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Betroffene berichten: "Mein Freund ist fremdgegangen – und es ist das Beste, was mir passieren konnte"

Fremdgehen als Chance? Was widersprüchlich klingt, kann tatsächlich passieren: NEON hat zwei junge Menschen getroffen, die betrogen wurden – und seitdem aus ganz unterschiedlichen Gründen ein besseres Leben führen. Hier erzählen sie uns ihre Geschichten.

Fremdgehen

Wenn Menschen fremdgehen, wird zumeist mindestens einer verletzt – aber manchmal nimmt die Angelegenheit auch eine überraschende Wendung

Ante*, 29, aus München

Ich bin meiner Ex-Freundin bis heute dankbar, dass sie mich betrogen hat. Weil ihr Betrug für mich eine sexuelle Befreiung bedeutet hat, von der ich vorher gar nicht ahnte, dass ich sie dringend nötig hatte.

Aber von vorne: Jana und ich waren erst ein Jahr zusammen, als sie fremdging. Dafür gab es eigentlich keinen Grund: Ich war verliebt in sie wie am ersten Tag, und ich war mir sicher, ihr ging es genauso. Unser Sex war sensationell und wurde eigentlich immer nur noch besser. Seitdem weiß ich, dass dem Betrug nicht immer eine Flaute im Bett zugrunde liegen muss. Denn die gab es bei uns zu dem Zeitpunkt definitiv nicht.

Ich wusste allerdings auch nichts von Janas polygamer Neigung, denn sie hatte mir nie davon erzählt. Sie hat mir später gestanden, dass sie es mir aus Berechnung verschwiegen hatte: Eben weil sie in mich verliebt war und mich nicht verlieren wollte, denn ich wäre wohl nicht der Erste gewesen, den sie mit dem Vorschlag zur offenen Beziehung bereits vergrault hatte.

Fremdgehen: Kribbeln nach dem ersten Schock

Die Ironie an der Geschichte: Es war ihr Seitensprung, durch den ich mein Interesse an einer offenen Beziehung erst entdeckt habe. Als ich Jana zur Rede gestellt und sie mir schließlich erzählt hatte, wie ein angetrunkener Abend mit einem Arbeitskollegen ausgeartet war, spürte ich gleich nach dem ersten Schock plötzlich ein komisches Kribbeln.

Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr machte mich der Gedanke an Jana mit einem anderen Typen an. Vor dem inneren Auge lief plötzlich ein Porno ab, den ich nie für möglich gehalten hätte: Jana hatte Sex mit einem Unbekannten – und ich sah dabei zu. Obwohl ich vorher wirklich nie darüber nachgedacht hatte, fand ich die Vorstellung sofort wahnsinnig erregend.

Von Jana habe ich mich trotzdem sofort getrennt. Zwar bat sie mich aufrichtig um Verzeihung und ich habe ihr auch geglaubt, dass sie mich trotz ihres Fehlers immer noch liebte. Aber mein Vertrauen zu ihr war komplett zerstört.

Das ist eigentlich das Traurige daran: Hätte sie mir nicht verschwiegen, dass sie gerne mit anderen Männern schlafen, mich aber nicht verlieren wollte, hätte ich meine Neigung wahrscheinlich früher entdeckt. Und zwar einfach nur deshalb, weil wir offen miteinander geredet hätten.

Eine offene Beziehung mit klaren Regeln

Inzwischen habe ich eine neue Freundin. Wir führen eine offene Beziehung mit klaren Regeln, die wir füreinander festgelegt haben. Ich spiele mit dem Gedanken, meine Freundin zu fragen, ob ich ihr mal zuschauen darf, wenn sie mit einem anderen Mann im Bett ist. Ich weiß nicht, ob das für sie okay wäre. Aber für mich wäre es okay, wenn sie Nein sagt. Ich möchte mir nur später nicht vorwerfen müssen, dass ich nicht gefragt habe. So wie Jana es heute wahrscheinlich immer noch tut.

