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Trennung: In der Liebe sind wir alle gleich, im Liebeskummer nicht

Liebeskummer hat viele Begleiter und vermeintliche Tröster: Whiskey, Musik, Einsamkeit, Wut, Eskalation. Mit wem man sich einlässt, sollte man sich allerdings gut überlegen.

Liebeskummer

Wie lange man unter Liebeskummer leidet, ist auch eine Frage von Entscheidungen

Getty Images

Erst ist es laut in meinem Studentenzimmer, in dem Zettel und Bücher auf dem Boden liegen und Bilder in einer nur scheinbar wilden Ordnung an den Wänden hängen. Eine Frau mit Hut sieht beschämt an das untere Ende ihres Rahmens, während wir schreien und schnauben und Worte wie Munition durch die Luft schießen. Dann wird es ganz ruhig. Wir sitzen auf dem Rand meines Bettes und in die Stille schleicht sich ein Gefühl, das sich mit Flüchen und Vorwürfen nicht vertreiben lässt. Die Liebe ist weg. 

Vielleicht hat sie sich auf leisen Sohlen davon gemacht und zwei neue Wirte gefunden, mehr Ruhe im Haus, ein großer Garten für den Sommer. Vielleicht haben wir sie auch in einer stillen Ecke vergessen, in einer großen Stadt die wir mit zu viel Schutt beladen haben. Das Ergebnis ist das gleiche. Erst sind die Worte aus uns rausgesprudelt, jetzt bleibt nur noch ein Satz und als dieser gefallen ist, fällt auch meine hellhörige Altbau-Tür ins Schloss und die Dielen knacken im Hausflur. Ein leises Abschiedskonzert. 

Weltschmerz am Küchentisch

Eine Woche später sehe ich ihn der Stadt, ich bleibe stehen und wechsle die Richtung. Es ist zu früh. Die vergangenen Tage lag ich in verschiedenen Positionen auf meinem Bett, auf dem Boden, unter dem alten Apfelbaum in unserem kleinen Garten und hörte Musik. Damien Rice, Nat King Cole, Philipp Poisel, Coldplay, Ben Howard, Simon & Garfunkel, Bon Iver, Daughter. Liebeskummer kann ich. 

Zwischen Ikearegalen und geklauten Bar-Gläsern hat sich der große Weltschmerz an unseren Küchentisch gesetzt und lauscht meiner Mitbewohnerin und mir, während wir das Geschehene mit akribischer Genauigkeit auseinanderpflücken und neu zusammensetzen. An einem anderen Küchentisch zur gleichen Zeit, wird das gleiche auseinandergepflückt und anders zusammengesetzt. Und während ich ins Schmachten gerate (das Ende ist da, aber unsere Zeit war schön), wird einige Kilometer weiter ein Feindbild der besonders schlimmen Art gemalt, mit meinem Gesicht versehen und geschimpft. Mächtig geschimpft.

Liebeskummer und seine Rüstung

Der Sommer geht fast unbemerkt ins Land und als der Herbst die ersten dicken Pullis aus den Schränken lockt, hat sich mein Weltschmerz einen neuen Besitzer gesucht. Frauen trauern kurz und heftig, Männer wüten eine Weile, dann tun sie so, als wäre nichts passiert. Einige Monate später ist die Wut immer noch da und hat sich wie eine Rüstung um das rissige Ego gelegt. Dieses Phänomen zieht sich durch viele Trennungen in meinem Bekanntenkreis.

Wissenschaftler der Binghamton University in New York haben vor drei Jahren 5705 Männer und Frauen aus 96 Ländern zu ihrem Liebeskummer-Verhalten gefragt und kamen zu einem ähnlichen Schluss. Obwohl beide Geschlechter das fast identische Maß an psychischem Leiden angaben (Frauen durchschnittlich 6,84 von 10 Punkten, Männer 6,58), sind es am Ende meistens die Frauen, die mit unbequemen Fragen unter schweren Bettdecken verschwinden und im stetigen Rhythmus zum Taschentuch greifen.

Wut ist ein falscher Freund

Die Gegenüberstellung beider Geschlechter kommt mir veraltet und pauschalisierend vor – und ich glaube, genau sie ist das Problem. Das Bild vom starken Mann ist mindestens genau so überholt und hält sich trotzdem mit eisernem Griff an unseren Beziehungsidealen fest. Warum dürfen Frauen leiden und Männer nicht? Wut mag zwar auch ein Weg sein, mit Schmerz umzugehen, aber er ist lang und tückisch. Wenn wir wütend sind, überlagert diese Stimmung alle anderen Gefühle, wir beschäftigen uns nicht mit uns selbst, die unbequemen Fragen bleiben im Kopf, werden schwerer und richten sich ein.

Nach der Studie der Binghamton University führe die fehlende Aufarbeitung dazu, dass die meisten Männer zwar schneller ihren Weg in Bars und neue Beziehung fänden, aber länger an der Trennung litten als ihre ehemaligen Partnerinnen. Wut ist ein falscher Freund. Wenn die ersten Gegenstände an der Wand zerschellen, steht er klatschend daneben, und zu dem Zeitpunkt, an dem eigentlich Schluss sein sollte, seid ihr schon dicke Kumpel. Keine gute Idee.