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sexbewusst-header-img #SEXBEWUSST Die neue NEON-Serie für junge Frauen und alle, die sich sonst noch dafür interessieren

NEON-Reihe #sexbewusst: Ist Slow Sex einfach nur langsamer Sex? Nope, und es ist auch keine neue Sex-Technik

Was ist Slow Sex eigentlich genau? Die Psychologin und Achtsamkeitstrainerin Hella Suderow bietet Paar-Seminare über achtsame Sexualität an. Im Gespräch mit NEON erklärt sie, worum es dabei geht.

Ist Slow Sex eine neue Technik? Nein, sagt Psychologin und Slow-Sex-Kurs-Anbieterin Hella Suderow. Wie Slow Sex Sexualität verändern kann, erklärt sie im Interview.

Ist Slow Sex eine neue Technik? Nein, sagt Psychologin und Slow-Sex-Kurs-Anbieterin Hella Suderow. Wie Slow Sex Sexualität verändern kann, erklärt sie im Interview.

Leistungsdruck, Prüfungen, Abgabefristen können ganz schön stressen. Dazu kommt, dass wir heute immer häufiger vor Bildschirmen rumhängen. Das hat nicht nur Auswirkung auf unsere Beziehungen, sondern - oh Wunder!- auch auf den Sex, den wir haben. Slow Sex kann einen Raum öffnen, in dem sich Paare wieder neu aufeinander beziehen lernen. Die Psychologin und Achtsamkeitstrainerin Hella Suderow erklärt im Gespräch mit NEON, was sich hinter dieser Art von Sex verbirgt.

NEON: Bedeutet Slow Sex, dass wir Sex einfach langsamer machen?

Hella Suderow: Der Begriff ist etwas irreführend. Er ist von der Slow-Food-Bewegung abgeleitet und bezieht sich darauf, bewusst zu genießen: von Sensation hin zu mehr Sensibilität. Wenn wir mehr Bewusstsein in das hineinbringen, was wir tun, werden wir von ganz allein langsamer. Wenn ich mich bemühe, im Sex langsamer zu sein, dann wäre es eine Technik und Slow Sex ist keine neue Technik für besseren Sex! Wenn ich mich auf ein bewusstes Spüren meines Körpers einlasse, entsteht Intensität von ganz allein. Aber unser Kopf möchte lieber eine Technik, weil das vermeintlich Sicherheit gibt.

Das heißt: Worum geht es beim Slow Sex?

Slow Sex verbindet Sex mit Achtsamkeit, wodurch eine größere Tiefe im gemeinsamen Erleben entstehen kann und die sexuelle Energie mit Herz und Bewusstheit verbunden wird. Durch die bewusste Rückverbindung mit dem Herzen entsteht ein echter Raum von Liebe. Sex wird so wieder zum wirklichen Liebemachen.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist die jedem Menschen innewohnende Fähigkeit, mit den Sinnen bei dem anwesend zu sein, was gerade ist – eine Fähigkeit, die wir schulen können. Viele denken jetzt vielleicht, dass sie das doch ständig tun. Wir tun es aber oft nicht, weil wir mit unserer Aufmerksamkeit während wir etwas machen, wie zum Beispiel essen, in Gedanken mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind. Wir erleben dann nicht das, was wir tun, sondern sind im Autopilot-Modus und folgen eingeschliffenen Verhaltens- oder Denkmustern. Manchmal kann dies auch hilfreich sein, zum Beispiel für das Autofahren: ich muss das Kuppeln, Schalten und Lenken nicht immer wieder neu erlernen. Aber für bestimmte Dinge ist es überhaupt nicht hilfreich.

Und was bedeutet das für Sex?

Für mich ist Achtsamkeit mittlerweile die Grundvoraussetzung für eine erfüllende Sexualität. Denn gerade im Sex sind wir, ohne es zu merken, oft im Autopilot-Modus: Wir haben uns bestimmte Muster antrainiert, wie wir zum Beispiel zum Orgasmus kommen, oder wie wir den Partner erregen. Wir verfolgen oft altbekannte und immer wiederkehrende Abläufe, statt uns mit den Empfindungen unseres Körpers zu verbinden, mit dem, was wir dort spüren und erleben. Oft sind wir mehr im Kopf, also in unseren Vorstellungen davon, wie Sex zu sein hat. Wenn ich zum Beispiel auf ein Ziel, wie den Orgasmus, ausgerichtet bin, kann ich nicht mehr bewusst wahrnehmen, was ich gerade jetzt in meinem Körper erlebe. Ich bin in der Zukunft – da, wo ich hin will und nicht mehr in der Gegenwart. Achtsamkeit ist ein wichtiger Schlüssel, um mich mit dem Erleben im Körper zu verbinden und wirklich mitzubekommen, was hier passiert, was sich gut anfühlt – und natürlich auch, was sich nicht so gut anfühlt.

Wie entsteht so ein Autopilot im Sex?

