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Meinung

Liebe braucht keine Demokratie: Hilfe - meine Freunde mögen meinen neuen Freund nicht! Und jetzt?

Schmetterlinge im Bauch, voller Hoffnung und felsenfest überzeugt: Unsere Autorin ist frisch verliebt – bis die Meinung ihrer Freundin Zweifel aufkommen lässt. Aber soll man seinen Freunden eigentlich immer sagen, wie man ihre Partner findet?

Von Lena Steeg

Zwei Freundinnen liegen auf einem Auto

Müssen wir Freunden immer sagen, wie wir ihre Partner finden? (Symbolbild)

Unsplash

Wir standen in der Küche, ich schwang mich auf die Arbeitsplatte, ließ die Beine baumeln. "Und, wie findest du ihn?", flüsterte ich. "Sehr nett" , flüsterte meine Freundin zurück und strich verlegen über die Kühlschranktür. "Ähm ja, und außer nett?" , hakte ich nach. "Er sieht auf jeden Fall gut aus", sagte sie.

"Ich möchte einen Freund der toll ist – so toll, dass auch meine Freundin ihn toll findet"

Ich weiß noch genau, wie enttäuscht ich war. Nett, gut aussehend, die Bewertung meines neuen Freundes klang wie das Kategorienspektrum von Singlebörsentexten: "Ich möchte einen Partner, der zu mir passt." Ja, klar, aber zuallererst möchte ich einen, der toll ist, und zwar so toll, dass meine Freundin weiß, wie toll ich ihn finde, und deshalb miteuphorisiert. "Sagen wir so" , sagte meine Freundin stattdessen, straffte den Rücken, schaute mir fest in die Augen, es würde jetzt also eine Ansage folgen: "Ich glaube nicht, dass er dein letzter Freund sein wird."

Ich erinnere mich daran, dass ich danach seltsame Sätze flüsterte über den Mann, der nebenan im Wohnzimmer saß. Ich sagte, dass es "jetzt gerade" aber sehr schön sei und dass man ja nicht immer wissen müsse, wohin so etwas läuft, und ich sagte extra nicht, dass er mir "guttue" , weil das wirklich nur Leute erwähnen, die irgendwann dem schrecklichen Missverständnis aufgesessen sind, andere Menschen seien eine Art Gefühlslieferant. Aber leider meinte ich es ein bisschen so.

Zu früh auf dem Boden der Tatsachen

Ich trennte mich recht bald und ich glaube, ich hätte damit noch eine Weile gewartet, wenn meine Freundin nicht so scharf in ihrem Urteil gewesen wäre. Sie hatte mich zu früh auf den Boden der Tatsachen zurückgeschubst.

Auf dem aber wächst keine Liebe. Die naive Zuversicht, die sich nicht von den Warnsignalen der Wirklichkeit beirren lässt, ist für den Beginn einer Beziehung wichtiger als jede kluge Analyse eines Freundes. Die nämlich befeuert immer nur den größten Gegenspieler, den Liebe heute hat: unser Misstrauen. Romeo und Julia mussten gegen die Fehde ihrer Familien anlieben, wir haben viel härtere Widerstände zu überwinden. Denn im Gegensatz zu zwei Pubertierenden mit naturgemäß unschuldigen Biografien verlieben wir uns in Menschen, die schon ein Kind haben oder eine Exehe oder einen engen Zeitplan aus Hobbys und Arbeit, die sich also in ihrem Leben eingerichtet haben, lange bevor sie uns trafen. Und natürlich sieht es für Außenstehende deshalb ständig so aus, als würde irgendetwas daran nicht passen.

Liebe ist keine Demokratie, wir müssen nicht abstimmen

Der Argwohn der anderen ist normal und deshalb zu verschweigen. Liebe ist keine Demokratie, es ist nicht notwendig, über sie abzustimmen. Der verknallte Mensch ist in dieser einen Hinsicht immer schlauer als der nicht verknallte: Er hat Hoffnung.

Dieser Artikel ist erstmals im September 2016 in der NEON erschienen.

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