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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Bitte hört auf, so zu tun, als seien Männer immer cool, sicher und selbstbewusst

In unserer Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben die NEON-Singles über alle Tücken, die das ledige Leben so mit sich bringt. Heute gibt unser Autor einen Einblick in das wirkliche Gefühlsleben eines Single-Manns.

Nachdenklicher Mann

Selbstbewusst, cool, locker – so sieht das Rollenbild des typischen Mannes aus. Aber nur die wenigsten Männer sind immer so!

Pexels

Vor kurzem schrieb an dieser Stelle eine sehr geschätzte Kollegin von mir darüber, wie sie ihr Singledasein erlebt – und das von Männern. "Unabhängig, freiheitsliebend und glücklich" seien diese Männer um sie herum, sie würden ihr Leben allein genießen und seien scheinbar gar nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung. Sie selbst hingegen fühlt sich "unvollständig und dysfunktional" ohne Partner. Im Vergleich zu jenen Männern komme sie sich unterlegen, schwach und wertlos vor. (Hier könnt ihr den ganzen Text lesen.)

Das sind ehrliche Worte, die Respekt verdienen. Und deshalb kommt hier meine genauso ehrliche Antwort darauf, beziehungsweise eine Ergänzung von der anderen Seite. Denn dass wir Männer immer cool, sicher und selbstbewusst sind, stimmt so nicht. Zumindest nicht für mich. Mir geht es nämlich überhaupt nicht so wie den Männern in dem Text von vor zwei Wochen. Sondern eher so wie meiner Kollegin.  

Auch Männer leiden unter Selbstzweifeln und Unsicherheiten

Mich plagen ebenso Selbstzweifel und Unsicherheiten, vor allem im Hinblick auf das Single-Leben. Ich frage mich genauso regelmäßig, ob mit mir irgendetwas nicht stimmt oder ich nicht gut genug bin. Ich vergleiche mich mit Männern ebenso wie mit Frauen, und schneide dabei zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung oft nicht besonders schmeichelhaft ab. Ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, dem es so geht. Was heißt ich glaube – ich weiß es. Allein in meinem näheren Bekanntenkreis gibt es viele Beispiele.  

Da ist der Freund, der nach der Trennung von seiner Freundin zwei Jahre lang nicht klarkam und sich seitdem fragt, ob er sich überhaupt noch einmal so verlieben kann. Es gibt den Kumpel, der gefühlt jedes halbe Jahr eine neue Freundin hat und seit kurzem regelmäßig zu einer Psychologin geht, um herauszufinden, was bei ihm schief läuft. Ich denke an den Typen, der jede Woche eine andere Frau im Bett hat und sich selbst dafür hasst. Oder an einen Freund, der mit Ende 20 immer noch keine Freundin hatte und Angst hat, dass das jemand herausfindet. Jemand Anfang 40, quasi Langzeit-Dauersingle, der mit einer Gruppe um die Häuser ziehen muss, in der alle 15 Jahre jünger sind, weil alle in seinem Alter mit Frau und Kindern beschäftigt sind. Ein anderer, der vor Jahren von seiner Frau betrogen wurde und nie mehr so wird wie früher. Oder der Freund, der neulich befördert wurde, und sagt: "Jetzt wäre alles bereit für eine Familie. Aber wie?"  

Und dazwischen ich, von dem ihr nicht wissen wollt, wie viel Zeit, wie viele Gefühle, Gedanken und Tränen er in den vergangenen drei Jahren an eine Frau verschwendet hat, die sich von Anfang bis Ende nicht dafür interessierte.  

Vieles ist einfach nur Ablenkung – oder Fassade

Das sind nur einige Einzelfälle. Von ihnen auf die Hälfte der Bevölkerung (oder zumindest die Singles unter ihnen) zu schließen, ist vielleicht nicht hundertprozentig zulässig. Aber sie zeigen: Das Leben ist auch als Mann nicht perfekt. Es ist sogar weit davon entfernt. Wir kassieren auch Körbe, wir leiden unter Ablehnung, Liebeskummer und Einsamkeit. Wir wischen solche Sachen nicht einfach weg und leben weiter, als wäre nie etwas passiert.

