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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Die Romantik-Version des Job-Interviews: Ein Abgesang aufs erste Date

In unserer Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben die NEON-Singles über alle Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Diesmal kann unsere Autorin wirklich nicht verstehen, wieso immer alle vom Zauber des ersten Dates schwärmen.

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Eine gute Freundin hat mir mal gesagt, ich würde nie jemanden kennenlernen. Das meinte sie nicht böse, weiß ich. Und sie hat sogar Recht. "Die Typen werden nicht bei dir im Wohnzimmer zum Casting erscheinen, während du auf dem Sofa liegst", meinte sie. Ich sag doch: Sie hat Recht.

Chronisches Canceln

Anlass für die doch ziemlich schonungslose Prophezeiung meiner Zukunft war vermutlich wieder ein erstes Date, das ich im letzten Moment doch abgesagt habe. Denn ich bin eine chronische "Canclerin". Und ich bin ziemlich kreativ, was meine Ausreden angeht. Da kann ich mir schon selber auf die Schultern klopfen. Krankheit, spontaner Business-Trip (mache ich tatsächlich äußerst selten), Notfall im Freundeskreis/der Familie, ein wichtiges Paket, das auf jeden Fall abends kommt und auf das ich sehnsüchtig warte – you name it.

Vorfreude, verheißungsvolle Nervosität, das schüchterne Versprechen von etwas Neuem  – diese Gefühle verspüre ich oft. Zum Beispiel, wenn die neue Staffel des Dschungelcamps oder die Fußball-WM/EM losgeht (wobei wir wieder beim Sofa-Chillen wären). Aber nie, ich wiederhole: NIE, vor einem ersten Date. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, dass erste Dates etwas Tolles sind, muss meiner Ansicht nach auch unfassbare Lust haben, jede Woche zur Darmspiegelung zu gehen.

Die bloße Vorstellung, sich mit einem nahezu fremden Mann zu treffen und unglaublich anstrengenden Smalltalk zu führen, bereitet mir schon Tage vor einem eingeplanten Date Kopfschmerzen. Denn wenn man mal ehrlich ist, birgt das erste Kennenlernen oft mehr Risiken als der erste Tag im neuen Job oder Familientreffen mit ungeliebten Verwandten.

Ein großer Unterschied zwischen einem ersten Date und einem Job-Interview

Ein erstes Rendezvous ist nichts anderes als die Romantik-Version des Vorstellungsgesprächs – man zieht sich schön an, wäscht sich vorher die Haare und versucht dann mit allen Mitteln, gut dazustehen. "Was machst du denn beruflich?", "wie lange schon?", "cool, klingt interessant", "wie lange wohnst du schon in Stadt XY?", "hast du Geschwister?" – schnarch. Und dann muss man auch noch eine Balance finden: Wie präsentiert man sich bestmöglich, ohne dabei eingebildet oder gar zu sehr von sich überzeugt zu wirken?

Tatsächlich gibt es einen großen Unterschied zwischen einem ersten Date und einem Job-Interview (abgesehen von der Aussicht auf Sex, natürlich). Auf Letzteres kann man sich viel besser vorbereiten. Man weiß in etwa, was das Unternehmen sucht und wie geeignet man für die Position ist. Ein Date hingegen hat immer das Potenzial einer riesengroßen Katastrophe an deren Ende im schlimmsten Fall das Selbstbewusstsein im Keller ist, im besten Fall Zeit verschwendet wurde.

Auf Dates werde ich zur Moderatorin

Vielleicht liegt meine Aversion dem ersten Date gegenüber auch daran, dass ich in trauter Zweisamkeit schnell zur Moderatorin werde. So kam es vor ein paar Jahren, dass mir ein Mann drei Stunden lang von seinem Job bei einem großen Mobilfunkanbieter erzählte. Genauer: von seinem stinklangweiligen Job bei einem großen Mobilfunkanbieter. Nachdem ich mit ihm seinen eigenen und dann meinen Handyvertrag durchgegangen war und wir uns unisono über die schlechte Netzabdeckung in Deutschland ausgelassen hatten, war ich mit meinem Smartphone-Latein auch irgendwann am Ende. Und er hatte offenbar null Interesse an mir, denn er fragte auch nach unserem Handy-Ping-Pong nicht weiter nach.

Das klingt hier jetzt natürlich so, als hätte ich noch nie ein gutes Date gehabt oder würde zielsicher immer die falschen Männer kennenlernen, die ausschließlich über sich sprechen. Das stimmt so auch nicht. Doch wir leben – und jetzt hole ich mal GANZ weit aus – in einer Ära, in der man sowieso schon haushalten muss. Zeit ist spärlich gesät. Wir sind fast durchgehend auf Achse, müssen Freunde, Familie und Arbeit unter einen Hut kriegen.

Einen Premiumabend (also Freitag oder Samstag) einem potenziell enttäuschenden Date zu schenken, ist für mich deshalb schon seit langem indiskutabel. Wenn überhaupt geht es unter der Woche, und auch nur dann, wenn ich nicht schon anderweitig mit Freundinnen oder Freunden verabredet bin.

Es gibt eine Lösung

Weil ich mir meiner dämlichen Unart durchaus bewusst bin und weiß, dass es gemein ist, abzusagen, habe ich aber seit ein paar Monaten eine neue Erstes-Date-Taktik entwickelt: Ich betrinke mich vorher. Nicht so doll, dass ich mein Date direkt mit Fahne begrüße und mich nicht mal mehr daran erinnere, wo ich denn nun schon wie lange wohne und wie viele Geschwister ich habe. Aber eben gerade genug, dass sich die erste Nervosität legt. Bisher hat es gar nicht schlecht geklappt, immerhin habe ich schon ein paar Dates leicht beschwipst erfolgreich über die Runden gebracht.

Jetzt bin ich hier am Ende dieser epischen Auslassung und stelle fest: Erstens, ich bin ein Vollidiot. Zweitens, geht das so weiter, werde ich tatsächlich nie jemanden finden. Aber so ganz gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass doch irgendwann eine Armada potenzieller Dates durch mein Wohnzimmer stiefelt, mich dabei nicht nervt und dann schnellstmöglich wieder abzieht.

Ich biete den Herren auch gerne ein Glas Wein an!

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