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Liebe: Schattenliebe

Wo alles rosarot sein sollte, sieht einer nur schwarz: Ist der Partner depressiv, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Zwei Paare und eine Frau erzählen.

Tim (39) und Anna (31) sind seit einem Jahr verheiratet

Tim: Heute Morgen habe ich Anna gefragt, ob sie mich in vier Wochen kirchlich heiraten will. Standesamtlich haben wir letztes Jahr schon geheiratet.

Anna: Um halb fünf hast du mich deshalb geweckt! Ich würde eigentlich lieber im Frühling heiraten…

Tim: Aber ich muss alles immer sehr spontan planen, weil ich nie vorhersagen kann, wie es mir an einem Tag in drei Monaten geht. Vor zwei Wochen bin ich aus der letzten Depressionsphase rausgekommen. Sie hatte zwei Monate gedauert. Die Chancen stehen also ganz gut, dass ich in vier Wochen nicht schon wieder depressiv bin. Bei unserer standesamtlichen Hochzeit war ich das leider. Wir haben nur im ganz kleinen Kreis geheiratet, und meine einzige Aufgabe war es, den Brautstrauß zu besorgen – ich habe das nicht hinbekommen. So ist das leider, wenn ich depressiv bin. Ich kann dann fast gar nichts mehr. Wir hatten zum Beispiel mal einen Hasen in Pflege. Ich stand vor dem Käfig, um ihn sauber zu machen, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte.

Anna: Ich stand daneben und musste mich zwingen, ihm nicht zu helfen. Wenn Tim depressiv ist, braucht er für Dinge, die er sonst in fünf Minuten schafft, eine Stunde.

Tim: Ich werde dann richtig kleinkindhaft und hänge wie eine Klette an Anna. Wenn sie aus dem Haus geht, fühlt sich das für mich an, als ob Mama mich alleine lässt und nicht wiederkommt.

Anna: Das ist sehr anstrengend. Aber am schwierigsten war für mich zu lernen, dass ich ihm in der Depression nicht alles abnehmen darf. Am Anfang der Beziehung hätte ich ihm am liebsten noch die Socken angezogen, weil ich ja gesehen habe, wie schlecht es ihm ging. Aber das ist falsch. Wenn ich alles übernehme, hat er nur noch stärker das Gefühl, dass er nichts mehr kann.

Tim: Das Schlimme ist, dass ich mich in depressiven Phasen immer mit Anna vergleiche. Sie schreibt zum Beispiel ab und zu Artikel oder fotografiert, und dann denke ich: Wieso kannst du das nicht? Es geht einem ja alles verloren. Ich kann plötzlich nicht mehr arbeiten, nicht mehr Klavier spielen, nicht mehr joggen. Ich kann mich dann oft gar nicht einordnen und frage mich: Bist du jetzt das Würstchen, das gar nichts mehr auf die Kette kriegt? Oder der beste Barpianist der Welt? Für den habe ich mich nämlich früher gehalten, als ich noch manische Phasen hatte. Da bin ich zum Beispiel in Irland von Hotel zu Hotel getingelt und habe in Bars und Pubs Klavier gespielt, zum Teil auch in Fünfsternehäusern. Als ich von dort zurückkam, habe ich eine Party gefeiert, am nächsten Tag meine zweite Ausbildung als Altenpfleger geschmissen, mein Keyboard ins Auto gepackt und bin nach Madrid gedüst. Zu einer Frau, die ich in Irland kennengelernt hatte. Ich bin zwanzig Stunden durchgefahren. Wenn man manisch ist, braucht man ja fast keinen Schlaf.

Anna: Seit ich ihn kenne, hat Tim zum Glück keine Manien mehr gehabt. Ich möchte ihn auch nicht so erleben, das macht mir Angst. Mit Depressionen kann ich besser umgehen, ich habe früher selbst darunter gelitten.

Tim: Für einen selbst sind Manien geil. Man fühlt sich wie auf Kokain. Aber für das Umfeld sind die Manien auf jeden Fall schwieriger zu ertragen als die Depressionen. Und der Absturz danach ist gewaltig. Nach einer Manie kommt immer eine Depression. Es ist, als ob man mit 180 gegen eine Wand fährt. Inzwischen bin ich aber medikamentös ganz gut eingestellt und habe keine extremen Ausreißer nach oben mehr.

