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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam Einsam: Meine Oma und das Urenkel-Shaming: "Wann wirst du endlich Mutter?"

Du kommst dir vor wie das letzte Single-Einhorn? Keine Panik. In unserer neuen Kolumne "Gemeinsam Einsam" schreiben die NEON-Singles über alle Tücken, die das ledige Leben so mit sich bringt. Den Anfang machen wir mit Urenkel-Shaming – meine Oma tickt lauter als jede biologische Uhr.

NEON-Singles: Wenn Oma aktives Urenkel-Shaming betreibt

Das ist nicht meine Oma. Aber ungefähr so guckt sie auch immer, wenn sie mir grad mal wieder vors Schienbein getreten hat.

Getty Images

Da sitzen die Damen jetzt – zu dritt – und gucken mich erwartungsvoll an. Meine Oma hat gerade mal wieder die verbale Bombe fallen lassen, die jede Situation zu einem emotionalen Minenfeld machen kann: "Wann werde ich denn nun endlich mal Urgroßmutter?" Ihre Freundinnen nicken zustimmend – ja, wann denn nun?

Ich bin 26 Jahre alt. Seit etwas über vier Jahren mit dem Studium fertig. Relativ neu im Job. Eigentlich nie vor 21 Uhr zu Hause. Am Wochenende selten nüchtern. Und seit etwa einem Jahr wieder – glücklich – Single. Keine besonders guten Voraussetzungen, um in der näheren Zukunft ein Kind zu bekommen.

"Mit wem denn, Oma?" frage ich unschuldig. Die Tatsache, dass es zum Kinder produzieren nun einmal zwei braucht und ich zur Zeit nur eine bin, müsste doch eigentlich als Argument genügen – oder? Pustekuchen. "Ach, da findest du schon schnell jemanden." Wenn die wüsste, wie es um den Single-Markt steht. "Jaaaa, das geht schneller als man denkt", stimmen ihre Freundinnen ein.

Oma holt indes die Schuldkeule raus

Gut, zweiter Versuch: "Naja, ich bin ja erst 26. Selbst wenn ich mehr als ein Kind will, hab ich noch mindestens vier Jahre Zeit, bis ich anfangen muss, darüber nachzudenken." Ich will nicht lügen, meine biologische Uhr tickt. Und ich höre sie, seit sie mich vor ein paar Jahren aus dem Hinterhalt übermannt hat und mir zum ersten Mal "Du wirst auch nicht jünger …" ins Ohr raunte. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich hier irgendwas überstürzen werde. Oma holt indes die Schuldkeule raus und zieht sie mir mit voller Wucht über den Hinterkopf: "Bis dahin bin ich tot."

WOWWWWW...

Wir sollten an dieser Stelle kurz festhalten, dass meine Oma – die sehr jung Mutter wurde – Mitte 70 ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die nächsten vier Jahre unbeschadet überstehen wird, ist also verhältnismäßig hoch. Besonders, wenn sie sich angewöhnen würde, eine Schachtel Zigaretten weniger am Tag zu rauchen. Aber das scheint keine Option zu sein. Stattdessen soll ich langsam mal in die Pötte kommen.

Seit der Enkel ihrer Schwägerin Vater geworden ist, ist es endgültig um sie geschehen

Wir führen diese Diskussion nicht zum ersten Mal. Dass meine Oma gerne Uroma wäre, weiß ich im Grunde schon seit ich aus dem Alter raus bin, in dem man mich gut betüddeln konnte. Denn wenn meine Oma irgendetwas gut kann, dann genau das: Oma sein. Aber seit der Enkel ihrer Schwägerin Vater geworden ist, ist es endgültig um sie geschehen.

Wenn besagte Schwägerin vom heißgeliebten Wonneproppen berichtet, bekomme ich gerne mal einen Tritt vors Schienbein. Will ich mich beschweren, zieht sie nur bedeutungsschwanger die Augenbrauen hoch, als wolle sie sagen: "Hörst du das?"

Ich höre. Und ich freue mich. Für die frischgebackene Familie, für meine Großtante, für alle meine Freundinnen, die Babys bekommen. Und ich freue mich auf meine eigenen Kinder. Dass ich welche möchte, ist nicht einmal Diskussionsthema. Ich will Kinder. Auf jeden Fall. Überhaupt gar keine Frage. Aber noch nicht. Ich will bereit sein. Ich will die Tatsache für mich nutzen, dass die Gesellschaft nicht mehr unbedingt von mir erwartet, dass ich Familienplanung vor Karriere stelle. Dass ich darauf hoffen darf, diese Dinge miteinander zu vereinen. Dass ich, auch wenn es den perfekten Moment nicht gibt, zumindest mal auf so etwas ähnliches hoffen darf. Dass ich nicht schon mit 26 panisch werden muss, weil ich noch keinen Nachwuchs habe.

"Wann werde ich eigentlich Tante?"

Meine Mutter hält sich übrigens in dieser Sache weitestgehend bedeckt. "Nimm dir Zeit, Schatz", sagt sie, wenn ich ihr von Oma erzähle. "Aber wenn", schiebt sie dann manchmal noch schnell hinterher, "dann will ich weniger arbeiten, damit ich meine Enkel auch ab und zu vom Kindergarten abholen kann." Mhm. Aber ist nicht so, als würde sie schon Pläne machen oder so, nein nein.

Ich habe inzwischen eine Strategie gefunden, mit dem Fruchtbarkeitsdruck umzugehen: Ich gebe ihn einfach weiter. An meinen Bruder. Ich bin Single, während er schon seit über acht Jahren mit seiner Freundin zusammen ist. Dann sind die ja wohl zuerst dran. "Wann werd' ich eigentlich Tante?" frag ich ihn dann, trete ihm mal mehr, mal weniger sanft vors Schienbein und wackle bedeutungsvoll mit den Augenbrauen. Wär ich wirklich gerne. Und jünger wird er schließlich auch nicht.

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