht »Die Partner haben sich auseinandergelebt« auf Platz eins der Trennungsgründe, vor »Die Partner sind einfach zu unterschiedlich« und »Geben und Nehmen sind nicht ausgeglichen«. Ich bin kein Anhänger von Studien, die von Onlinedating-Seiten durchgeführt werden, finde diese aber interessant. Und zwar weil sie zeigt, dass weiche Gründe ausschlaggebend sind für Trennungen. Nicht Fremdgehen. Sondern Fremdeln.

Liebe: Love hates you!

Jan-Frederic, 30

»Ich bin von meiner Exfreundin so traumatisiert, dass ich es nicht mehr schaffe, mich auf ernsthafte Beziehungen einzulassen. Wir waren zwei Jahre zusammen, und sie hat mich extrem kontrolliert und vereinnahmt: Damals ging ich kaum mit Freunden aus, weil sie das nicht wollte. Sie hat auch mein Notizbuch und meine SMS gelesen. Seit zweieinhalb Jahren bin ich nun Single, weil ich immer Panik bekomme, sobald jemand etwas Festeres will. In dieser Zeit habe ich fünf Frauen kennengelernt, mit denen ich mir eigentlich schon eine Beziehung hätte vorstellen können. Geklappt hat es nie. Ich fürchte, dass das für immer so bleibt. Mehr als lockere Affären kriege ich nicht hin.«

Am Anfang meiner zweiten Beziehung schenkte mir meine damalige Freundin das Buch »Und ich schüttelte einen Liebling« von Friederike Mayröcker. Wenn ich den ersten Absatz jetzt lese, kommt er mir kitschig vor, damals aber dachte ich: Ja genau, so muss sich Liebe anfühlen. Und wenn sie sich mal nicht mehr so anfühlt, lässt man es lieber bleiben. Er geht so: »Meine Nerven waren sehr aufgeregt, und Gertrude Stein sagt, in dem Gesicht stand dasz er, wenn er ein Stück Wiese angeschaut hatte, es immer ein Stück Wiese für ihn gewesen wäre, aber dann habe er die getroffen die er liebte, und wenn er dann auf ein Stück Wiese geschaut hätte, seien auf dem Stück Wiese Vögel und Schmetterlinge gewesen, die vorher nicht da waren, das also ist Liebe.« Unsere Beziehung hielt ein Jahr. So richtig vorgefallen war nichts. Wir hatten es einfach nicht geschafft, die Verwandlung hinzubekommen von anfänglicher Euphorie hin zu einer Art Beziehungsalltag. Wenn wir aber wirklich über Jahre mit unseren Partnern zusammenbleiben wollen, müssen wir wohl akzeptieren, dass diese Verwandlung zur Liebesbeziehung gehört. Für viele von uns ist die Verwandlung aber schon das Ende. Vorherrschend ist offenbar ein Glaube an die Disney-Liebe. Eine, die sich für immer toll anfühlt, die perfekt ist. Darunter machen wir es nicht. Und die Wirtschaft hat sich auf uns eingestellt. Onlinedating-Firmen leben davon, dass wir hohe Erwartungen haben und uns aufgrund enttäuschter Hoffnungen immer wieder trennen. An Bushaltestellen verspricht Parship, dass sich durch den Dienst »alle elf Minuten« ein Mensch verliebt. Die Botschaft: Du könntest einer von ihnen sein.

Liebe: Love hates you!

Rebekka, 25 und Matthias, 42

Rebekka: »Mein Exfreund war ein Hochstapler und hat mich ständig belogen. Er hat behauptet, er würde studieren, dabei war er längst zwangsexmatrikuliert. Auch Geschichten, die er über seine Familie erzählt hat, haben gar nicht gestimmt. Das hat mein Vertrauen so erschüttert, dass ich auch in meiner neuen Beziehung misstrauisch bin. Ich ertappe mich dabei, dass ich auf Kleinigkeiten achte: Mein Freund hat etwa seinen Studienplan am Regal hängen und benutzt einen Kugelschreiber mit dem Uni-Logo also scheint er wirklich zu studieren. Ich weiß, dass das blöd ist, aber es beruhigt mich.«
Matthias: »Rebekka bohrt viel nach und sucht nach Bestätigung dafür, dass das, was ich erzähle, auch wirklich stimmt. Ich muss mir oft bewusst machen, dass es ihr nicht darum geht, mich zu kontrollieren oder mir etwas zu verbieten. Sie muss aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen halt erst wieder lernen, einem Menschen zu vertrauen.«

Früher wurden Paare von stärkeren Zwängen zusammengehalten als heute. Geld und gesellschaftliche Erwartungen taten ihre Wirkung und machten viele Ehen zu lieblosen Höllen. Positiv betrachtet könnte man also sagen: Trennungen sind zum selbstbewussten Akt geworden ich trenne mich, weil ich es mir wert bin. Und wahrscheinlich gab es deshalb auch noch nie so viele verliebte Paare wie heute die anderen trennen sich eben. Auch in den Medien wird das Scheitern der Liebe gern als Chance gesehen. NEON hat vor drei Jahren eine Titelgeschichte veröffentlicht, in der es darum ging, welche positiven Auswirkungen Schlussmachen haben kann; »Vom Lieben gelernt« hieß der Text. Und er zielte vor allem darauf ab, dass Trennungen einem helfen, sich selbst besser kennenzulernen und dadurch zu einem besseren Partner zu werden.