Gerade, wenn wir uns noch nicht gut kennen und Sex miteinander haben, ist der sexuelle Raum oft noch sehr unsicher. Dann auf Dinge zurückgreifen zu können, die wir gelernt oder auch über zum Beispiel Pornos gesehen haben, gibt vermeintlich erst einmal eine gewisse Sicherheit im Miteinander. Der Autopilot im Sex entsteht unter anderem, um zu verhindern, dass wir mit für uns schwierigen Gefühlen in Kontakt kommen. Damit die Sexualität in einer Beziehung aber wirklich nährend und verbindend ist, braucht es die liebevolle Einbeziehung aller Gefühle, die auftauchen. Um uns in unserer Beziehung und Sexualität weiterzuentwickeln – was für mich bedeutet, dass der Sex auch in längeren Beziehungen lebendig bleibt und lustvoller werden kann – ist es hilfreich zu erkennen und zu wissen, welche Muster ich entwickelt habe und wie ich aus ihnen auch wieder aussteigen kann. Dafür brauche ich wiederum einen sicheren Beziehungsraum, in dem ich mich meinem Partner auch mit meiner Unsicherheit und Verletzlichkeit zeigen kann. In dieser Art des Zusammenseins kann wirkliche Liebe füreinander wachsen.

Wie kann Achtsamkeit bei der Sexualität speziell für Frauen wirken?  

Ich denke, es ist für alle Menschen wichtig. Für uns Frauen ist es im Sex wichtig, um unsere Vagina von innen zu spüren: Was tut mir gut und was nicht so sehr? Als Frau lasse ich den anderen in mein Körperinneres eintreten. Deshalb tut es mir gut, wenn ich mich in diesem inneren Raum, in den ich jemanden einlade, gut auskenne. Das ist für mich sehr kostbar. 

Ich finde es jedoch wichtig, dass Frauen auch außerhalb des sexuellen Kontextes ihre Vagina und ihr Becken wahrnehmen lernen. Viele Frauen sind in diesem Teil ihres Körpers nicht zu Hause. Das habe ich bei mir selbst erlebt und bei vielen meiner Klientinnen. Um diese Rückverbindung zu erschaffen, braucht es einen Übungsraum außerhalb der Partnerschaft. Das ist etwas, was wir Frauen uns zurückerobern dürfen.

Wie könnte so ein Übungsraum aussehen?

Wir können das über jegliche Art von Körperarbeit lernen: Tanzen, Qigong, Yoga oder was auch immer hilft, um sich wieder bewusst im Körper zu spüren. Wir leben in einer zunehmend entkörperten Gesellschaft. Das hört sich erst einmal komisch an, da wir ja einen Körper haben – er  muss schön und trainiert sein – aber wir spüren ihn selten von innen heraus. Der Hirnforschers Gerald Hüther sagt: „Lernen muss Freude machen, damit ich es tue.“ Ich würde deshalb nie sagen: der eine Weg ist der Beste. Die Frage ist: Was ist es, das mir Freude macht, damit ich mich wieder mehr in meinem Innenraum spüren lerne? 

Wie kann man das in der Partnerschaft umsetzen?

Wenn ich das in meine Sexualität einladen möchte, dann braucht es auch einen Übungsraum außerhalb der Sexualität. Ich kann nicht den ganzen Tag am Computer sitzen, rauchen, trinken und unbewusst meinen Alltag gestalten, um dann in den Sex zu gehen und zu erwarten, auf Knopfdruck bewusst zu sein. Das ist in der Regel für die Partnerschaft und die Sexualität eine Überforderung. In unseren Slow-Sex- Seminaren praktizieren wir auch Yoga und Meditation. Die Paare realisieren nach dieser Woche, dass sie sich insgesamt bewusster spüren, und das wirkt sich auch positiv auf das Erleben der gemeinsamen Sexualität aus.

In ihrem Buch über Slow Sex beschreibt Diana Richardson eine Technik, die weiches Eindringen heißt: Was ist das genau?

Ich rede nicht gerne über Techniken, denn wenn jemand noch nicht viel Erfahrungen mit Slow Sex gemacht hat und nun hört, dass da Vagina und Penis ohne jegliche Erregung zusammengebracht werden können, entsteht oft ein falsches Bild von Slow Sex.  Deshalb hier ganz deutlich: Das weiche Eindringen ist eine von vielen Möglichkeiten, die Körper auf entspannte Weise zusammenzubringen, ohne unbedingt Lust haben zu müssen! Die Lust kann dann dabei entstehen oder eben auch nicht. 

Vagina und Penis ohne Erregung ineinander zu führen, ist allerdings für viele eine ungewöhnliche Vorstellung: Für was kann das gut sein?