Kerstin*, 25, aus Wiesbaden

Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen. Anders kann ich es nicht beschreiben. Es war zwar ein Schock, als ich merkte, dass Sam* mit einer anderen Frau schlief. Andererseits war es ein Schlag auf den Kopf, ohne den zu einem späteren Zeitpunkt alles nur in eine viel größere Katastrophe ausgeartet wäre.

Es gibt diese Phrase: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auf mein schreckliches Ende mit Sam trifft das auf jeden Fall zu. Heute sage ich: Okay, mein Freund ist fremdgegangen – aber es ist das Beste, was mir passieren konnte.

Warum? Weil ich dieses Gefühl des Betrogenwerdens gebraucht habe, um erwachsen zu werden. Vorher war ich in Beziehungsfragen wie ein Mädchen, für das dieses Ding mit der Liebe abläuft wie in einem Disney-Film. Mit meinem ersten Freund war ich über vier Jahre zusammen gewesen, bevor wir am Ende bloß noch gute Kumpel waren, die sich schließlich friedlich auseinandergelebt hatten.

Ich hatte es mir viel zu gemütlich gemacht

Und Sam war meine zweite Beziehung. Als rauskam, dass er fremdging, waren wir nicht nur seit über drei Jahren zusammen, sondern auch verlobt. Er war einige Jahre älter als ich, Anfang 30, und hatte mir immer versichert, den Rest seines Lebens mit mir verbringen zu wollen: heiraten und Kinder kriegen natürlich inklusive. Ich mache ihm deshalb heute keine Vorwürfe: Er hat wahrscheinlich selbst nicht gemerkt, dass er sich damit etwas vorgemacht hat.

Aber ich habe es eben auch nicht gemerkt und es mir in unserer Beziehung viel zu gemütlich gemacht. Mit Sam plätscherte alles so dahin, und davon ließ ich mich einlullen: Einmal im Monat gingen wir zu unserem Lieblingsitaliener, am Sonntag guckten wir "Tatort" im Jogginganzug, und der Sex war selten und unspektakulär – aber das war mir auch nicht weiter wichtig.

Ich kam mir einfach wie eine Königin vor. Sam hatte sich für mich entschieden, so dachte ich, und er würde der Mann meines Lebens sein. Ich war so geblendet von dieser Vorstellung und dem Gedanken an unsere bevorstehende Hochzeit, dass ich eindeutige Zeichen nicht bemerkte: dass er beim Feiern immer länger wegblieb, während ich auf der Couch einschlief; dass er plötzlich viel häufiger seine Eltern besuchen ging, obwohl er sich mit ihnen doch eigentlich ständig in den Haaren lag; und dass er noch weniger Lust hatte, mit mir zu schlafen, als ohnehin schon.

"Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken"

Aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass er mich betrügt. Weil er immer noch so nett war, weil er immer noch abends für uns kochte, weil er immer noch die Rechnungen im Restaurant übernahm, weil er mir immer noch überall die Tür aufhielt, und weil er mich immer noch regelmäßig in den Arm nahm und mir einen trockenen Kuss auf die Stirn gab. Wenn ich heute so darüber nachdenke, muss ich mich schon wundern, wie er es so gut geschafft hat, sich nichts anmerken lassen. Oder wie ich die Zeichen so schlecht deuten konnte. In meiner aktuellen Beziehung bin ich heute viel aufmerksamer – in jeder Hinsicht, aber ohne zum Kontrollfreak zu werden. Das war nicht leicht, aber inzwischen habe ich da eine gute Balance gefunden.

"Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken", hat meine Oma mir immer gesagt, als ich klein war. Damals habe ich nie verstanden, was sie damit gemeint hat. Seit Sam weiß ich es. Seit Sam bin ich erwachsen.

*Namen von der Redaktion geändert

Ruth Westheimer im Interview

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