Ja, vielleicht reisen wir durch die Welt, feiern Partys und gehen unseren Hobbys nach. Aber erstens: Machen Frauen das nicht auch? Und zweitens: Keiner redet von der Leere danach. Letztlich ist vieles nur Ablenkung, der unermüdliche Versuch, ein Loch zu füllen, in dem alles viel zu schnell versickert, und ich kenne viele, die so unendlich müde davon sind.  

Souverän, selbstsicher und selbstbewusst – der typische Mann?

Vielleicht merkt man, dass mir das Thema wichtig ist – und dass es hier schon lange um viel mehr als die Kolumne meiner Kollegin geht. Das Problem liegt tiefer: Immer noch und immer wieder wird uns Männern suggeriert, wir müssten die Souveränität, Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein in Person sein. Ein Mann weiß immer, was er will und wie er es bekommt. Sorry, was für ein Unsinn.  

Evolutionär lässt sich das Bild vom starken, unabhängigen Mann mit wenigen Federstrichen logisch nachzeichnen: Die Aufgabe der männlichen Wesen in der Natur besteht darin, ihre Gene weiterzugeben. Dafür braucht es keine geordnete Beziehung. Die Weibchen sind verantwortlich dafür, den Nachwuchs zu versorgen und aufzuziehen, dafür brauchen sie Sicherheit. Soweit die jahrtausendelange Menschheitserfahrung.  

Im 21. Jahrhundert aber – und nicht erst dort – werden viele zu Opfern dieses Rollenbilds, Männer ebenso wie Frauen. Es handelt sich um einen sich selbst verstärkenden Effekt: Jeder versucht, die Erwartungen, wie ein Mann nun mal zu sein hat, zu erfüllen. Wer es nicht schafft, probiert es so gut wie möglich zu verstecken. Dadurch verstärkt sich für alle der Leidensdruck, weil jeder die anderen um sich herum als perfekt wahrnimmt. Solange sich diese Männlichkeitskonstruktion immer weiter selbst reproduziert, wird auch toxic masculinity weiter ein Thema bleiben.  

Jeder hält sein Schicksal für das schlimmste

Wer Männern einmal wirklich zuhört, wenn sie ehrlich reden, der könnte überrascht sein von so viel Schwäche und Unsicherheit. Schade nur, dass dieses "Ehrlich reden" so selten vorkommt. Wenn es um das Innen- oder Beziehungsleben geht, ähneln die Erzählungen bei Männern oft denen von Anglern, bei denen der Fisch mit jeder Version der Geschichte größer wird. Mancher dumme Spruch ist nur ein Pflaster über eine schmerzende Wunde.  

So, wie meine Kollegin auf Männer schaut, kommen mir viele Frauen vor, nach dem Motto: Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel. Sie werden ständig angesprochen und angeschrieben, suchen ihren Spaß, können sich jemanden aussuchen und leben zumindest in Bezug auf Männer in einer Welt, in der sie die Regeln bestimmen. Sie nehmen so lange, wie sie nichts zu geben brauchen. Oder stimmt das etwa auch nicht? Jeder hält sein Schicksal für das schlimmste, und jeder kann dem anderen nur bis vor die Stirn gucken.  

Lasst uns mal ehrlich reden

Keine Ahnung, ob man aus diesem Dilemma herauskommen kann. Trotzdem zwei Lösungsansätze: Vielleicht geht es gar nicht so sehr um Männer und Frauen. Sondern einfach um Menschen in verschiedenen Lebensphasen, mit verschiedenen Gefühlen und Bedürfnissen, die sich unabhängig vom Geschlecht mal mehr und mal weniger ähneln. 

Und ganz sicher sollten wir alle einfach öfter mal darüber reden und unsere ehrlichen Standpunkte austauschen, so wie meine Kollegin und ich es hier in unseren anonymen Texten versuchen und hoffen, damit auszudrücken, was andere auch fühlen. Dann würde wohl ziemlich schnell herauskommen, dass wir uns hinter der coolen Fassade in unserer Verletzlichkeit sehr ähnlich sind – und das ist vollkommen okay so.  

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