Damit die Vagina bereit ist, einen harten Penis wirklich aufzunehmen, braucht die Frau in der Regel mindestens eine halbe Stunde Einstimmung: Küssen, streicheln, liebkosen, was auch immer den Körper öffnet. Manche Frauen brauchen mehr, andere weniger Zeit. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass ich Männer oft viel zu schnell in mich hineingelassen habe, obwohl ich noch nicht wirklich bereit war. Dafür kann nicht der Mann etwas – das ist meine Verantwortung. Vielleicht schämen wir uns dafür, so viel Zeit zu brauchen, oder wir wollen dem Mann gefallen oder ihn nicht verunsichern. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein. Es lohnt sich jedoch, hier einmal ehrlich zu forschen. Denn wenn wir nicht auf unseren Körper hören, verschließt er sich und wir verlieren das Interesse am Sex. 

Also: Um sich in der Tiefe zu öffnen und in ein intensives sexuelles Erleben zu kommen, brauchen die meisten Frauen vor allem Zeit! Das haben wir in unserem Alltag aber leider nicht immer – deshalb kann die Variante des weichen Eindringens eine schöne Möglichkeit sein, auch mal anders – vielleicht spielerischer und unkomplizierter – miteinander in Kontakt zu gehen. Auf diese Weise können sich die Genitalien aufeinander einstimmen und in ein ganz natürliches miteinander Schwingen kommen. Durch das entspannte Einstimmen entsteht ein Austausch zwischen den beiden. Durch das viele Tun sind Vagina und Penis oft überspannt. Aber eigentlich sind Vagina und Penis ganz empfindliche Fühlorgane und entwickeln eine Natürlichkeit im Miteinander, der wir uns dann einfach wieder anvertrauen können.

Wo können Frauen in Bezug auf Sex, Dinge verändern?

Ich glaube, dass es von uns Frauen ausgehen darf, eine neue sexuelle Revolution zu starten. Es gab eine sexuelle Revolution in den 60er und 70er Jahren. Eine sexuelle Befreiung von Scham und Schuld. Was dabei jedoch fehlte, war die Rückverbindung mit der Liebe. Wenn Sexualität nur auf der Beckenebene stattfindet, ist sie nicht in ihrem vollen Potenzial. Das hat zur Folge, dass wir immer mehr Stimuli brauchen, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Das Resultat: eine objektbezogene Sexualität. Wir benutzen einander für Lust und Genuss. Pornographie ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn wir dort stehen bleiben, wird Sex hohl und fade. 

Ich denke, es ist wichtig, dass wir Frauen die Rückverbindung zum Herzen initiieren, und auch den ganzen Aspekt von Entspannung in den Sex einladen. Aus meiner langjährigen Erfahrung mit Gruppen fällt es Frauen oft leichter, das zu tun, aber die Männer sind ihnen durchaus dankbar dafür. Weil auch sie oft darunter leiden, immer funktionieren zu müssen, ihren Mann zu stehen, gute Liebhaber zu sein. Ich denke, dass es die Verantwortung der Frauen ist, Sex anders zu definieren: Achtsamkeit, Empfindsamkeit, Kontakt, Herz anstatt Leistungsorientierung und Lustoptimierung.

Beim Sex wahrzunehmen und auszudrücken, was man braucht, fällt allerdings oft auch nicht so leicht.

Das stimmt: Ich brauche einerseits die Bereitschaft zu untersuchen, was gerade in mir passiert an Körperempfindungen, Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken. Und dann brauche ich auch Mut, dies mit meinem Partner in Kontakt zu bringen, mich mit alldem zu zeigen. Mit Hilfe der Achtsamkeit lerne ich differenzierter wahrzunehmen, und zu sagen: Da taucht gerade Scham oder Angst auf, ich empfinde Schmerz. Aber auch: Diese Art von Berührung tut mir wirklich gut und entspannt mich. Der Fokus der Aufmerksamkeit ist aber bei mir, nicht beim anderen. Ich mache keine Vorwürfe oder kritisiere den anderen. Das würde den Beziehungsraum total verunsichern und wäre das Aus für die Sexualität. Wir sind so verwundbar, wenn wir miteinander Liebe machen! Aber wenn wir anfangen, uns ehrlicher zu zeigen mit dem, was uns gut tut und was nicht, entsteht echte Nähe und Intimität. Das Zusammensein wird dann immer natürlicher und entspannter und der Sex kann dann wieder richtig Freude machen, was wir uns in einer Beziehung sicher alle wünschen.

Neuer Podcast: Achtsame Berührung - so geht's

Wie geht das eigentlich: gutes Berühren? In unserem neuen Podcast der #sexbewusst-Reihe könnt ihr das selbst ausprobieren. Sexualberaterin Susanna-Sitari Rescio lädt euch ein, verschiedene Qualitäten von Berührung an euch selbst auszuprobieren.

Welche Berührungen sind angenehm? Welche Körperbereiche lösen welche Empfindungen aus? Wie zart kann eine Berührung sein? In dieser 20-minütigen Übung könnt ihr euch auf die Suche begeben. Viel Spaß dabei!

Alle Podcasts der NEON-Reihe #sexbewusst mit Übungen und Meditationen findet ihr hier.