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sexbewusst-header-img #SEXBEWUSST Die neue NEON-Serie für junge Frauen und alle, die sich sonst noch dafür interessieren

Neon-Reihe #sexbewusst: Wie BDSM Sex intimer machen kann, und wo die Gefahren liegen

Bedeutet BDSM, dass eine Person dominant und die andere unterwürfig sein muss? Was kann man bei dem Sex-Spiel über guten Sex lernen? Und wo liegen die Gefahren solcher Spiele? Körpercoach Atma Pöschl erforscht das Spiel mit Grenzen in ihren Seminaren.

Neon-Reihe #sexbewusst: Wie BDSM Sex intimer machen kann, und wo die Gefahren liegen

BDSM: Eine Abkürzung, die viele einvernehmlich gelebte Sexpraktiken zusammenfasst. Dazu gehören spielerische Formen von Dominanz und Unterwerfung. Und auch: Fesselspiele und das Spiel mit der Lust durch Schmerz.

Atma Pöschl kennt sich damit aus. Seit 2011 bietet sie Workshops über ihr Institut in Wien an, in denen sie BDSM als Werkzeug für mehr Lust erforscht. Sie ist Coach für Körpersensibilisierung und hat an der UC Los Angeles prozessorientierte Körperarbeit studiert. Heute hat sie neben ihrer Körperarbeit auch einen Lehrauftrag an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. 

In den 1990er Jahren war sie selbst in der BDSM-Szene aktiv. Im Gespräch mit NEON erzählt sie, wie man durch das Spiel mit verschiedenen Praktiken, Sex kreativer und intimer machen kann.

NEON: Ist BDSM eine gewaltvolle Praxis?

Ich finde es wichtig, dass wir das Wort Gewalt hier reflektieren. Wenn wir in der Vergangenheit Erlebnisse hatten, die wir aufgrund ihrer Intensität nicht verarbeiten konnten – egal, ob letzte Woche im Straßenverkehr oder in der Kindheit – reagiert unser Körper immer gleich: Atem anhalten, Muskeln anspannen, und damit ist das Gefühl, das unsere Psyche in dem Moment überfordert, weg. Der Nachteil ist: Das Gefühl bleibt in unserem Körper und wird immer wieder versuchen, an die Oberfläche zu kommen. Wir alle haben diese unterschwelligen Gefühle in uns – manche Menschen mehr, manche weniger. 

Was ist also Gewalt? Wenn diese alten Schmerzen hochkommen, und wir sie nicht fühlen und nicht damit beschäftigen wollen, werden wir sie über kurz oder lang anderen um die Ohren hauen. In vielen Familien ist das der Alltag, aber auch in Glaubensgemeinschaften, die beispielsweise Sexualität als stärkste Lebenskraft unterdrücken. Gewalt beginnt, wo ich eigene und fremde Körperempfindungen und Gefühle nicht wertschätze. Damit betrifft Gewalt uns alle, nicht nur "die anderen". Eine Änderung des Blickwinkels lohnt sich da, finde ich.

Im Übrigen kommen in meine Praxis immer wieder Frauen, die erzählen, sie machen beim Sex mit, ohne sexuelle Erfüllung zu finden. Manche lassen sich einfach benutzen. Damit werden wichtige Gefühle aus der Beziehung ausgeklammert, was Intimität wirklich unmöglich macht.

Sex-Fantasien

Was haben diese gedeckelten Gefühle mit Lust zu tun?

Wenn man sich Gefühle als Welle vorstellt, dann sind unten die sogenannten negativen Gefühle wie Wut, Angst, Scham, Trauer. Eben all das, was wir nicht fühlen wollen – und das kann sehr viel sein. Oben auf der Welle sind die sogenannten positiven Gefühle: Lust und Freude. Wenn wir deckeln was unten ist, bindet das viel Kraft. So fließt die Welle nicht weiter, wir erreichen weder tiefe Lust noch echte Freude. Es ist paradox: Je mehr wir sogenannte negative Körperempfindungen und Gefühle verbieten, desto mehr fallen auch die positiven weg. Erlauben wir uns, alle Gefühle zu fühlen, auch die, die uns lange verwehrt waren, fließt die Welle weiter nach oben. Nur so – im Kontakt mit allen Gefühlen – fühlen wir tiefe Lust.

Jede Form von Sexualität, Intimität und körperlicher Nähe, Kontakt mit anderen Menschen bietet die Möglichkeit, dass diese gedeckelten Gefühle wieder hochkommen. Das ist wunderbar. Je größer unser Vertrauen in einander, je intimer der Kontakt, desto eher kann das passieren. Auch BDSM bietet diese Möglichkeit. Im Fall von BDSM braucht das besonders viel Bewusstheit. Das ist mir wichtig zu betonen.

Was bedeutet das: bewusstes BDSM?

