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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Ich glaube nicht mehr an die große Liebe - und das tut enorm gut

In unserer Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben die NEON-Singles über alle Tücken, die das ledige Leben so mit sich bringt. Heute verabschiedet sich unser Autor von der großen Liebe – vorerst.

Schwarzes Herz

Die große Liebe? Ist wahrscheinlich eh nur ein Mythos

Pexels

Es dauerte etwas, bis Sonja mit der Sprache herausrückte. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, kam erst einmal nur ein "gut". Dann ein "sehr gut". Dann erzählte sie mir, dass sie bald wegziehen würde, aus der Metropole in eine Kleinstadt, die auf den ersten Blick gar nicht zu ihr passte. Warum? "Wegen der Liebe", sagte sie, und einige Momente später wurde klar, dass es nicht einfach nur die Liebe war, die sie zu diesem Schritt bewogen hatte – nein, es war die große Liebe.

Sonja war nämlich seit der Schulzeit in einen Typen verschossen gewesen, und irgendwie hatte sich das nie geändert, auch wenn es zwischendurch den einen oder anderen Umweg in anderer Begleitung gegeben hatte. Und jetzt, nach vielen Jahren, war Sonja tatsächlich am vorläufigen Ziel: Sie war – keiner weiß so genau, wie es dazu kam – mit dem Kerl zusammen, von dem sie immer geträumt hatte. 

Der Umzug in die Kleinstadt sei da ein kleines Opfer, räsonierte Sonja noch, und ich schaute sie an und machte "Hmm" und "Mmh", aber war in meinen Gedanken schon ganz woanders. In meinem Herzen gab es in diesem Moment einen mittelschweren Stich. In meinem Kopf blies sich die Frage auf: Warum passiert mir das nicht? In meinem Leben nämlich gab es auch mal so jemanden, von dem ich lange geträumt habe, und bei dem ich lange ein Happy End herbeigesehnt habe. So etwas wie eine große (unerfüllte) Liebe.

Den Glauben an eine unerfüllte Liebe aufzugeben, bringt viel Lebensqualität

Dass ich die letzten Sätze in der Vergangenheitsform schreiben konnte, gehört zum Besten, was mir in den letzten zwölf Monaten passiert ist. Ich glaube nicht mehr an die große Liebe – oder zumindest nicht mehr an diese große Liebe. Lange habe ich mehr oder minder unterschwellig geglaubt, dass die andere Person zu mir gehört, dass es ohne sie nicht geht, dass sie vielleicht sogar (Achtung, Pathosalarm!) mein Schicksal ist. Alles Quatsch. 

Diese Erkenntnis war unheimlich befreiend, weil sie einen Bann gebrochen hat. Endlich konnte ich wieder nach vorne schauen, statt weiter einem Phantom hinterherzulaufen, von dem mein Kopf eigentlich schon lange wusste, dass es nicht zu fassen sein würde. Nur mein Herz, das hatte davon eben noch nichts mitbekommen. Nicht dass die Gefühle nicht echt gewesen wären, nicht dass es nicht schön hätte sein können. Nicht dass ich heute nicht mehr an sie denken würde. Aber den Glauben an die große Liebe aufzugeben bedeutete einen enormen Zugewinn an Lebensqualität.

Endlich frei für die Zukunft

Der war allerdings hart erkämpft. Denn die genannte Erkenntnis ist, bevor sie so befreiend wirkt, sehr schmerzhaft. Deshalb hat es auch Jahre gedauert, bis ich sie endlich verinnerlicht hatte. Davor war es ein ständiger Kreislauf: Das Wissen, das man eigentlich mal damit aufhören müsste – das Gefühl, es nicht zu können und zu wollen – der Schmerz, damit immer wieder mit vollem Tempo gegen die ständig gleiche Wand zu laufen. Irgendwann muss man eben einsehen, dass die große Liebe eine Illusion ist. Oder dass es mehrere davon gibt.

Das ist ja nämlich das Schöne daran, einen Abschnitt abzuschließen: Man ist bereit für den nächsten. Und auch wenn einen das Leben davor nur mit Erfahrung bezahlt hat, war es hoffentlich nicht umsonst. "Neue Liebe beginnt da, wo die alte aufhört, wehzutun", heißt es bei dem Rapper Prinz Pi – das ist doch mal eine Aussicht. Beim Neuen bin ich noch nicht. Aber mit dem Alten abzuschließen, ist ein erster großer Schritt in diese Richtung.

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