Anna: Nur noch nach unten …

Tim: Stimmt, es ist so wie am Anfang, da hatte ich auch nur depressive Phasen. Begonnen hat alles in der Abiturzeit. Plötzlich fielen meine Leistungen in der Schule extrem ab. Alle sagten damals: »Ah, der hat Prüfungsangst.« Ich habe mein Abitur trotzdem irgendwie geschafft und eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Erst mit 27 bekam ich die Diagnose: manisch-depressiv. Geregelt arbeiten kann ich heute leider nicht mehr. Ich bin in Frührente. Dafür widme ich mich jetzt ganz meiner Musik, spiele in Bars und Hotels Klavier. Manchmal verdiene ich mir auch mit Gartenarbeiten etwas dazu.

Anna: Wenn es dir gut geht, arbeitest du oft zu viel.

Tim: Das Problem ist, dass ich nach einer Depression immer meine, ich müsste die letzten drei Monate, die ich verschenkt habe, irgendwie aufholen. Ich halse mir immer mehr und mehr auf. Wird der Druck dann zu groß, bricht alles zusammen.

Anna: Er kann nicht damit umgehen, Dinge tun zu müssen. So war das auch bei unserer Hochzeit. Den ersten Termin haben wir kurzfristig wieder abgesagt, weil Tim kalte Füße bekommen hatte.

Tim: Mir war das total unangenehm, weil ich dachte, jetzt glaubt die Frau, du liebst sie nicht mehr. Aber die Ehe ist ja auch so eine Verpflichtung. Du musst immer diese Frau lieben, zeit deines Lebens. Ich war einfach noch nicht so weit.

Anna: Ich war aber gar nicht sauer. Ich war froh, dass er sich nicht verstellt hat. Es ist wichtig, dass man ehrlich ist. Am Anfang habe ich mich zum Beispiel nicht getraut, Tim zu kritisieren, jetzt sage ich ihm, dass es mich ärgert, wenn er beim Duschen das Bad unter Wasser setzt. Ich packe ihn nicht mehr in Watte. Und so sehr ich Tim auch liebe: Ich grenze mich manchmal ab. Auch wenn es ihm total schlecht geht, muss ich mal etwas allein für mich machen. Ich setze mich dann einfach ins Auto und fahre weg, ein paar Stunden, manchmal auch ein, zwei Tage, und widme mich meinem Hobby, der Fotografie.

Tim: Ich muss versuchen, Anna mehr zu schützen. Wenn man allerdings richtig in der Depression drin ist, ist das schwer. Ich werde sehr egoistisch. Anna weist mich zwar immer auf meine »Krücken« hin, auf meinen Psychiater oder auf meinen Therapeuten. Aber sie ist eben immer die Krücke, die am nächsten ist.

Anna: Ich habe inzwischen auch einen Therapeuten – unter anderem, um mit einer außenstehenden, neutralen Person über unsere Beziehung sprechen zu können. Das ist extrem wichtig, sonst ist man selbst irgendwann ausgebrannt. Tims depressive Phasen dauern in der Regel ja zwei, drei Monate. Aber ich musste lange nach einem Therapeuten suchen, sogar im Umkreis von fünfzig Kilometern! Erst nach einem Jahr hatte ich endlich einen Platz. Es gibt in vielen Städten zwar nicht zu wenige Therapeuten, aber zu wenige mit einer Kassenzulassung.

Tim: Für depressive Menschen ist das viel zu lang! Das ist, als ob man zu einem Herzinfarktpatienten sagen würde: »Kommen Sie in ein, zwei Jahren wieder.« Ich will, dass sich das ändert, deshalb habe ich mit Anna die Initiative Thera-Now gegründet. Und ich hoffe, dass ich irgendwann lerne, an dem schwarzen Loch vorbeizugehen, das ich immer vor mir in der Ferne sehe und in das ich schon so oft gefallen bin. Irgendwann wird es vielleicht kleiner oder überwuchert, und bestenfalls kann ich irgendwann drübergehen.

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