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"Was ich nicht weiß ...": Wie geht man in offenen Beziehungen eigentlich mit dem Thema Privatsphäre um?

Will man immer wissen, was der andere tut, bei wem er gerade ist, mit wem er gerade einen Kaffee trinkt – oder mit wem er schläft? In einer offenen Beziehung ist Privatsphäre wichtig. Unsere Community-Autorin spricht aus eigener Erfahrung.

Von NEON-Communty-Mitglied Amanda Lears

Privatsphäre in einer offenen Beziehung

Will ich immer wissen, was der andere tut, bei wem er gerade ist? Privatsphäre sollte in einer offenen Beziehung groß geschrieben werden, findet unsere Community-Autorin.

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Wie geht man in offenen Beziehungen eigentlich mit dem Thema  um? Ist es okay, nicht alles vom anderen wissen zu wollen, beziehungsweise muss ich alles wissen müssen? Will ich alles wissen, was der andere tut, bei wem er gerade ist, mit wem er gerade einen Kaffee trinkt oder sogar mit wem er schläft?

Man ist gewohnt, in Liebesbeziehungen alles miteinander zu teilen. Man will alles voneinander wissen, weil man einen faszinierenden Menschen gefunden hat, auf dessen Wesensgrund wahre Schätze zu finden sind. So sehe ich es, wenn ich jemanden ins Herz geschlossen habe. Ich möchte wissen, wie es ihm geht, was ihn bewegt und umtreibt. Ich möchte die Welt durch seine Augen sehen. Oh, wie glühe ich dafür, in Menschen einzutauchen und sie dadurch noch tiefer lieben zu lernen.

Das Thema Sex klammere ich hier aus, weil das nichts mit Liebe zu tun hat. Wenn sich aber Sex und Liebe überschneiden, feiern die Götter im Himmel ein Fest, so schön ist das.

Eine offene Beziehung braucht Privatsphäre

Stellt euch einmal folgende Situation vor: Ihr habt jemanden neben eurer Hauptbeziehung lieben gelernt. In euerer Hauptbeziehung gibt es eine sehr klare Vorstellung von Privatsphäre. Alles was den anderen betrifft, ist sein geistiges Eigentum, gehört nur ihm und darf nur angetastet werden, wenn man Erlaubnis dazu hat. Dazu gehört, dass man keine Mails liest, sowieso die Finger von seinen Accounts und seinen Dokumenten lässt und vor allem natürlich, dass man sein liegen lässt. Stellt euch vor, ihr habt die Absprache, dass alles was die Beziehung betrifft, unmittelbar kommuniziert wird. Der Rest aber im Ermessen des anderen liegt. 

Ein Grund etwas zu kommunizieren, das die Beziehung betrifft, wäre zum Beispiel, Termine mitzuteilen, die in das gemeinsame Leben eingreifen, beziehungsweise sich mit den Plänen des anderen überschneiden. Oder auch, wenn sich da in den Außenkontakten etwas so verändert, dass es die Hauptbeziehung betrifft. Das könnte der Fall sein, wenn sich ein verliebt und sein Außenkontakt sich zu einer Außenbeziehung entwickelt, denn dann hat sie einen anderen Stellenwert als eine Affäre. Und das würde bedeuten, dass sie Einfluss auf euer gemeinsames Zeitkontingent hat, da der Partner mehr Zeit mit seiner neuen Beziehung verbringen möchte. Ob so was wie eine Beziehung neben dem Hauptpartner überhaupt drin ist, muss natürlich geklärt werden. Am besten bevor der Fall eintritt.

Mein Partner ist ein Individuum – so wie ich

Mehr Regeln braucht es daher eigentlich gar nicht, was die Offenheit und Transparenz angeht. Ich denke, dass mit zu viel Wissen die Liebe entzaubert und auch zerstört wird. Ich denke, dass man sich in dem Bedürfnis, den anderen ganz nah zu haben und schon fast in ihn reinkrabbeln zu wollen, sogar bremsen muss. Ich halte kleine Geheimnisse oder das Aufrechterhalten der Privatsphäre in einer Beziehung, egal welcher Konstellation, für wichtig.

Mein Partner ist autonom, unabhängig, ein Individuum, wie ich auch eines bin. Welches Gesetz der Welt schreibt vor, dass er mir alles zu erzählen hat?! Man vergisst gerade zu Beginn einer Beziehung sehr oft, dass jeder sich selbst gehört und auch die geistige und emotionale Innenwelt nicht teilbar sind. Der andere ist kein Herrschaftsraum, über den ich verfügen kann.

Zeichen der Liebe und Verbundenheit

Aber brauchen wir nicht alle Zeichen der Liebe und Verbundenheit, um die es geht, wenn wir offen und ehrlich erzählen, was wir wann und wie tun? Wenn wir unsere Welt mit dem anderen teilen, bis ins kleinste Detail? Und immerzu erzählen wollen von uns, und den anderen einladen, uns in diese Welt zu folgen? Wir wollen Beweise, Zeichen, brauchen Marker, an denen wir ablesen und vergleichen. Ein irrationales Gefühl soll messbar werden. Soll sich im Außen so manifestieren, dass andere sehen: Wir sind zusammen, wir sind ein Paar.

Aber warum? Warum wollen wir das, wenn doch die Liebe frei ist? Wir bauen zu Beginn der Beziehung durch Kommunikation so viel Nähe auf, dass es uns irgendwann die Liebe kosten könnte, weil wir uns verirren in unserer Liebesbedürftigkeit. Weil wir vergessen, dass der andere eben doch nicht ich selbst ist. Weil der andere eben doch nicht mir gehört. Weil ich die Welt, seine Gedanken und seinen Willen nicht kontrollieren kann. Denn darum geht es, wollen wir alles wissen.

Irgendwann weicht dem freien Interesse das Bedürfnis nach Kontrolle. Oh ja, auch in offenen Beziehungen ist man dem Problem des scheinbaren Kontrollverlustes über den anderen ausgesetzt und muss sich damit wohl oder übel auseinandersetzen. Das ist ein anderes Thema, das wollen wir hier nicht besprechen.

Manchmal muss man loslassen

In einem schlauen Film wurde mal gesagt, dass alles was man liebt, freigelassen werden muss, damit es frei sein kann, um aus freien Stücken zurückkommen zu dürfen. Und daran glaube ich. Liebe ist ein Kind der Freiheit und nicht der Beherrschung. Das hat schon der gute alte Erich Fromm gesagt. Also lasst Raum zwischen euch. Und schweigt auch manchmal über Unwichtiges und Kleinigkeiten. Raum braucht es, um zu wachsen. Raum braucht es, damit die Liebe atmen kann.

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