Menschen, die in ein solches Spiel gehen, sollten sich selbst gut spüren. Denn wenn ich meine Gefühle nicht spüre, werde ich auch deine nicht willkommen heißen können. Im BDSM können viele Gefühle auftauchen, nicht nur Lust. Wenn mich das in der dominanten Rolle verunsichert, weil mein Selbstwert davon abhängt, dass du in der passiven Rolle sehr viel Lust hast, kann das dazu führen, dass du dich alleine fühlst. Wenn du Einsamkeit bereits aus der Kindheit kennst, schmerzt das Gefühl doppelt: Du fühlst dich wieder nicht gesehen und alleine. Dieser alte Schmerz macht blind: Manchmal glaubt man dann, nochmal Gewalt zu erfahren, obwohl man ja eigentlich längst erwachsen ist, und für die eigenen Grenzen verantwortlich. 

Im Gegensatz dazu braucht bewusstes BDSM Kontakt mit unseren Gefühlen. Durch BDSM können wir das lernen.

Welche Gefahren birgt unbewusstes BDSM?

Als ich 2011 begonnen habe BDSM-Seminare anzubieten, habe ich ganz bewusst Menschen aufgesucht, die für mich in den 1990er Jahren wichtig waren. Das waren eine dominante Frau und zwei dominante Männer. Mich hat einfach interessiert, wie sie sich weiterentwickelt haben. Die eine Person erzählte mir, sie habe damals aus Angst vor Berührung Lack und Leder bis über beide Ohren getragen. Sie hätte seit Jahren keine Beziehung und schlafe mit ihrem Hund im Bett, um Berührung zu bekommen. Als ich sie früher kannte, war das eine supercoole Frau. Und ein anderer dominanter Mann, den konnte man damals schon nicht berühren, weil er solche Schmerzen beim Berührtwerden hatte.

Ich will zur Reflexion anregen: Denk darüber nach, warum du tust, was du tust! Genauso möchte ich betonen: Wir können jede Form von Sex nutzen, um unangenehme Gefühle zu deckeln. Wir können auch zwanghaft essen, trinken, arbeiten, Sport machen – was auch immer. Sucht heißt: Ich tue das, weil ich bestimmte Gefühle nicht spüren darf, kann oder will. Arbeit bringt fast immer Anerkennung, auch wenn es sich um Arbeitssucht handeln sollte. Der Wert, den wir einer Sache geben, ist von der Gesellschaft oder Szene abhängig, in der wir uns bewegen, das sagt oft nichts über die Sache aus. Ich sehe es so: Wirklich wichtig ist die innere Haltung, mit der wir etwas tun. Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie.

Du bietest auch Seminare zum Thema Wut und Sexualität an: Wie passt das zusammen?

Für viele passt das wahrscheinlich gar nicht zusammen. Viele denken, Sex und Harmonie passen zusammen. Wut fällt raus. Viele von uns verwechseln Wut mit Gewalt. Aber das stimmt so nicht. Im Moment ihrer Entstehung ist Wut konstruktiv. Wut gibt uns die Power spontan zu sagen: "Das ist falsch, das passt mir nicht, bitte mach es anders!" Oder: "Ich mache das jetzt anders." Unsere Gefühle – jedes einzelne – sind wichtige Kräfte, um Beziehung zu gestalten. Wut brauchen wir, um Grenzen zu ziehen und im Leben Erfolg zu haben. Zögern wir hingegen, Wut auszudrücken, weil das in unserer Familie, Gesellschaft oder Glaubensgemeinschaft verpönt ist, fällt es uns schwer, Nein zu sagen. Hier überschreiten wir Grenzen – Gewalt beginnt, wo Wut nicht ausgedrückt werden darf.

Fehlt uns der positive Zugang zur Wut, mangelt es uns häufig auch an der Lust auf oder beim Sex. Wir brauchen Grenzen, um uns öffnen zu können. Nur wer klar Nein sagen kann, kann auch aus ganzem Herzen Ja sagen. Erfüllender Kontakt, Sex, all das beginnt auf der Grenze, dort, wo unsere Grenzen einander achtsam berühren. 

BDSM-Spiele mit einer klaren Rollenverteilung bieten eine gute Möglichkeit, in Kontakt mit dieser ursprünglichen positiven Kraft zu kommen, die vielen von uns fehlt.

Wie sehen Übungen in deinen Seminaren aus?

Atma Pöschl: In einem meiner Kurse arbeite ich teilweise mit Handlungen, die manche Menschen in der Kindheit erlebt haben oder von denen viele schon eine Vorstellung haben. Ich verlangsame die Handlung und lade damit alle Gefühle ein, die dabei auftauchen können. In einer Übung geht es zum Beispiel um Ohrfeigen. Sie geht so: Person A ist aktiv und Person B passiv, B tut nichts außer spüren. A streckt die Hand zur Ohrfeige aus und bewegt sie sehr, sehr langsam auf Bs Wange zu. Fünf Zentimeter können hier einen riesengroßen Unterschied machen. Also hält A immer wieder inne und fragt nach, was B spürt. Gefühle, die dabei auftauchen, reichen von Angst über Traurigkeit bis hin zur Sehnsucht nach Berührung und Freude – bei A, und natürlich auch bei B. Die Berührung endet knapp vor der Wange.