Die Natur scheint diesen Selbstoptimierungsansatz aber eher nicht im Sinn gehabt zu haben. Der biochemische Trennungsmechanismus zielt mehr darauf ab, Paare zusammenzuhalten. Bei Trennungen schüttet das Gehirn die Sorte Stresshormon aus, die evolutionsbiologisch betrachtet einmal dazu gedient hat, ein verlorenes Muttertier wiederzufinden. Irgendwann, wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die Beziehung wirklich vorbei ist, fällt der Hormonspiegel wieder und eine Art Depression setzt ein. Darauf folgt eine Phase der Wut. Wenn alles gut läuft, kommt zum Schluss die Zeit der Zuversicht und der Wille zum Neustart. Die Anthropologin Helen Fisher und die Neurowissenschaftlerin Lucy Brown ließen Collegestudenten mit Liebeskummer Bilder ihrer Expartner betrachten und zeichneten dabei ihre Hirnaktivitäten auf. Die Forscherinnen erkannten, dass im Kopf vor allem die Bereiche aktiv waren, die für Stressverarbeitung zuständig sind, sowie das Belohnungssystem des Gehirns. Liebe wirkt wie eine Droge, die Trennung kommt einem Kokainentzug gleich, stellte Fisher fest. Die beruhigende Botschaft aber ist: Je länger die Trennung bei den Studenten zurücklag, desto schwächer waren die Reaktionen im Gehirn. Biochemisch gesehen verheilen die Trennungswunden also.

Und was ist mit unserer Psyche? Wird die erschüttert oder bleibt sie unberührt? Kirsten von Sydow, Autorin (»Systemische Therapie«) und psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg, sagt: »Durch das, was man erlebt, ändert sich die Bindungsfähigkeit. Die Kindheit aber ist die Zeit, in der das spätere Bindungsverhalten geprägt wird.« Für mich klingt das so, als könne einen als stabilen Erwachsenen dann nichts so schnell komplett aus der Bahn werfen. »Die Erfahrung gemacht zu haben, dass es auch nach dem schlimmsten Liebeskummer irgendwie weitergeht, hilft«, sagt von Sydow. Gut möglich also, dass serielle Monogamie viele von uns robuster macht.

Liebe: Love hates you!

Anil, 24
»Irgendwie wiederholt sich in Beziehungen doch immer alles. So viele Situationen, die ich mit meiner aktuellen Freundin erlebe, hatte ich auch mit meiner Ex. Die beiden sehen sich sogar recht ähnlich. Ich vergleiche dauernd: Was läuft besser, was schlechter? Eine Sache habe ich gelernt: Nichts ist perfekt. Früher wollte ich eine Freundin, weil ich dachte, das sei das Tollste überhaupt, heute weiß ich: Ohne Beziehung geht es auch.«

Diese Art Widerstandsfähigkeit aber kann auch kippen und zwar in Abgeklärtheit. Liebe ist immer auch Fantasie, sie lebt davon, dass wir uns in sie hineinsteigern, dass wir unser Gegenüber idealisieren und überhöhen. Man muss sich die Liebe auch vorstellen können. Das Problem ist: Wer schon eine Menge Beziehungen hat zerbrechen sehen, entwickelt eine Art Negativdrehbuch im Kopf. Anstatt den Partner romantisch zu überhöhen, begegnen wir ihm mit Skepsis. Wir glauben alles schon mal erlebt zu haben und denken bei Liebesgeschichten immer schon das Ende mit. Eine Freundin beispielsweise lernte neulich einen Mann kennen, der von sich sagte, er sei spontan und abenteuerlustig. Anstatt wildromantisches Kopfkino über einen Spontan-Roadtrip durch die Mongolei ablaufen zu lassen, dachte sie: Abenteuerlustig? Der Typ geht fremd.

Als ich vor wenigen Wochen eine Frau zu einem ersten Date in einem Café traf, kam es mir vor, als beobachtete ich die Szene vom Nebentisch aus durch eine Kamera. Wir stellten uns Fragen: Wo leben deine Eltern, wohin möchtest du als Nächstes reisen, was ist dir wirklich peinlich? Es war eine schöne Unterhaltung und doch dachte ich: Hier war ich doch schon mal. Das kenne ich schon. Ich weiß, wo das endet. Letztlich damit, dass ich irgendwann wieder hier sitze und jemand anderen date.

Doch vielleicht gibt es bei aller Abgeklärtheit einen Trost: Wir haben zwar vorgefertigte Liebesdrehbücher im Kopf. Diese Skripte betreffen aber nur uns selbst. Sie vernachlässigen, dass es in der Liebe ja immer noch einen Zweiten gibt, der uns überraschen kann. Der alles, was wir von Liebe zu wissen glauben, über den Haufen werfen kann. Der Film ist noch nicht abgedreht.

Die Frau und ich gingen auf ein zweites Date in ein Hamburger Restaurant. Nach zehn Minuten fragte sie mich, ob ich am nächsten Morgen mit ihr in den Urlaub fahren wolle. Nur eine kleine Frage, doch sie brachte etwas in mir ins Wanken. »Klar«, antwortete ich und merkte, dass ich für so eine Reise nun wirklich kein Skript im Kopf parat hatte. Ich war noch nie mit einer Fremden verreist. Neuland. Und plötzlich schien wieder alles möglich.

Hier geht’s zum Interview mit Peter Stamm, der in seinen Romanen gekonnt über moderne Beziehungen schreibt. Ohne Kitsch und Hysterie.

Dieser Text ist in der Ausgabe 08/15von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte der NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.


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