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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Ausgewischt: Warum Tindern einfach furchtbar langweilig ist

In unserer Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben die NEON-Singles über alle Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute erkennt unser Autor, dass Tinder keineswegs die Lösung aller Singleprobleme ist.

Tinder-App auf einem Smartphone

Auf Tinder suchen Tausende nach der großen Liebe – oder was auch immer

Picture Alliance

Du bist Single? Dann ab zu Tinder. Die Dating-App ist zu so etwas wie einem Synonym für Partnersuche – zu welchem Zweck auch immer – geworden. Und sogar noch mehr: Das Konzept Tinder vereinigt quasi alles in sich, was unsere Millenial-Generation angeblich auszeichnet. Der Wunsch nach Unverbindlichkeit zum Beispiel, die Unfähigkeit zu direkter sozialer Kommunikation, Oberflächlichkeit und auch eine gewisse Abgebrühtheit, mit der wir alles um uns herum bewerten und nach seinem Wert für unser eigenes Glück abschätzen.

Mich hat Tinder nie interessiert. Die ganzen Geschichten, die man seit einiger Zeit überall liest und auch von manchen Freunden hört, von Matches und Swipes und Dates, verfolgte ich eher mit staunendem Befremden. Aber an einem einsamen, etwas verzweifelten Abend war es dann doch so weit: Ich wollte mal tindern.

Tinder: "Schrottwichteln für Singles"

Also lud ich mir die App herunter. Ich dachte noch an den Satz, den ich einmal in einer Facebook-Kommentarspalte gelesen hatte: "Tinder ist Schrottwichteln für Singles." Nur falls noch Zweifel an meiner Verfassung an jenem Abend bestehen sollten. Andererseits: Online-Dating ist mittlerweile so gesellschaftlich anerkannt, dass mir sogar meine Eltern schon dazu geraten haben – und das will wirklich etwas heißen. Also schnell mein bestmögliches Profilfoto hochgeladen und dann losgewischt.

Ich kenne Menschen, die wischen auf Tinder herum wie wildgewordene Putzfrauen. Und ja, ein wenig hatte ich auch die Befürchtung, dass ich jetzt, wo die Büchse der Pandora geöffnet war, ebenso wischwütig werden würde. Nach wenigen Minuten stellte sich heraus: Meine Sorgen waren unbegründet. Tinder langweilte mich einfach nur. Lustlos wischte ich mich durch Profilfotos von Frauen aus meiner Umgebung. Meistens swipte ich – wie der Tinder-Experte sagt – nach links, denn bei Tinder muss man noch nicht einmal "Nein" sagen.

Gesichter, die schreien: Los, bewerte mich nach meinem Äußeren!

Ein Gesicht nach dem anderen zog auf meinem Smartphone-Bildschirm an mir vorbei – Gesichter ohne Geschichte, ohne Stärken oder Schwächen, ohne irgendetwas, das ich über den dazugehörigen Menschen wusste außer Name, Alter und dass er sich gerade wohl zwei Kilometer von mir entfernt aufhält. Irgendwie ist mir das zu wenig. Natürlich war auch die eine oder andere Frau dabei, die mir gefallen hätte. Aber auch das ist ein Problem dieser Dating-Apps, die sich mehr oder weniger komplett aufs Aussehen beschränken: Die äußerlich schönen Menschen können sich vor Anfragen kaum retten – warum also sollte man es bei denen überhaupt versuchen?

Ich weiß, dass es bei Tinder auch die Möglichkeit gibt, eine Selbstbeschreibung anzugeben. Aber die ist erstens kurz, zweitens für die meisten Swiper nicht von Interesse, drittens bei vielen – meiner kurzen Erfahrung nach – nicht vorhanden. Bei einer App wie Tinder mitzumachen, schreit für mich geradezu: Los, bewerte mich nach meinem Äußeren! Und nach nichts anderem. Oberflächlicher geht es wohl kaum.

Es soll ja auch auf Tinder die großen Liebesgeschichten geben. Ich habe nach diesem Abend meinen Account wieder deaktiviert, es gab keinen Match, keinen Chat und und schon gar kein Treffen. Vielleicht habe ich etwas verpasst, was viele andere dort erleben. Aber es fühlt sich für mich nicht so an. Jedenfalls bis zum nächsten einsamen, verzweifelten Abend.

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