Wie geht es dann weiter?

Beim zweiten Durchlauf nutzt B eine Skala von 0 bis 10. 0 ist die geringste Intensität, das Streicheln der Wange. 10 ist die höchste Intensität, eine kräftige Ohrfeige. Die passive Person nennt eine Zahl, die sich für sie richtig anfühlt, und bittet den aktiven Partner damit um eine Ohrfeige. Vernünftigerweise nennt die passive Person erstmal eine niedrige Zahl. Bevor es zur Ohrfeige kommt, tastet A die Wange ab, um Kontakt zu machen: Wie groß ist meine Hand, wie groß deine Wange, wie passt das zusammen? Ohr und Auge dürfen nicht getroffen werden, das ist wichtig. Die Übung braucht sehr viel Achtsamkeit.

Die Rollen als aktiver und passiver werden im Lauf der Übung gewechselt. Nach jedem Durchgang gibt es viel Zeit für Austausch: Was habe ich gespürt? Was hast du gespürt? Was war neu, was gut, was war nicht gut? Was habe ich erlebt? Und wo warst du? Im Gespräch kann noch mehr Nähe und Intimität entstehen, diese Übung kann für beide sehr intensiv sein.

Wie reagieren Personen bei so einer Übung?

Sehr unterschiedlich. Manche Menschen fühlen sich befreit, verspielt und lebendig. Sie sind erstaunt wie lebendig sich in Wirklichkeit das anfühlt, wovon sie eine starre, oft negative Idee hatten. Bei Menschen, die in der Vergangenheit Gewalt erlebt haben, holt diese Übung vielleicht alte Gefühle hoch. Manche weinen. Es entsteht wertschätzender Kontakt. Sie wiederholen nicht das, was ihnen in der Vergangenheit passiert ist, sondern erfahren es in einem neuen, sicheren Kontext und können die damit verbundenen Gefühle ausdrücken. Manche Menschen erleben alle beschriebenen Gefühle im Laufe der Übung: Trauer und Schmerz und Lebendigkeit.

Wie kann so etwas Sex bereichern?

Beispielsweise dadurch, dass man Dinge neu fühlt und sich etwas aneignet, von dem man vorher geglaubt hat, dass man das nie machen würde. Zum Beispiel: "Ohrfeigen? Die gibt man nicht. Das ist ja gruselig." Dadurch, dass man starre Vorstellungen mit realen Gefühlen füllt, egal ob mit Lust, Unlust, Traurigkeit, Angst, Wut oder Scham. Denn erfüllende Sexualität braucht kein "Fester, Geiler, Stärker". Erfüllende Sexualität braucht die Fähigkeit, tief zu empfinden und das zu genießen. So paradox es klingen mag: Bewusstes BDSM kann uns neue Formen von Lebendigkeit, Verspieltheit und Kreativität lehren. Bewusstes BDSM lehrt uns Verbindung, Verbundenheit und Kontakt. All das ist eine Bereicherung für unser Leben.

Berührung beginnt auf der Grenze. BDSM ist Berührung auf der Grenze. Ohne Grenzen – Kontakt mit allen Gefühlen – klappt bewusstes BDSM nicht. Es braucht nicht das Beherrschen perfekter Technik. In Wahrheit brauchen wir die Fähigkeit, Verbindung, Verbundenheit und Kontakt herzustellen und zu halten. Es lohnt sich, das zu lernen. BDSM fordert uns immer wieder dazu auf.

Ist BDSM etwas für jeden?

BDSM ist weder für alle spannend noch geeignet. Auch hier unterscheidet sich BDSM nicht im Geringsten von anderen Interessen, persönlichen Vorlieben oder Formen der Sexualität. Die Frage, die man sich immer wieder selbst stellen sollte, ist: Ist es ein Weg mit Herz? Wenn ja, ist er gut. Wenn nicht, ist er nutzlos. Dann geh einen anderen Weg, finde deinen.

 Neuer Podcast: Grenzen spüren

Grenzen setzen, das ist eine wichtige Fähigkeit - natürlich nicht nur beim Sex, aber im intimen Kontakt mit Menschen ist sie besonders gefragt. Aber wo sind diese Grenzen überhaupt? Existieren sie nur in unseren Gedanken oder gibt es auch einen körperlichen Ausdruck für sie?

In diesem Podcast hilft euch Sexualtherapeutin Susanna Sitari-Rescio diese Grenzen zu visualisieren. Dadurch erschafft ihr ein inneres Bild davon, wo euer Raum anfängt und ein anderer beginnt. Das kann euch helfen, einen ersten Eindruck davon zu bekommen, wie sie sich im Körper anfühlen und sie auch im Alltag stärker wahrzunehmen.


Alle Podcasts der NEON-Reihe #sexbewusst mit Übungen und Meditationen findet ihr hier.





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